Sachsen am Meer: Kunstsammlung Gera zeigt thematische Schau

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Die Kunstsammlungen Gera zeigen, beginnend mit den 50er Jahren, Werke von 70 Künstlern, die ihr Oeuvre zu größten Teilen in der DDR entwickelten. Zumeist handelt es sich um Malerei, ergänzt durch wenige Werke der Plastik. "Sachsen am Meer", so der Titel der Ausstellung, meint vor allem ostdeutsche Malerei und bietet so wunderbare Wiederbegegnungen mit Spitzenwerken aus mehr als 50 Jahren.
Gera. "Die ostdeutsche Malerei durchzieht, untergründig bis obsessiv, die Liebe zum Meer - insbesondere zur Ostsee", so beginnen die Ausstellungsmacher Holger Peter Saupe und Paul Kaiser, der eine aus dem Osten, der andere aus dem Westen, den Katalog und den Werbeflyer. Damit verkünden sie auch ihre Absicht, einen Rückblick zu halten auf Kunst, die in der "geschlossenen Gesellschaft" unter ambivalenten Verhältnissen entstand. Das Ergebnis ist in Kombination von Ausstellung und Katalog von deutschlandweiter Bedeutung. Was die Autoren zusammengetragen haben, ist von Bestand und zeichnet sich durch künstlerische Qualitäten aus, die ansonsten nicht mehr so häufig zu sehen sind. Nur wenige Arbeiten wären austauschbar oder durch bessere zu ersetzen, aber da kämen wir in Bereiche subjektiver Findungen, die natürlich bei den Kuratoren bleiben müssen.

Paul Kaiser meditiert in seinem Text zu Recht über das Grenzregime an der Ostsee und die unerfüllten Sehnsüchte der DDR-Bürger nach anderen Stränden außerhalb von DDR oder Bulgarien. Hierzu lässt sich in den Bildern von Frieder Heinze oder Uwe Pfeifer lesen. Der Katalog ist eine notwendige Ergänzung zur Ausstellung selbst, aber der Autor dieses Beitrags hat zuallererst die Bilder und ihre Ausstrahlung erlebt und hin und wieder auch ein Stück Kunstgeschichte rekapituliert.

Da sind am Beginn der Ausstellung Ulrich Knispels "Am Meer" von 1950 und Hans Kör-nigs "An der Ostsee" von 1956 zu sehen. Die heitere Komposition Knispels sagt natürlich gar nichts über die Auseinandersetzungen an der Hallenser Kunsthochschule, wo man dem Maler und seinen Studenten nach einem Ahrenshoop-Aufenthalt im Zuge der Formalismusdiskussion eine "lebensfeindliche Kunstdiktatur amerikanischer Prägung" vorwarf. Knispel verließ die DDR. Auch Hans Körnig wurde später in Dresden angefeindet und lebte seit 1961 in dem anderen Deutschland.

Andere Künstler blieben - so Hans Christoph, Herbert Behrens-Hangeler, Ernst Hassebrauk, Wilhelm Lachnit, Hans Jüchser oder Hans Kinder, um nur einige Namen der älteren Generation zu nennen - und hatten es mit ihrem Ausharren nicht leicht. Die Bilder sagen davon kaum etwas, es sind einfach gute Arbeiten. Die etwas Jüngeren wie Harald Metzkes oder Manfred Böttcher, Hans Vent, Claus Weidensdorfer oder Wasja Götze blieben ebenfalls und nahmen einen stillen Kampf auf, aus dem sie mit ihrer Kunst aus der Geschichte als Gewinner hervorgingen.

Keine Spur davon in den in Gera ausgestellten Bildern, dass einigen profilierten Malern nach der Ausstellung "Junge Künstler" der Akademie der Künste 1961 vorgeworfen wurde, sich nicht den Hauptfragen des Aufbaus des Sozialismus zuzuwenden. Harald Metzkes "Reiterkampf am Strand" (1956) aus seiner "schwarzen Periode" ist heute noch ein dynamisch bewegtes Bild prallen Menschenlebens und Manfred Böttchers "Drei Badende" (1958) ist immer noch ein herausragendes Werk von bleibender Allgemeingültigkeit. Oder haben Mattheuer und Tübke beim Malen des "Amor und die drei Grazien" (1983) und "Am Strand I" (1968) an die Querelen gedacht, die auch sie wie viele andere zu ertragen hatten? Die Bilder bleiben und behalten ihre ganz eigene Ausstrahlung.

Der Besucher darf getrost Walter Womackas "Am Strand" als Vorläufer einer verflachenden Event-Kultur auch der DDR beiseite legen - oder sich an den Siegeszug dieses Bildes, das an jeder Innentür der DDR-Reichsbahnzüge wie ein Abziehbild angeklebt war, erinnern. Besser wird es so und so nicht, auch wenn in Gera eine Fassung zu sehen ist, die einen Hauch verträglicher ist.

"Sachsen am Meer" ist mit dem fast ironischen Titel ein exzellentes Plädoyer für gute Kunst, in dem auch Künstler der späteren Generation wie Peter Graf, Clemens Gröszer, Frieder Heinze, Gerda Lepke, Michael Morgner, Uwe Pfeifer, Horst Sakulowski, um nur einige Namen völlig unterschiedlicher Künstlertemperamente zu nennen, vorkommen. Und noch Jüngere wie Moritz Götze oder Christoph Bouet erinnern daran, dass sich das Rad immer weiter dreht. Glücklicherweise auch oft für die Kunst, wie die Ausstellung in Gera überzeugend zeigt.

"Sachsen am Meer" ist bis 19. September in der Geraer Orangerie zu sehen.


Jörg-Heiko Bruns / 29.07.10 / TA
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