Thüringen nach Fukushima: Gespräch mit Peter Bretschneider
Porträt
Die Verstrahlung des Meeres nahe des Krisen-AKW Fukushima liegt millionenfach über den erlaubten Werten. Foto: AFP
Deutschland steigt aus der Atomenergie aus. Darüber sind sich inzwischen alle Parteien einig. Doch wie geht es dann weiter? Damit beschäftigt sich eine neue Reihe unserer Zeitung. Zum Auftakt sprach Matthias Thüsing mit dem Energie-Experten Peter Bretschneider darüber, ob ein sofortiger Verzicht auf Kernkraft überhaupt möglich ist.
Reichen die vorhandenen Erzeugerkapazitäten aus, um von sofort an auf Atomkraft zu verzichten?Eine Pauschalaussage im Sinne von Ja oder Nein kann zu dieser Fragestellung nicht gegeben werden. Die Randbedingungen sind aus energietechnischer Perspektive einfach zu komplex. Inwiefern?Ein sofortiger Verzicht auf alle Kernkraftwerke würde rational betrachtet erst einmal einem Wegfall an Kraftwerksleistung in Höhe von rund 20 Gigawatt entsprechen. Das sind etwa 14 Prozent der gesamten installierten Leistung von 148 Gigawatt und zirka 20 Prozent der gesamten Jahresnettostromproduktion in Deutschland bezogen auf das Jahr 2009. Basierend auf der Jahreshöchstlast von rund 79 Gigawatt in 2007 könnte in einer ungünstigen Erzeuger-Verbrauchs-Konstellation der Bedarf zum Zeitpunkt der Jahreshöchstlast nicht mehr vollständig durch eigene Kapazitäten ohne zusätzliche Stromimporte gedeckt werden. Könnte also eine Unterversorgung drohen?Die Betonung liegt hier auf könnte, da der Eintritt eines solchen Szenarios von vielen Randbedingungen wie zum Beispiel der Stromeinspeisung aus Windkraft und der verfügbaren Reservekraftwerkskapazität abhängig ist. Inwieweit muss das Leitungsnetz aus- oder auch nur technisch umgebaut werden, um den fehlenden Atomstrom verstärkt durch regenerative Energien zu ersetzen?Hauptproblem der erneuerbaren Energien ist ihr fluktuie-render Charakter. So sind in Deutschland rund 30 Gigawatt Windenergieleistung installiert, die im Extremfall bei Windflaute überhaupt keine Energie einspeisen. Um die bestehende Versorgungssicherheit in Deutschland weiterhin zu gewährleisten, müssen entweder ausreichende Energiespeicher oder konventionelle Kraftwerke verfügbar sein. Des Weiteren sind die dezentralen Erzeuger wesentlich weiter von den großen Verbrauchszentren entfernt. Dadurch ist der Ausbau der Hochspannungsnetze bis 2020 um bis zu 3600 Kilometer Länge laut Dena Netzstudie II notwendig. Welchen Forschungsbeitrag kann das Fraunhofer Anwendungszentrum Systemtechnik hier leisten?Schon heute helfen unsere Softwarelösungen Energieversorgungsunternehmen in Europa zum Beispiel bei der Energiebeschaffungsplanung, der Kraftwerkseinsatzplanung und der Bedarfsprognose. Diese Lösungen werden in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen.
Können Sie ins Detail gehen?
Dr. Peter Bretschneider forscht am Fraunhofer-Anwendungszentrum Systemtechnik AST in Ilmenau an den Energiesystemen der Zukunft.
In unseren Forschungsprojekten wie e-Telligence geht es auch darum, Potenziale im Mittel- und Niederspannungsbereich, also in direkter Umgebung des Stromverbrauchers, zu identifizieren und bei der Steuerung des Energiesystems zu berücksichtigen. Wichtig ist, dass mit steigendem Anteil fluktuierender Erzeugung das Zusammenspiel von Netzbetreiber und dem liberalisierten Energiemarkt deutlich an Bedeutung gewinnt: Zum Beispiel sollten Netzsystemdienstleistungen auch bei erneuerbaren Energien, die für einen sicheren Netzbetrieb notwendig sind, am freien Markt nachfragbar sein. Mit der damit verbundenen intelligenten Netzbetriebsführung soll ein wesentlicher Teil der Probleme, die durch fluktuierende Erzeugung entstehen, minimiert werden. Genau an diesen Themen forschen wir hier am Fraunhofer AST in Ilmenau. Wäre ein kurzfristiger Ausstieg aus technischer Sicht überhaupt wünschenswert?Ein kurzfristiger Ausstieg wäre ein Treiber für die erneuerbaren Energien. Die zentrale Frage ist jedoch: Wie viel können wir uns leisten, um den Industriestandort Deutschland nicht zu gefährden? Insbesondere, solange in Europa auf konventionelle Kraftwerke und Atomkraft gesetzt wird. Was müsste passieren?Neben dem Ausbau der erneuerbaren Energien müssten parallel dazu Speicherkapazitäten in Größenordnungen geschaffen werden, um die Stromversorgung bei kurzfristigen und saisonalen Schwankungen sicherzustellen. Hier könnte insbesondere auch Thüringen mit seinen Wasserspeicherpotenzialen des Thüringer Waldes einen relevanten Beitrag leisten. Alternativ wären zusätzliche "Schattenkraftwerke" auf Gas- oder Kohlebasis notwendig - mit negativer Auswirkung auf die CO2-Bilanz. Welchen Beitrag leistet Fraunhofer hier?Als Forschungseinrichtung arbeiten wir mit unserem Know-how insbesondere an kostengünstigen und nachhaltigen Lösungen für den angestrebten Umbau des Energiesystems und sind damit in Deutschland ganz vorne dabei, wie die erfolgreichen Bewerbungen des Fraunhofer AST um die Fraunhofer-Zukunftsprojekte "Energiespeicher im Netz" und "Supergrid" zeigen. Lässt sich für den Fall eines raschen Atomausstiegs eine Kostenschätzung in Infrastruktur und Strompreis beziffern?Absehbar ist ein weiterer Anstieg der Strompreise, allerdings kann die Größenordnung aufgrund der Komplexität nicht ohne Weiteres beziffert werden.
Thüringen nach Fukushima: Gespräch mit Peter Bretschneider
Kommentare
29.04.11 - 02:19
thomas
die ta zeigt mal wider unkenntnis pur wenn es um gesamtheitliche fragen geht oder haben sich wider ein paar cdu gelder in die redaktion verirrt?
11.04.11 - 20:59
wei
ja dem stimme ich zu.Ein Blick in andere Zeitungen zb wie diese hier http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/stromexportweltmeister-deutschland/ lässt erkennen das die Stromnot gewaltig übertrieben wird.
06.04.11 - 13:56
nerz
Müßte ,könnte ,würde!!!! Herr Thüsing,was soll dieser Beitrag eigentlich vermitteln?? Auf jeden Fall:Jede Menge nichts konkretes !!