Mammuts an der Unstrut

  • Ein eiszeitlicher Knochen aus der Kiesgrube. Foto: Wilhelm Slodczyk
Obwohl derzeit hunderttausende Kubikmeter Erdmassen für den Bau der A 71 durch die Instrut-Aue benötigt werden, will die Mitteldeutsche Kies- und Mischwerke GmbH ihre alte Förderstelle zwischen Wiehe und Roßleben nicht reaktivieren.
Wiehe. Geheimnisvolle Pfahlbauten aus dem Mittelalter und Überreste eiszeitlicher Tiere ruhen somit weiter im Verborgenen. Für einige Tage in den späten neunziger Jahren brach zwischen Wiehe und Roßleben Goldgräberstimmung aus. Hobby-Paläontologen aus ganz Deutschland begannen an der Landesstraße 1217 in der Erde zu stochern. Sogar mysteriöse Autos mit rumänischen Kennzeichen sollen damals gesichtet worden sein schließlich erzielen Mammutknochen, Stoßzähne von Waldelefanten, Geweihe von Riesenhirschen oder Backenzähne von Wollnashörnern auf dem Fossilienmarkt beachtliche Preise.

Die Chance auf spektakuläre Funde war damals so gut wie nie. Um neue Fördermöglichkeiten zu analysieren, hatte das Bauunternehmen Kann Beton seine mit Wasser vollgelaufene Kiesgrube wenige hundert Meter westlich der Landesstraße vollständig abgepumpt und damit ein Stück Geschichte des Unstruttals freigelegt. Sedimentschicht für Sedimentschicht gab nun ihre Geheimnisse preis. Hunderte Knochen eiszeitlicher Säugetiere zu finden, die andernorts für immer und ewig unentdeckt bleiben.

Bereits wenige Tage zuvor hatte das Thüringer Landesamt für Archäologie die Überreste der vor zehntausenden Jahren ausgestorbenen Spezies kistenweise abtransportiert unter anderem einen rund 1,50 Meter langen Mammutzahn, der heute im Weimarer Museum für Urund Frühgeschichte zu sehen ist. Um weitere Schatzsucher fernzuhalten, wird der exakte Fundort auf der Erklärtafel wohlweißlich verschwiegen. Bereits 1994, am ersten Tag der Kiesförderung durch Kann Beton, waren die Weimarer Landesarchäologen auf die Stelle aufmerksam geworden.

"Ich kam gerade mit dem Fahrrad von der Arbeit, als ich aus den Erdhaufen merkwürdige Holzpfähle aufragen sah", erzählt Rudolf Wendling, heute Rentner und damals Biologie-, Chemie- und Astronomielehrer am Roßlebener Klostergymnasium. Es waren Überreste einer hochmittelalterlichen "Stelzenburg" aus dem 13. Jahrhundert, wie das Team um Professor Diethard Walter unter anderem anhand zahlreicher Tonscherben herausfand. "Hier könnten Fischer gelebt haben, die mit Wiehe, Roßleben und den Adligen auf dem Wendelstein Handel trieben", glaubt Rudolf Wendling, der selbst passionierter Hobbyarchäologe ist. Als die Kiesgrube wenige Jahre später erneut abgepumpt wurde, fand er im morastigen Boden viele weitere Indizien.

Unter anderem Fischgitter, Tierknochen und mit verkohltem Holz und festgebackenem Lehm Spuren eines Brandes. "Wann die ,Stelzenburg zerstört wurde, wissen wir leider nicht", bedauert Wendling, "in den Stadtarchiven von Wiehe und Roßleben finden sich leider keine Hinweise." Somit bleibt den Archäologen und Heimatforschern nichts weiter übrig, als über den geheimnisvollen Ort zu spekulieren. War es ein längst ausgetrockneter Seitenarm der Unstrut oder ein großer Teich, an dem unsere Vorfahren auf Fischfang gingen? Wie groß war die Stelzenburg wirklich? Und warum finden sich hier so viele Knochen. War die Kiesgrube vor zehntausenden Jahren etwa ein Ort, an dem Eiszeitjäger ihre Beute töteten und ausweideten Bissspuren aasfressender Hyänen könnten dies These stützen.

Ebenso eine eindeutig von Menschenhand geschaffene Knochennadel. Ob die Fragen jemals geklärt werden können, ist unwahrscheinlich. Der bis zu zehn Meter tiefe Krater hat sich längst wieder mit Wasser gefüllt. Und die Mitteldeutsche Kieswerke GmbH, die das Gelände 2001 von Kann Beton kaufte, hat kein Interesse daran, diesen Zustand zu ändern. "Es wären noch etliche Tonnen Kies zu holen, lohnen würde es sich wegen der schlechten Qualität aber nicht", erklärt der für Rohstoffsicherung zuständige Hartmut Huhle. Denn zwischen den Kiesschichten befinden sich große Lehmablagerungen, die bei der Förderung hinderlich sind. Auch Professor Walter drückt auf die Euphoriebremse: "Die Freilegung weiterer Siedlungsteile und Knochen wäre viel zu teuer und aufwendig."


Gottfried Mahling / 29.07.10 / TA
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