Historiker Wolffsohn: "Die Stasi belog sich nicht selbst"

  • Der Historiker Michael Wolffsohn stellt sich kritischen Fragen zur Stasi. Foto: ddp
Der Historiker Michael Wolffsohn (63) hält es für lohnenswert, den MfS-Akten über belastete West-Geheimdienstler nachzugehen.
Wie verlässlich sind die über einstige Bundesbürger angelegten Stasi-Akten?

Diese Frage haben wir seit 1990 immer wieder erörtert, und es hat sich herausgestellt, dass sich die Stasi nicht selbst belog. Insofern sind diese Dokumente, die natürlich gegengeprüft werden, tatsächlich ernst zu nehmen.

Mit dem Material wurden aber auch Angriffe, wie zum Beispiel gegen Bundespräsident Lübke als KZ-Baumeister geführt, bei denen Manipulationen nachweisbar waren.

Hier muss man aber unterscheiden zwischen nach außen gerichteter Propaganda und internen Dokumenten. So waren die Aktionen der DDR gegen Globke oder auch Lübke fabriziert worden. So weit ich die jetzige Aktenfreigabe verstehe, handelt es sich dabei um interne Dokumente, die vom MfS nicht für den Außengebrauch bestimmt waren, sondern zunächst die Fakten gesammelt haben. Sie ergeben zumindest eine wichtige Fährte, die weiter zu prüfen ist. Dem muss man also weiter nachgehen.

Warum erfolgt das so spät?

Das müssen Sie die Birthler-Behörde fragen.

Es scheiterten aber schon andere Projekte zur Aufarbeitung der NS-Belastung der ersten BND-Generationen, wird da nicht seit Langem geblockt?

Widerstände gibt es immer wieder. Doch die Aufklärung kommt ohnehin früher oder später, also am besten gleich und freiwillig. Denn Aufklärung ist immer sinnvoll. Ein Gemeinwesen, das bezüglich seiner Moralität Zweifel hat, hat keine Selbstrechtfertigung. Die Demokratie im Allgemeinen, wie auch die der Bundesrepublik, lebt von der weißen Weste.

Erwarten Sie noch Überraschungen durch die Freigabe dieser Akten?

Das bleibt abzuwarten. Wir wollen wissen, was gewesen ist. Auch wenn inzwischen die meisten NS-belasteten Geheimdienstler im Westen tot sein dürften, so gehört die Aufarbeitung dieses Kapitels zur Geschichte der Bundesrepublik Das ist nun Aufgabe der Historiker.


Ingo Linsel / 13.07.10 / TA
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