Taubenzüchter schicken 400 Jungtiere auf die Reise

  • 29.07.2010 Bischofferode Print Die Reisevereinigung Worbis schickt Ihre Jungtiere zum Ersten Flug nach Kassel / Start der Jungtierflugsaison / Taube / Brieftaube TA-Foto:Eckhard Jüngel
Ganz harmlos beginnt er - der erste offizielle Vorflug der Tauben, die in diesem Jahr geboren wurden. Auf dem Agrargelände Bischofferode stehen sie noch in Kisten herum. Doch eine nach der anderen wird in den Lkw der Reisevereinigung Worbis geladen.
Bischofferode. Es ist Donnerstagabend. Freitag in der Frühe sollen die Jungtiere ihre erste Mission erfüllen: einen 70-Kilometer- Flug von Hessen zurück in die heimischen Schläge. Seit zehn Jahren fährt Adelbert Bösecke Brieftauben durch das Land. Unfallfrei, wie der Teistunger betont. Er ist selbst Züchter und entsprechend vorsichtig mit der wertvollen Fracht. Hat er alle Tiere der Reisevereinigung, von über 50 Haltern, aufgeladen und noch dazu die der Nordhäuser Freunde, dann kön- nen über 1000 Lebewesen mit ihm auf Fahrt sein. In einem Lkw, der aus vielen Schubkästen besteht. Versorgt mit frischemWasser, gen Westdeutschland oder gar Frankreich.

Ist der Fahrer am Ziel, öffnet er nur noch die etwa 20 Zentimeter hohen Klappen. Dann erheben sich die gurren- den Geschöpfe in die Luft und haben nichts anderes im Sinn, als nach Hause zu fliegen. 500 Kilometer in fünf Stunden. Und die meisten landen genau dort, wo sie wohnen, in Jützenbach oder Neuendorf, Bischofferode oder Steinrode. Ohne Navi. "Bis heute ist nicht gänzlich geklärt, wie das funktioniert", erklärt Gerhard Jüttemann, Chef der Reisevereinigung Worbis. "Wir wissen aber, dass sie sich amMagnetfeld der Erde und am Stand der Sonne orientieren." Jüttemann, der Bergmann aus Holungen, hat selbst jede Menge Geflügel.

Wie alle anderen Züchter, verpasste er den Jung- tieren mit acht Tagen zwei Ringe, einen mit der Vereinsnummer 09047, dem Jahr ihrer Geburt und der Taubennummer, den zweiten mit seiner Telefon- nummer. "Wenn sich ein Tier verfliegt, weiß der Finder, wen er benachrichtigen kann", erklärt er. Er, der schon selbst et- liche fremde Tauben in seinem Schlag fand. Zuletzt benachrichtigte er einen Belgier und kam mit ihm über das Hobby ins Gespräch. Seit 50 Jahren geht das so, nur dass der gebürtige Bischofferöder die Tiere damals noch nicht in den Westen schicken durfte. Während Jüttemann erzählt, kümmern sich die Vereinskameraden darum, den Laster zu befüllen.

Ein leises Gurren erfüllt die Luft. Für das Federvieh ist Premiere. Ein weiterer Trainingsflug und fünf Wettbewerbsetappen werden folgen, eine immer etwas länger als die vorige. 250 Kilometer sollen es im siebten Durchgang sein. Start: Recklinghausen. Dass sie jede Woche gut durchkommen, ist Alfons Jahns Verdienst. Der Großbodunger ist Auflassleiter und gibt vor, wann die Klappen am Lkw gelüftet werden können. Gegen 4.30 Uhr steht er auf und er- kundigt sich via Internet und Bekannten entlang der Flugstrecke nach demWetter. "Dichter Nebel würde die Tiere behindern", erläutert er. Bei der jüngsten Hitzeperiode ließen die Eichsfelder selbst die erfahrenen Flieger nicht los. Die Auflassorte schreibt der Bundesverband vor.

Im Eichsfeld befindet sich einer unweit des Milchhofs an der Straße nach Birkungen. "Hier starten zum Beispiel viele Polen", weiß Gerhard Jüttemann. Zuständig für die Kollegen aus der Ferne ist Bernhard Schneider. Der Gernröder ist eines von 88 Mitgliedern der Reisevereinigung Worbis. Zusammen haben diese 2500 Tauben, sind in zehn Vereinen organisiert. In der Region gibt es zudem Reisevereinigungen in Heiligenstadt und Mühlhausen. In Letzterer frönen viele Taubenfreunde aus Dingelstädt und Umgebung ihrem Hobby.

"Ein ziemlich auf- wändiges", wie Horst Voß aus Steinrode bestätigt. Nicht nur weil auch der Lkw wöchentlich gesäubert werden muss. Doch irgend etwas fesselt die Herren. Wenn nur nicht die Greifvögel wären. Ihr Bestand wachse. Und immer mehr Tauben kehrten selbst von kleinen Rundflü- gen nicht zurück. Ein bisschen aufgeregt steckt Gerhard Jüttemann den letzten Vogel in den Wagen.


Thomas Müller / 31.07.10 / TA
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