Leben spenden: Silke Alberti rettete ihrem Mann das Leben

  • Silke Alberti hat ihrem Mann Uwe ein Stück ihrer Leber gespendet. Foto: Marco Kneise Silke Alberti hat ihrem Mann Uwe ein Stück ihrer Leber gespendet. Foto: Marco Kneise
Leben spenden (1): Silke Alberti entschied sich vor zwei Jahren, ihrem Mann ein Stück ihrer Leber zu spenden. Die Transplantation gelang, Uwe Alberti überlebte. Für die heute 46-jährige Apoldaerin änderte diese Operation viel. Mit ihren Schwierigkeiten fühlt sie sich allein gelassen.
Erfurt. Der Blick fällt auf zwei lebensgroße Fotos. Wegschauen funktioniert nicht.

In Schwarz-Weiß zeigen sie ein Paar: Silke und Uwe Alberti. Auf einem der Bilder steht der 51-Jährige mit freiem Oberkörper. Seine Frau hat ihr T-Shirt hochgestreift, sodass der Bauch zu sehen ist. Wer genauer hin-schaut, entdeckt die Schnitte an beiden Leibern.

"Diese Fotos haben wir einige Wochen nach der Transplantation bei einer Reise nach Berlin gemacht", erzählt Silke Alberti. "Wir wollten unsere Operationsnarben nicht verstecken. Und wir wollten zeigen, es gibt uns noch. Beide."

Der Tod saß lange mit am Tisch, stand nachts in der Ecke des Schlafzimmers, stieg die Treppen im Haus mit und drängte sich mit ins Krankenbett.

Drei Jahre ist das her.

Eine Gallenverengung löste das Desaster aus. Die Gallenwege von Uwe Alberti mussten geweitet werden, ein Routineeingriff, hieß es. Doch bei der Operation gerieten Bakterien in die Leber. Es folgten hohes Fieber, Antibiotikabehandlungen, eine Sepsis nach der anderen. 13-mal Notaufnahme, 13-mal Überlebenskampf.

"Aber du willst das nicht wahrhaben. Wir ließen alle denkbaren Ursachen abchecken, vom tropischen Virus bis zur Allergie auf eine bestimmte Teesorte", sagt Silke Alberti. "Bis es nicht mehr wegzuschieben war: Die Leber ist kaputt. Ohne ein neues Organ muss mein Mann sterben."

Uwe Alberti wird auf die Warteliste gesetzt: "Ich stand ziemlich weit oben, es war halt kritisch." Doch irgendwann nehmen die Ärzte ihm die Hoffnung. Nein, es wird dauern, vielleicht zu lange.

Der Fernsehtechnikermeister ist häufig krank, drei Viertel der Zeit verbringt er in der Klinik. Sein Zustand wird immer schlechter.

Silke Alberti begleitet ihren Mann. In die Notaufnahme nach Jena, zu den Gesprächen mit dem Transplantationsarzt, bei den nächtlichen Suchen nach rettenden Informationen im Internet, zum "Lebertag" am 24. Februar 2010 in die Jenaer Uni-Klinik.

Das Datum hat das Paar bis heute parat: Das kleine Akkreditierungskärtchen hängt über Uwe Albertis Schreibtisch.

In Jena lernen sie zwei andere Paare kennen. Lebendspender.

"Es war ein Mann, der für seine Frau gespendet hatte, und ein Sohn, der für seine Mutter spendete", erinnert sich Silke Alberti. "Die haben so positiv gesprochen, waren so glücklich, dass mich das sehr berührt und total ermutigt hat."

Noch am selben Tag fragt sie den Professor, ob sie ihrem Mann helfen könnte. Mit einem Teil ihrer Leber.

Uwe Alberti blockt ab. Nein, warum soll sich seine Frau den Körper zerschneiden lassen, um ihn zu retten? Das geht nicht, das will er nicht, das wäre unmoralisch. Außerdem kann es ja gar nicht funktionieren. Schließlich hat Silke eine ganz andere Blutgruppe.

Die Familie ist voller Sorge. Mutter und Schwester von Silke Alberti bangen um ihre Gesundheit. Was wird werden? Erholt sich der Körper nach so einer Tortur?

Doch das Paar sehnt sich nach einem normalen Leben zurück. Einem gemeinsamen.

Silke Alberti ist bereit. Sie hat sich informiert und weiß, die andere Blutgruppe ist kein Problem.

Irgendwann überzeugt eine Ärztin Uwe Alberti. "Sie hat gesagt: ,Ihre Frau will ihnen ein Geschenk machen. Und es ist an Ihnen, es anzunehmen. Da hab ich eingelenkt", sagt er. "Wenn man kurz vor dem Abnippeln ist, greift man nach jedem Strohhalm!"

Silke Albertis Leber wird gemessen. Das Organ muss ausreichend groß sein, um davon etwas wegzunehmen. Es ist grenzwertig, aber machbar.

Das Blut beider des Spenders und des Empfängers muss kompatibel sein. Das ist es.

Das Herz muss belastbar sein, um die Operation zu überstehen. Es ist stark.

Mit Fragebögen, Einzelgesprächen, Paargesprächen werden die Beziehung und die Psyche ausgelotet. Es dürfen keine Abhängigkeiten bestehen. Die Spenderin muss stabil und gefestigt sein. Ist sie.

Die Ethik-Kommission stellt teils skurrile Fragen, findet das Paar. Doch die Antworten überzeugen.

"Ich hatte ein Super-Gefühl", erinnert sich Silke Alberti. "Ich wollte es unbedingt."

Es ist der 13. April 2010. Endlich kann die Transplantation stattfinden. Die Apoldaer sind voller Hoffnung.

Es dauert ein Vierteljahr, bis Uwe Alberti entlassen werden kann. Und es braucht weitere sechs Monate, um ihn "aufzupäppeln". "Bei anderen ging das schneller, die waren nach sechs Wochen schon wieder fit."

Im August 2010 lenkt ein Prominenter den öffentlichen Blick auf das Thema Lebendspende: Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier spendet seiner Frau eine Niere. Wenige Wochen danach steht er wieder auf der politischen Bühne.

Bei den Albertis sieht es anders aus. "Bis heute ist mein Körper eine große Baustelle", sagt Uwe Alberti. Die Medikamente, die das Abstoßen des fremden Organs verhindern sollen, machen ihn anfällig. Kursieren Infektionen im Umfeld, wird es für ihn lebensgefährlich. Husten, Schnupfen, Fieber sind keine Seltenheit. Die Immunabwehr lahmt.

Auch seine vordem agile, kraftvolle Frau hat nach der Operation zu kämpfen. "Meine Tochter nahm sich extra vom Studium frei, um mich zu pflegen", erzählt Silke Alberti. "Früher bin ich ohne Probleme mit dem Rad von Apolda nach Jena gefahren. Heute wäre das gar nicht mehr denkbar. Ich bin weit weniger belastbar."

Zwei Monate Arbeitsausfall, keine Sozialbeiträge, niemanden interessiert das. Die Transplantation ist geglückt, doch jetzt beginnt der Streit mit Behörden und Institutionen.

Ihr Schicksal bewegt

ganz Apolda

Die Krankenkasse sieht weder Anlass für eine Pflegehilfe noch für eine Reha-Kur oder andere Unterstützung. Schließlich sei ein Spender nach sechs Wochen wieder arbeitsfähig.

"Ich bin bitter enttäuscht", sagt Silke Alberti. "Ich wurde allein gelassen, hatte keinen sozialen Schutz mehr und musste mir selber helfen. Das ist verdammt schwer."

Wenn Silke und Uwe Alberti heute durch Apolda gehen, werden sie oft angesprochen. Apolda ist klein, man kennt sich aus der evangelischen Kirchgemeinde, dem Kunstverein.

Die Anteilnahme von anderen rührt das Paar. Wer von ihrem Schicksal erfährt, zollt ihnen Respekt und Anerkennung. "Das tut gut", sagt Silke Alberti.

Manchmal hat sie in den zurückliegenden Monaten gezweifelt, ob ihre Entscheidung richtig war. Das "Danach" hatte sie sich einfacher vorgestellt. Ihr Mann sagt: "Ich bin am Leben, das ist der entscheidende Punkt. Das hab ich allein meiner Frau zu verdanken."

Übrigens auch seine neuerliche Neurodermitis und die Gier nach Schokolade. Das Gewebe liefere schließlich gewisse Eigenschaften des Spenders mit, lacht er.

Auf einem der großformatigen Bilder schaut Silke Alberti zu ihrem Mann auf: Du lebst!

Sie ist ein Teil von ihm.


Britta Hinkel / 07.07.12 / tag
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Kommentare
11.07.12 - 08:20
uwe alberti
Lieber Herr Ritter, dass Sie gegen Organspende nach Ihrem "Fast"-Tod sind ist zu akzeptieren. Aber bitte bedenken Sie: Der Organspendeausweis ist nicht für Sie da, sondern für Ihre Angehörigen. Denn die werden im Falle des Falles angefragt, ob Organe entnommen werden dürfen oder nicht. Wenn Sie dieses Nein mit Ihrem Ausweis dokumentieren und Ihren Angehörigen auch kommunizieren, dann wird denen eine große Last in einem schweren Moment genommen.
07.07.12 - 20:40
Protestwähler
Leider ist, auf Grund unchristlich moralfrei, teils ja gar schon gewissenlos korrupt käuflicher Politik, der Patient im deutschen Gesundheitswesen inzwischen zu allererst ein Zahl- bzw. Kostenfaktor und nicht etwa ein erkrankter Mensch dem bestmöglich geholfen werden sollte. Deshalb bleibt einem da nur viel Glück bzw. Gottessegen, wer wie hier die Alberti auf medizininsche Hilfe angewiesen ist! Wann gehen die Deutschen endlich gegen soviel menschenverachtendes Unrecht wieder auf die Strasse und jagen wie schon 1989 die falschen Volks(v)ertreter aus dem Amt!!!
07.07.12 - 16:37
Kai Ritter
Ich hatte einen Organspendeausweis immer bei mir, aber ich habe ihn zerissen. Keiner, aber auch nicht einer in der Medizin tätigen (von der Schwester bis zum Oberarzt) konnte mir mit 100%iger Sicherheit garantieren, dass man sich einer evtl. Notversorgung mit Ausweis die gleiche Mühe gibt, wie ohne. Ich will damit sagen, ich habe das Bauchgefühl nicht losbekommen mit einem solchen Ausweis gefährlicher zu leben. Aktuell bin ich nur Blutspender und in der Knochenmarkspendedatei aufgenommen.
 
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