Wie nah kam Bayerns Verfassungsschutz dem NSU-Terrortrio?

  • Noch diesen Sommer hing im Hinterhof des "Braunen Hauses" in Jena dieses Plakat. Archivfoto: dapd Noch diesen Sommer hing im Hinterhof des "Braunen Hauses" in Jena dieses Plakat. Archivfoto: dapd
Der Bayerische Verfassungsschutz soll in den 1990er Jahren den hochrangigen Rechtextremisten Kai D. im Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) installiert haben. Nach Informationen unserer Zeitung führte die Behörde offenbar über mehrere Jahre den bekannten fränkischen Neonazi Kai Markus D. als Informanten.
Erfurt. Der Bayerische Verfassungsschutz soll Ende der 1990er-Jahre im Umfeld des rechtsextremen Thüringer Heimatschutzes einen hochrangigen Informanten installiert haben. Nach Informationen unserer Zeitung führte die Behörde über mehrere Jahre den bekannten fränkischen Neonazi Kai D. als Kontaktperson.

D. habe ab den Jahren 1994/95 auch direkten Kontakt zu den späteren Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gepflegt, bestätigte ein ehemaliges führendes THS-Mitglied. Demnach habe D. in Thüringen "intensive Aufbauhilfe" für die rechte Szene betrieben und Propagandamaterial in großem Stil nach Thüringen gebracht.

Der für den Neonazi und V-Mann Tino Brandt zuständige Thüringer Verfassungsschützer Reiner Bode hatte jüngst bei einer Befragung angegeben, dass Brandt seine Spionage-Tätigkeit in der Szene offenbart hätte und zwar gegenüber einer weiteren Quelle des Verfassungsschutzes eines anderen Bundeslandes. Brandt erklärte daraufhin gegenüber unserer Zeitung, dass er "einzig und allein" mit D. über seine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst gesprochen habe.

Der bayerische Verfassungsschutz wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Zwar sei D. in der Szene sehr präsent gewesen, hieß es, Details aber könne man nicht nennen.

D. galt als Betreiber des im Jahr 1993 entstandenen neonazistischen Thule-Netzes, welches mit in der Szene kursierenden Bombenbau-Anleitungen in Verbindung gebracht wurde.

Zu diesem Thema soll er sich auch mit Uwe Mundlos ausgetauscht haben, heißt es. Die Neonaziszene nutzte das Netzwerk für den Nachrichtenaustausch und Verabredungen.

Das Thüringer Landeskriminalamt ermittelte bereits Mitte der 1990er-Jahre unter anderem gegen den heute 48-jährigen Kai D. wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ein anderer Verdächtiger der Gruppe war laut den Unterlagen der Sonder-Ermittlergruppe "Trio" des Bundeskriminalamtes neben Tino Brandt auch der Jenaer Ralf Wohlleben, der einer der Hauptbeschuldigten im NSU-Verfahren ist.

Auch der Untersuchungsausschuss in Bayern will sich nach Informationen des BR-Magazins "Kontrovers" mit dem Vorgang beschäftigen. Die Mitglieder forderten gestern die Staatsregierung auf, alle Akten und Dateien vorzulegen, die den in Berlin geborenen Kai D. und das Thule-Netzwerk betreffen.

Insgesamt fünf der zehn Morde des NSU wurden in Bayern begangen. Der Prozess gegen Beate Zschäpe und andere Beschuldigte soll offenbar in München stattfinden. Bereits im Jahr 2006 erkundigten sich die damals ermittelnden Beamten der Soko "Bosporus" nach den führenden Neonazis im Großraum Nürnberg. Doch die Spuren verliefen im Sande.


Kai Mudra / Peter Rathay / 16.10.12 / TA
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