US-Politiker Henry Kissinger beim Bilderberg-Treffen 1978 in Princeton - Aufnahmen wie diese sind selten. Foto: J. Leone
Geheime Weltregierung oder auch nur einer von vielen informellen Debattierzirkeln? Seit es die von viel Geheimniskrämerei umgebenen Konferenzen der "Bilderberger" gibt, sorgen sie für wilde bis absurde Verschwörungstheorien. Anfang Juni soll es in Spanien wieder soweit sein.
Nun ist es also wieder bekannt: Das diesjährige Treffen der "Bilderberger" soll vermutlich Anfang Juni im Nordosten Spaniens stattfinden. Jedenfalls wollen das Insider herausgefunden haben. Die einschlägigen Internetforen und -blogs reagierten wie elektrisiert. Einmal mehr passt für die weltweit organisierten "Bilderberger"-Jäger alles zusammen. Das komplett gebuchte Luxushotel bei Barcelona, erste vage Spekulationen über mögliche Gesprächsthemen, die allgemeine Geheimniskrämerei. So viel indes scheint sicher: Auch diesmal werden sich wieder zwischen 100 und 150 einflussreiche Persönlichkeiten Unternehmer, Politiker, Geldadlige, Prominente aus Amerika und Europa hinter verschlossenen Türen treffen, um wichtige Fragen der Weltpolitik zu besprechen. Und wieder wird davon nur wenig an die Öffentlichkeit dringen. Denn so war es immer, seit es die "Bilderberg"-Konferenzen gibt. Der Name der Zusammenkünfte leitet sich ab vom ersten Tagungsort, dem Hotel de Bilderberg in Holland. Dorthin hatte 1954 Prinz Bernhard der Niederlande hochrangige Wirtschafts- und Politikvertreter eingeladen, um in der McCarthy-Ära etwas für die transatlantische Verständigung zu tun. Man sprach über den Kommunismus, über Kolonien und über Wirtschaftspolitik. Genaueres wussten nur die Teilnehmer selbst. Schon damals galt Verschwiegenheit als erste Pflicht des elitären Zirkels. Die eiserne Disziplin, mit der sich die meist kurz als "Bilderberger" bezeichneten Teilnehmer der seitdem jährlich einberufenenen Konferenzen an dieses Schweigegebot halten, ist in der Tat verblüffend und verleiht den Zusammenkünften eine absolute Ausnahmestellung. Promi-Gipfel dieser Art gibt es letztlich viele. Keinen begleiten jedoch so viele Spekulationen und Mutmaßungen wie die abgeschottenen "Bilderberg"-Gespräche. So trifft sich in Deutschland seit 1952 auch die "Atlantik-Brücke" für deutsch-amerikanische Verständigung. Die aber ist ein offiziell eingetragener Verein mit frei zugänglicher Homepage und trägt derzeit sogar ihre Führungskämpfe in aller Öffentlichkeit aus. Über die einst geheimen "Rive-Reine"-Treffen von Unternehmern und Politikern in der Schweiz berichtet inzwischen auch die dortige Presse. Nichts davon zu den "Bilderbergern". Es gibt keinen Verein, keine reguläre Mitgliedschaft. Man beschließt nichts und veröffentlicht kein Kommunique oder Bulletin. Auch findet sich weder eine Homepage, noch war das bisher an der Universität im niederländischen Leiden angesiedelte European Office in diesen Tagen zu erreichen. Das Einzige, was von dort bisher jährlich an die Öffentlichkeit gelangt, sind die Teilnehmerlisten freilich immer erst nach den Konferenzen. Je rarer die Informationen, desto wilder die Spekulationen. Die "Bilderberger" bieten Stoff für Verschwörungstheorien absurdester Art. Keine Krise, kein internationaler Konflikt, kein Wirtschaftskomplott, für den man die Treffen der Konzernchefs und Politiker nicht mit verantwortlich machen würde. Nach Lesart der Verschwörungstheoretiker würden die Bilderberger nach Belieben als "Königsmacher" oder "Königsmörder" agieren und natürlich hätten sie ihre weltmachthungrigen Finger auch bei der Euro- oder Griechenlandkrise mit im Spiel. Dass das Treffen 2009 in Athen stattfand, kommt da gerade recht. Mit Gerhard Wisnewski hat einer der rührigsten Vertreter der Zunft gerade wieder ein ganzes Buch mit solchen "Offenbarungen" veröffentlicht (Drahtzieher der Macht. Die Bilderberger Verschwörung der Spitzen von Wirtschaft, Politik und Medien, Knaur 2010). Mehr als die angeblich drohende geheime Weltregierung schrecken Fachleute allerdings die scheinbaren politischen Signale, die von den Konferenzen ausgehen können. Das Bedürfnis der Honorigen dieser Welt nach exklusiven oder sogar geheimen Bünden habe es immer gegeben, sagt Philosoph Rüdiger Bender von der Universität Erfurt. Kein Problem, so lange die Demokratie funktioniert. "Wenn aber solche Treffen den Eindruck vermitteln, dass hinter verschlossenen Türen die eigentlichen Strippen gezogen werden, trägt dies nicht zum guten Ruf der Politik bei", so Rüdiger Bender. Der Wissenschaftler war jüngst einer der Organisatoren des "Campus Anger", einer Art Freiluft-Universität zu politischen Themen in Erfurts Innenstadt. Aus dem regen öffentlichen Interesse schließt der Philosoph, dass es weniger eine Politik- als vielmehr eine Politikerverdrossenheit gibt. "Die Geheimniskrämerein um die Bilderberger könnte dieses Glaubwürdigkeitsproblem noch verstärken", sagt der Erfurter. Tatsächlich saßen neben deutschen Wirtschaftsgrößen wie Ex-Daimler-Vorstand Jürgen Schrempp oder Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann immer auch deutsche Politiker bei den Bilderbergern mit am Tisch. Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Angela Merkel
, Roland Koch oder Guido Westerwelle
sind nur einige aus der langen Liste, wobei die Teilnahmen von Merkel (2005) und Westerwelle (2007) in die Zeit vor ihren jetzigen Ämtern fallen. Ex-Bundespräsident Walter Scheel übernahm von 1980 bis 1985 sogar den Vorsitz der Bilderberg-Konferenz. Während nun etwa die finnische Regierung in den vergangenen Jahren immerhin in kurzen Mitteilungen über die Teilnahme ihres Personals informierte (im Internet unter www.vn.fi), stößt man hierzulande allenfalls auf wenige Nachfragen der Opposition. So liefert das Archiv des Bundestages zum Stichwort "Bilderberger" als Drucksache 11/2692 eine "Kleine Anfrage des Abgeordneten Kleinert" von den Grünen aus dem Jahre 1988 zur Teilnahme Helmut Kohls an der Konferenz im österreichischen Telfs-Buchen. Damalige Antwort des Außenministers: Kohl sei das einzige Regierungsmitglied gewesen, wegen des inoffiziellen und informellen privaten Charakters verfüge man darüber hinaus über keine zusätzlichen Informationen. 2009 eine ähnliche Frage der LinkenGesine Lötzsch, diesmal war offiziell kein Mitglied der Regierung bei den Bilderbergern. Aufschlussreicher ist da schon eine Replik des CDU-Bundestagsabgeordneten Eckart von Klaeden zu seinem Bilderberger-Trip 2008 nach Virginia. Gegenüber dem Internetforum abgeordnetenwatch.de schwärmte von Klaeden von der offenen Gesprächsatmosphäre der Konferenz, berief sich dann aber auf die vereinbarte Vertraulichkeit, "die ich nicht brechen werde". Weiter schrieb der Hildesheimer wörtlich: "Mich amüsieren die Unterstellungen und Spekulationen, die sich Jahr für Jahr mit der Bilderberg-Konferenz verbinden. Nichts davon ist wahr." Interessanterweise wurden die Kosten von Klaedens vom Bundestag übernommen. Dazu erklärte der CDU-Politiker, eine offizielle Teilnahme kenne die Konferenz zwar nicht, trotzdem sei seine Anwesentheit dort kein reines Privatvergnügen gewesen. "Der Dialog und Meinungsaustausch auf der Konferenz ist aber nichtsdestotrotz für meine Arbeit als Abgeordneter und als außen- politischer Sprecher meiner Fraktion sehr wertvoll."
Und 2010? "In diesem Jahr besucht keine offizielle Delegation des Bundestages die Bilderberg-Konferenz in Spanien", antwortet die Pressestelle des Bundestages auf eine TA-Anfrage. Ähnlich auch der telefonmündliche Bescheid aus dem Bundespresseamt zur Bundesregierung: Eine offizielle Teilnahme von Mitgliedern der Regierung gäbe es nicht. Da es sich um eine privat organisierte Veranstaltung handele, könne man die Teilnehmer nur beim Veranstalter erfragen. Kennen wird man sie spätestens dann, wenn nach der Konferenz die Namenslisten erscheinen. So oder so werden auch diesmal Verschwörungstheoretiker ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Wie man die Bilderberger gleichwohl auch sehen kann, offenbart der kanadische Literat Marshall Mc Luhan, den ein Journalist mit den Worten zitierte, er, McLuhan, sei 1969 "beinahe erstickt an der Banalität und Irrelevanz" der Debatten. Und der langjährige EU-Politiker Günter Verheugen, 1995 in der Schweiz dabei, schrieb an Buchautor Wisnewski, er "habe aus der Konferenz keinen besonderen Nutzen gezogen und Einladungen zu späteren Konferenzen so lange abgelehnt, bis keine mehr kamen." Nach geheimer Weltregierung klingt das eher nicht.
Zitate:
"Bei den Bilderberg-Konferenzen handelt es sich um inoffizielle und informelle private Gesprächskreise hochrangiger Persönlichkeiten aus aller Welt, die ad personam eingeladen werden. Bilderberg-Konferenzen sind ohne feste Organisationsstruktur oder Statut und dementsprechend ohne Mitgliedschaft. Sie dienen dem Meinungsaustausch der Teilnehmer. Da es sich um keine offiziellen Veranstaltungen handelt, verfügt die Bundesregierung über die einschlägige Medienberichterstattung hinaus über keine zusätzlichen Informationen." Aus: Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen, Drucksache 11/2768 vom 10. 8. 1988 "An der Bilderberg-Konferenz vom 14. bis 17. Mai 2009 in Griechenland hat kein Mitglied der Bundesregierung teilgenommen. Der Bundesregierung sind die Ergebnisse der Bilderberg-Konferenz 2009 in Griechenland nicht bekannt, so dass eine Bewertung dieser Ergebnisse nicht vorgenommen werden kann." Antwort des Parl. Staatssekretärs Hartmut Schauerte auf eine Frage der Linken, Drucksache 16/13102, 27. 5. 2009 "In diesem Jahr besucht keine offizielle Delegation des Bundestages die Bilderberg-Konferenz in Spanien." Antwort der Pressestelle des Bundestages auf eine TA-Anfrage vom 19.05.2010.