Skifliegen im Selbstversuch: Das traurige V

  • Abenteuer: In Steinach bietet das Rennsteig Outdoor Center Skifliegen für jedermann an. Foto: Marco Schmidt
Tauchen, Reiten oder Klettern - jeder Urlaub lädt dazu ein, nicht alltägliche Dinge auszuprobieren. Möglich sind diese und andere Abenteuer auch vor der eigenen Haustür, wie unsere Ferienserie "Erlebnisland Thüringen" beweist. Heute: Skifliegen in Steinach.
Wer im Fernsehen schon einmal die Vierschanzen-Tournee verfolgt hat, weiß, dass zum Skispringen nicht viel dazugehört. Die größte Herausforderung besteht darin, sich monatelang nur von Leder und Sägespänen zu ernähren, um so leicht zu werden wie eine Feder. Der Rest geht fast von allein.

Zuerst gleitest du in eine saubere, gefräste Spur und gehst in die Hocke. In dieser Stellung verharrst du, bis der Schanzentisch so nah heran ist, dass du die Frisuren der Haltungsrichter erkennen kannst. In diesem Moment springst du ab.

In der Luft beugst du den Oberkörper nach vorn, drückst die Beine durch und stellst die Skier zu einem V. Dann balancierst du durch den Wind, wedelst aus dramatischen Gründen kurz mit einer Hand und landest schließlich so, wie die Leute in der norwegischen Provinz Telemark auf den Bus warten - im Ausfallschritt.

Was sie im Fernsehen nicht richtig zeigen, ist der Blick von der Schanze. Die Kamera kann zoomen und schwenken, wie sie will, größer als der Bildschirm wird das Tal nun einmal nicht. Das ist hier und jetzt irgendwie anders.

  • Fans: Freunde und Familie erwarten die mutigen Springer im Tal. Foto: Marco Schmidt
Der Skiflyer im Rennsteig Outdoor Center entstand durch einen Zufall. Als der Sportlehrer Heiko Walter das Zentrum gründete, fand er für den geplanten Hochseilgarten das Gelände hinter dem Steinacher Stadion. Am Hang standen drei nicht mehr genutzte Jugendschanzen herum, die größte für Sprünge um die 25 Meter. Beim Abbauen der Anlagen kam Walter die Idee, dass man sie doch dazu nutzen könnte, die Erfahrung des Skispringens für jedermann zugänglich zu machen. Da das Drahtseil auf einer Strecke von 150 Meter ins Tal führt, wurde sogar ein Ski-Fliegen für jedermann daraus der Skiflyer.

Tief atmend stehe ich auf einem überdachten Holzpodest. Das sonnige Tal, auf das ich schaue, füllt mein gesamtes Blickfeld aus. Schön grün und romantisch versteckt liegt es vor mir. Oder vielmehr unter mir: Verdammt steil neigt sich der Hang hinunter.

Deshalb atme ich auch so tief: Gerade bin ich eine endlose Eisentreppe hinaufgekraxelt, einen Helm auf dem Kopf, einen Gurt um die Hüfte und zwei lange breite Skier über der Schulter. Da kommt man schon mal ins Schwitzen.

Auf dem schattigen Podest kühle ich mich ab und warte. Wenn man im Fernsehen genau hinschaut, ist das Warten auf den Sprung sogar ein wesentlicher Bestandteil der Sportart. Während nebenan ein Mädchen am Absprung verkabelt wird, nutze ich diese Zeit, wie es sich gehört.

Ich gehe im Kopf noch einmal den Ablauf durch in die Hocke, abspringen, nach vorn, das V , wippe ein bisschen im Stand, um die Fußgelenke zu schmieren, und fachsimple mit einem Eichsfelder Ehepaar. Wir reden über Schanzenlegenden und die V-Technik. Der Mann ist schon gesprungen und rät mir, die Fußspitzen noch in der Spur nach oben zu ziehen.

  • Knallen und Zurren: Das Mädchen klappt mit den Skiern auf die Schanze und hängt kurz darauf unter dem Drahtseil. Foto: Marco Schmidt
Nebenan ein Knall und ein Zurren: Das festgeschnallte Mädchen klappt mit den Skiern auf die Schanze und hängt kurz darauf unter dem Drahtseil. Sie rauscht in die Tiefe und wird schnell immer kleiner. Als sie die Schattengrenze erreicht, leuchtet ihr gelber Helm in der Sonne. Ganz schön aufrecht hängt sie am Seil, denke ich. Doch jetzt bin ich an der Reihe.

Heiko Walters 24-jährige Tochter Elisa steht an der Seilwinde und winkt mich heran. Ich schnappe meine XXL-Skier weil ich mich vernünftig von Bratwurst und Rouladen ernähre und nicht von Sägespänen, habe ich einen ausreichend hohen Körper-Masse-Index, um nach den internationalen Regeln die Maximallänge zu springen. 2,20 Meter.

Ich stelle die Skier neben die Spur und schlüpfe hinein, Elisa zieht die Schnallen fest. In all den Jahren, seit es den Skiflyer gibt, hätten nur drei Leute an der Schanze einen Rückzieher gemacht, sagt sie. Auf den vierten, denke ich, kann sie ruhig noch ein bisschen warten.

Doch etwas mulmig ist mir schon zumute, als die Halterung, an der ich mich ins Tal stürzen soll, langsam mir entgegen nach oben fährt und ich in die Spur trete, die aus kleinen blauen Rollen besteht. Das macht sie schnell. Ich schaue ins Tal. Was eben noch steil war, sieht jetzt senkrecht aus und befindet sich direkt vor meinen Skispitzen.

Um den kritischen Moment hinauszuzögern, versuche ich, Elisa in ein Gespräch zu verwickeln. Doch während sie auf meine Frage hin erzählt, dass Vereine und Firmen, Skisprungfans und Gutscheininhaber, Schulklassen und Rentner , also wirklich jedermann das Abenteuer bucht, hält sie nicht in ihrer Arbeit inne. Ein Karabiner an die linke Hüfte, einer rechts, einer mittig an den Rücken. Dann öffnet sie die Kette, die mich vor dem Abgrund schützt, und sagt: Los gehts!

Die Halterung oben am Drahtseil rutscht langsam talwärts. Ihr Gewicht zieht mich mit. Plötzlich kippe ich um 45 Grad nach vorn, beschleunige auf den kleinen blauen Rollen fast wie im freien Fall und werde vom Seil in die Höhe gerissen. Links und rechts fliegen die Bäume am Hang vorbei, unter mir entfernt sich der Boden. In meinem Körper blubbert das Adrenalin. Gerade fange ich an, das Fluggefühl so richtig zu genießen, als mir einfällt, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe.

Ich wollte doch in die Hocke gehen! Ich wollte kraftvoll abspringen und den Körper anspannen! Und schon auf der Schanze die Fußspitzen nach oben ziehen, wie es mir der nette Eichsfelder geraten hat, das wollte ich auch! Für all das ist es längst zu spät. Schlaff wie ein Kartoffelsack hänge ich am Seil und schaffe es gerade noch, auf den letzten Metern mit den Skiern ein trauriges V zu bilden.

  • Ausbaumeln: Der Redakteur hängt nach seinem Sprung am Seil. Foto: Marco Schmidt
Der Flug, der sich stetig verlangsamt hat, wird nun völlig abgebremst. Ich baumele noch eine Weile am Seil und schaue bewusst nicht zu den Freunden und Familien der anderen Springer im Pavillon unter mir. Sie hatten an meinem Versuch sicher mächtig viel Freude, bestimmt grinsen sie noch immer.

Ein Mitarbeiter des Zentrums erlöst mich schließlich. Er zieht mich auf ein Holzpodest hinüber und ich stürze mich, während ich die Ski abschnalle, in die Fehleranalyse. Sie ist ziemlich einfach: Irgendwie ging mir das alles viel zu schnell. Was solls: Toll war es trotzdem.

Bei der Siegerehrung ruft mich Elisa Walter als einen der ersten auf. Denn sie beginnt von hinten. Auf meiner Urkunde steht die Haltungsnote 16,0. Gnädig zwar, aber eben auch schlecht. Schlechter als Eddie the Eagle!

Andererseits, welcher echte Skispringer ist schon in Topform, so mitten im Sommer.

Infos:

Das Rennsteig Outdoor Center (ROC) wurde 2001 von Heiko Walter in Steinach gegründet. Es befindet sich hinter dem Stadion (Adresse: "Schottland").

Neben dem Skiflyer und dem Hochseilgarten bietet das Team zahlreiche andere Naturerlebnisse an, darunter Bogenschießen, Kanufahrten oder Höhlentouren.

Der Skiflyer ist weltweit einmalig. Ein Kurs besteht aus einer Einweisung und einem bis vier Sprüngen. Die nötige Ausrüstung wird gestellt.

Kontakt: Tel. 0700 77 00 77 11


Holger Wetzel / 31.07.10 / TA
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