Die Zunge sieht und das Auge schmeckt: Ausstellung im Neuen Museum Weimar
Porträt
Licht und Farben inmitten des Schattens: In der Arbeit "Motion in Space - Space in Motion" von Dieter Jung zeigen computergenerierte Hologramme bewegte Farbfigurationen. Foto:Peter Michaelis
Die Schau "Vision" zum Weimarer Kunstfest überlässt es Künstlern, uns erneut für die Magie der visuellen Wahrnehmung zu begeistern. Die Ausstellung die in Kooperation mit dem ZKM in Karlsruhe entstand, wird am Sonntag, 21. August, eröffnet.
Weimar. Wem er nicht von der Seite weicht, der fühlt sich schnell bedrängt, gar belauert. Und wer ihn schließlich doch abschütteln kann, der ist nicht lange glücklich, denn ihm fehlt ein beachtlicher Teil seiner Persönlichkeit: Wenige Phänomene haben die Literatur, vor allem aber die darstellenden Künste Malerei, Film und Fotografie so sehr beschäftigt wie der Schatten. Obwohl er untrennbar mit dem Menschen verbunden ist, ja erst durch ihn überhaupt entsteht, ist er unbeständig - und flüchtet, sobald man ihn festhalten will. Dem in Köln lebenden Künstler Pipo Tafel ist es gelungen, menschliche Schatten nicht nur einzufangen, sondern sie sogar von "ihren" Körpern zu trennen: In der von ihm entworfenen und von Daniel Berwanger umgesetzten Installation "Shadowing" werden Besucher per Kamera aufgezeichnet und können beobachten, wie sich ihr Schatten von ihnen löst. Vor allem aber können sie ihren plötzlich verselbstständigten Doppelgänger ganz anders wahrnehmen, ihn am Ärmel zupfen oder ihn einfach links liegen lassen. Allein die Vorstellung ist so anziehend wie befremdlich, der Tanz mit dem eigenen Schatten öffnet eine bisher unbekannte Dimension. Besucher können darin ab Sonntag Fuß fassen, wenn die diesjährige Kunstfest-Ausstellung "Vision. Das Sehen" im Neuen Museum Weimar eröffnet wird. Die erstmals vorgeführte und zweifach ausgezeichnete Installation "Shadowing", interaktive Performance und Medienkunst zugleich, ist dabei eine von über 20 aktuellen künstlerischen Positionen, die das Sehen und die menschliche Wahrnehmung thematisieren. Man blickt entgeistert in fantastische Farbzirkulationen, verliert sich in Hologrammen, 3D-Animationen und irritierenden Zusammenhängen und ist bald schon doppelt perplex: Zum einen, weil sich im Zurschaustellen des Sehens dessen Komplexität erahnen lässt, und zum anderen, weil die Künstler mit immensem Ideenreichtum sichtbar machen, wie wir (nicht) sehen.
Für die Erkenntnis braucht es Distanz
Wobei aber nicht nur reine Kunstprojekte ausgestellt werden, wie Andreas Beitin betont, der die Schau zusammen mit Peter Weibel kuratiert hat. Alle Arbeiten, darunter größtenteils Installationen und Videos, verbinden Kunst, Technik und Wissenschaft miteinander, zudem sind Arbeiten der Neurophysiologie und von Studenten der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe zu sehen. "Im Sprachgebrauch ist eine Vision entweder eine Vorstellung in der Zukunft oder eine Halluzination, etwas, was wir eigentlich nicht sehen können", sagt Andreas Beitin, der das Museum für Neue Kunst des ZKM leitet. Genau dieses Nicht-Existente sichtbar zu machen und sich dadurch der eigenen visuellen Wahrnehmung bewusst zu werden, sei Zielsetzung dieser Ausstellung.
Einen dreidimensionalen Raum konstruiert der Betrachter beim Blick auf dieses zweidimensionale Bild. "Changing Rooms" von Mark Wallinger lässt den Blick nach innen zu, die Strahlen der Glühlampe werfen ihn jedoch sogleich zurück. Foto:Peter Michaelis
Und sie gelingt, zum Beispiel auf verblüffend einfache Weise mit dem Bild "Changing Rooms" von Mark Wallinger. Hier genügt allein eine Vielzahl von Linien, die auf einen Fluchtpunkt zulaufen, um als Betrachter einen perspektivischen, dreidimensionalen Raum zu konstruieren, obwohl man auf eine zweidimensionale Fläche schaut. Dieser eindringende Blick des Betrachters wird zurückgeworfen durch eine aus dem Bild herausstrahlende Glühlampe. Der Italiener Giovanni Anselmo macht seine Botschaft für den Betrachter erst deutlich, wenn dieser in den Lichtstrahl des Diaprojektors tritt: "Visibile", sichtbar, erscheint dann auf dessen Bein. Damit stößt Anselmo den Ausstellungsbesucher auf die fundamentale Voraussetzungen für das Sehen: Man benötigt Licht. Sichtbar wird es selbst erst dann, wenn es auf eine Materie trifft und von dort reflektiert wird.
Gleich mehrere Künstler haben mit dieser Lichtbrechung experimentiert, Alberto Biasi und Piero Fogliati nutzen jeweils rotierende Prismen unterschiedlicher Beschaffenheit. Von Dieter Jung sind auf drei transparenten Flächen computergenerierte Hologramme zu sehen, die bewegte Farbfigurationen zeigen.
Aluminium in Bewegung: "Prisma meccanico" von Piero Fogliati. Foto: Kunstfest
Bei einer Vielzahl der Exponate surrt, knattert oder schallt es, man gerät in Bewegung beim Austesten der "Umkehrbrille" von Carsten Höller oder beim Interagieren mit dem Laser in "Other Dimension" von Max-Gerd Retzlaff und Alex Wenger, was dem sonst eher ruhigen und bedächtig wirkenden Neuen Museum durchaus gut tut. Und doch hätten weniger Installationen in der Variation mit völlig anderen Exponaten noch mehr Wirkung entfalten können. So erlebt man etwa das Bild "No isi Vision" als willkommene Abwechslung: Ecke Bonk hat dafür das Licht in seine farbigen Bestandteile zerlegt und diese so in kleinen Kreisen angeordnet, dass nach pointillistischer Manier eine geometrisch-ornamentale Komposition entsteht. Das Bild ist zugleich Ausstellungsmotiv, und vielleicht assoziiert man damit zunächst die bunten Kringel, die einem vor Augen tanzen, wenn man zu lange in gleißendes Sonnenlicht geschaut hat. Wer hingegen weiterhin an die Pointillisten und etwa an Seurats "Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte" denkt, wird sich zum Spiel mit Nähe und Distanz hinreißen lassen: Je weiter man sich vom Bild entfernt und den Abstand vergrößert, desto deutlicher erkennt das Auge im Punkteregen das Wort "Vision". Doch nicht zwangsläufig müssen Augen und Sehen eine Einheit bilden, wie die Ausstellung zeigt: Axel Roch lässt in "Ambiguous Signalscapes" die Besucher mit ihren Augen "malen", indem ein Infrarotscanner deren Bewegungen abtastet. Mit einer speziellen Brille, die amerikanische Wissenschaftler entwickelt haben und die in einem Film vorgeführt wird, lassen sich visuelle Reize in elektrische Impulse umwandeln: Die Zunge "sieht", das Sehen schmeckt - Visionen, wohin das Auge schaut.
Quantumcinema - Jenseits des Sichtbaren, eine Arbeit von Renate Quehenberger. Foto: Peter Michaelis
Auf neue und ungewohnte Seherfahrungen treffen Besucher ab Sonntag in der Ausstellung "Vision. Das Sehen" im Neuen Museum Weimar. In der Schauzum Kunstfest "pèlerinages", die in Kooperation mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) entstand, verwischen die Grenzen zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft. Nach den Ausstellungen "Das digitale Bauhaus" 2005 und 2006 ist dies die dritte Zusammenarbeit zwischen Kunstfest und ZKM. Bis 16. Oktober, Di-So 11-18 Uhr, Eröffnung am Sonntag, 21. August, 15 Uhr