Vor 30 Jahren waren sie das Bolschoi-Orchester. Heute sind sie Moskauer Möbelpacker, Markthändler, Museumswächter. Aber Musiker, das sind sie noch immer, das vergisst sich nicht.
Porträt
Erfurt. Und einer, der Dirigent Andrei, 1980 geschasst wie seine jüdischen Geiger und Trompeter, holt sie wieder zusammen für einen letzten Tschaikowski in Paris. Vorhang auf für "Das Konzert". Der französisch-rumänische Regisseur Radu Mihaileanu ist ein Spezialist im lebensnotwendigen Täuschen und Tricksen. 1998 schickte er im "Zug des Lebens" ein ganzes jüdisches Dorf auf ein Himmelfahrtskommando: Die Bewohner, zum Teil als SS-Männer verkleidet, deportierten sich selbst, ehe die Nazis es taten. Mihaileanus neuester Film handelt von einer nicht minder ehrenwerten Hochstapelei: Jüdische Orchestermusiker, in der Breshnew-Ära als "Volksfeinde" gedemütigt und gefeuert, geben sich 30 Jahre später auf einer Gastspielreise als das echte Bolschoi-Orchester aus. Sie spielen sich selbst, um endlich wieder werden zu können, was sie sind. Keine Putzmänner und -frauen, keine Taxifahrer, sondern: Künstler. Ein Chaotenhaufen sind sie allerdings auch. In hinreißend turbulenten Szenen schildert Mihaileanu die Odyssee von Moskau nach Paris und lässt dabei kein Klischee aus: Der schwarzlockige Konzertmeister und seine Roma-Familie fälschen die Pässe und Visa gleich am Flughafen Scheremetjewo, die Spesen werden sofort in Alkohol umgesetzt, der fromme jüdische Trompeter und sein Sohn machen in Paris ein kleines Vermögen mit russischem Kaviar und koreanischen Billighandys. Es gibt den stiernackigen KPdSU-Bonzen, der sein gutes Herz entdeckt, und den Oligarchen, der sich fett und dreist ins Orchester einkauft. Aber aller Klamauk überdeckt nicht die leise, traurige Geschichte im Zentrum des Films: die Geschichte von Andrei (Alexei Guskow), der Tschaikowskis Violinkonzert dirigieren muss, um sein Trauma zu überwinden, und von Anne-Marie (überragend: Mélanie Laurent), der Stargeigerin, deren Vergangenheit unverhofft eng mit dem falschen - und einzig wahren - Bolschoi-Orchester verquickt ist. Mihaileanu trägt in knalligen Farben dick auf, er ist so maßlos und sentimental wie der Zigeunerprimas am Konzertmeisterpult, aber gerade das Mit- und Durcheinander von Rührstück, Schelmenstreich, Satire und Märchen machen diesen Film so wunderbar: eine Hymne auf die Macht der Musik.