"Dionysos" in Salzburg

Zum Programmauftakt in Salzburg eine Uraufführung. Ganz so, wie es sich eigentlich immer für die Festspiele gehört, die sich im Sommer für den Nabel der Kunstwelt halten. Der Komponist Wolfgang Rihm und sein Thema Dionysos sind dafür die richtige künstlerische Preislage.
Salzburg. Die Dionysos-Dithyramben von Nietzsche sind Ausgangspunkt und Inspiration. "Text von Wolfgang Rihm, Worte von Friedrich Nietzsche" heißt es, ziemlich treffend, unter der Gattungsbezeichnung "Eine Opern-Fantasie". Rihm benutzt die philosophische Höhenluftpoesie von Nietzsche als Material, rückt sie in seine Klangwelt, stellt sie aber nicht infrage. Was die Distanz zur Lebenswirklichkeit von heute einschließt. Für die aufs exemplarisch Assoziative zielenden Gedankenpartikel gibt es aber Räume: einen See, ein Gebirge und drei Innenräume (darunter ein Bordell), schließlich einen Platz, auf dem eine Figur namens "N" im Zentrum des musikalischen Selbsterkundungsgeschehens steht. Multitalent und Enfant terrible Jonathan Meese kommt dem als Bühnenbildner näher als Regisseur Pierre Audi, der mehr arrangiert als interpretiert. Meeses Maßlosigkeit mit grobem Pinselstrich und hingeworfenen geometrischen Figuren lässt sich auch auf Räume ein. Auf Wellengebirge und Pyramiden-Bergspitzen oder knallbunte Bordell-Versatzstücke. In den farbig bewegten Raumfantasien entfaltet sich Rihms Musik. Mit Frauenlachen und Nymphenspiel, mit ruhigem Fluß, jubelnden Ausbrüchen. Dem groß besetzten Orchester öffnet er mitunter alle Schleusen für seine Klangsinnlichkeit. Das behauptet alles einen klangpoetischen Kunstanspruch und Sinnlichkeit. Rihms "Dionysos" ist musikalisch sicher mehr als eine lukullische Pseudomoderne, bleibt aber doch den spätromantischen Vorfahren stärker verpflichtet als einem verstörenden Aufbruch zu neuen Ufern. Ingo Metzmacher am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin ist für Wanderungen durch solche Orchesterhochgebirge genau der richtige Bergführer. Mit klarem Blick für Pfade und Abgründe, für die Schönheit des Fernblicks und der Details. Und mit Lust an der Sache. Mojca Erdmann imponiert mit ihrer so sicheren wie schwindelerregenden Ariadne-Höhe, Johannes Martin Kränzle mit seiner kraftvollen Eloquenz als Nietzsche-Alter-ego "N" und Matthias Klink als dialogischer "Gast" an dessen Seite. Das Uraufführungsensemble wurde zu Recht bejubelt. Nächste Vorstellung: heute.


Joachim Lange / 30.07.10 / TA
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