Erstes bundesweites Treffen der Großelterndienste in Erfurt

  • In Erfurt treffen sich einmal im Monat Mitglieder des Großelterndienstes zu einem Frühhstück. Zwei solcher Initiativen gibt es mittlerweile.  Foto: Susann Fromm In Erfurt treffen sich einmal im Monat Mitglieder des Großelterndienstes zu einem Frühhstück. Zwei solcher Initiativen gibt es mittlerweile. Foto: Susann Fromm
Immer mehr ältere Menschen in Deutschland sind Opa oder Oma auf Zeit. "Wenn die eigenen Großeltern 400 Kilometer entfernt leben, sind die Wahlverwandten eine echte Alternative", sagte Sigrun Fuchs von der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen am Freitag in Erfurt.
Erfurt. Die Leih-Omas und -Opas verbringen Zeit mit Kindern, deren leibliche Großeltern weit weg wohnen oder pflegebedürftig sind. Die Wunsch-Großeltern gehen mit den Kindern in den Zoo, lesen ihnen Geschichten vor oder backen in der Weihnachtszeit gemeinsam Plätzchen.

Zum ersten bundesweiten Treffen der Großelterndienste hatte die LEG geladen und 75 Vertreter aus ganz Deutschland waren angereist. Diese Vernetzung sei eine "vorbildliche Initiative Thüringens", würdigte Dieter Hackler vom Bundesfamilienministerium das Engagement der Gesellschaft. Die Rolle der Großeltern habe sich in den zurückliegenden Jahren enorm gewandelt, so Hackler.

Die Beziehungen zwischen den Generationen seien vor allem in jenen Familien besonders eng, die nahe beieinander- wohnen. Bis zu einer Entfernung von einer Stunde Autofahrt würden sich die Generationen wöchentlich treffen. "Die Enkel profitieren dann von ihren Großeltern und umgekehrt", ist Hackler überzeugt.

Der geistige Austausch funktioniere auch mit den Wunsch-Großeltern, versicherte der Generationenbeauftragte der Thüringer Landesregierung Michael Panse . Der Kontakt mit den Kindern sei für die älteren Menschen eine Aufgabe für den Lebensabend und schütze sie vor Alters-Einsamkeit.

Für die Heranwachsenden sei der Erfahrungsschatz der älteren Generation wichtig. "Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der 15- bis 20-jährigen Deutschen keinen Kontakt zu Menschen über 60", sagte Panse. Die Großelterndienste leisteten einen Beitrag dazu, dies zu ändern.

Wunschenkel betreuen Wunschgroßteltern

In Berlin waren es beim Start des dortigen Großelterndienstes vor 23 Jahren vor allem alleinstehende ältere Frauen, die sich engagierten, berichtete die Projektleiterin Helga Krull. "Viele Menschen haben Beruf oder Studium nach Berlin verschlagen, sie haben dort keine Verwandten." Krull betreut inzwischen 490 Senioren, die sich in 600 Berliner Familien um rund 800 Kinder kümmern. "Einige Omas und Opas sind schon von Beginn an dabei", so Krull. In diesen Fällen habe sich die Situation inzwischen umgekehrt und die Wunschenkel kümmerten sich um ihre Wunschgroßeltern.

Auch der Austausch unter den beteiligten Großeltern sei von großer Bedeutung. Deshalb organisiere man regelmäßige Ausflüge und Weiterbildungen. Ausschlaggebend für die älteren Menschen sei das Gefühl, gebraucht zu werden und Anerkennung zu bekommen, so Krull. Noch in einer anderen Hinsicht sei das Engagement der älteren Generation unerlässlich, ergänzte Loring Sittler, Leiter des Generali Zukunftsfonds: "Um die sozialen Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern, ist unsere Gesellschaft auf Senioren dringend angewiesen. Ich denke hier zum Beispiel an junge Eltern, die Beruf und Familie miteinander vereinen wollen. Für sie ist ehrenamtliches Engagement der älteren Generation, etwa in Großelterndiensten, eine wichtige Hilfe im Alltag."

Senioren stärker als bisher darin bestärken, dass ihr Engagement erwünscht ist. "Das erste bundesweite Treffen der Großelterndienste leistet hier einen wichtigen Beitrag", erklärte Sittler. Sein Unternehmen werde das Projekt auch in der Zukunft unterstützen, weil es einen "irrsinnig großen Bedarf" gebe.

Beim gestrigen ersten bundesweiten Treffen konnten sich die Teilnehmer in Fachvorträgen und Workshops einen Überblick über aktuelle gesellschaftliche Veränderungen und die zunehmende Bedeutung ehrenamtlichen Engagements in einer älter werdenden Gesellschaft verschaffen.

Im Mittelpunkt des Treffens stand neben dem gemeinsamen Austausch von Erfahrungen auch die Frage, wie sich Großelterndienste bundesweit künftig besser miteinander vernetzen können.

"Senioren, die einen eigenen Großelterndienst ins Leben rufen und erfolgreich betreiben möchten, werden mit einer ganzen Reihe von rechtlichen und organisatorischen Fragen konfrontiert. Daher ist es wichtig, ehrenamtliches Engagement durch geeignete Strukturen zu fördern und die notwendigen Hilfestellungen zu geben", erklärt die Initiatorin des Treffens Sigrun Fuchs. Bislang haben sich 220 Großelterndienste in ganz Deutschland gemeldet, sie sei aber sicher, dass es noch mehr gebe, sagte Fuchs. In Thüringen arbeiten 18 Großelterndienste, einige sind allerdings laut Fuchs noch im Aufbau. Für alle Interessierten hat die LEG inzwischen eine eigene Seite im Internet eingerichtet.


Bernd Jentsch / 02.06.12 / TA
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