WAZ in Serbien mit Korruption, Nationalismus und Politik konfrontiert

  • Der Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe Bodo Hombach zeigt sich enttäuscht ob der Vorkommnisse in Serbien. Foto: Marco Schmidt Der Geschäftsführer der WAZ Mediengruppe Bodo Hombach zeigt sich enttäuscht ob der Vorkommnisse in Serbien. Foto: Marco Schmidt
Krach zwischen Deutschland und Serbien. Nie zuvor ist ein deutsches Unternehmen in Serbien öffentlich so an den Pranger gestellt worden wie die Essener WAZ-Mediengruppe. Eine schwere Belastung der Wirtschaftsbeziehungen ist die Folge.
Belgrad. Der deutsche Botschafter zeigte - diplomatisch vornehm - "kein Verständnis". Die Bundesregierung, das Europaparlament sowie die EU-Kommission interessieren sich für den Fall. "Ich bin enttäuscht über die serbische Staats- und Regierungsspitze", klagte Klaus Mangold vom Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Der Essener Medienkonzern WAZ ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung", zu der auch unsere Zeitung zählt - die Redaktion) ist in Serbien zum Feindbild aufgestiegen und möchte jetzt nur schnell seinen Besitz in diesem Balkanstaat verkaufen.

Dabei wollten die Deutschen, die schon zwei Zeitungen teilweise und ein Vertriebssystem ganz besitzen, eigentlich noch die Mehrheit am Boulevardblatt "Novosti" kaufen. Ein nationalistischer Aufschrei war die Folge.

Die WAZ hatte zwar den geschätzten Kaufpreis von 12 Millionen Euro an Mittelsmänner gezahlt, doch die rücken die Aktien nicht heraus. Wirtschaftsminister Mladjan Dinkic will sogar ein Geschäftsverbot für die Essener durchsetzen. Der bekannteste Karikaturist des Landes zeichnete den Minister diese Woche prompt als doppelköpfigen römischen Gott Janus. Die eine Seite gibt dem WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach einen Tritt, die andere reicht zwielichtigen heimischen Geschäftsleuten die Hand.

Auch in diesem Fall geht es wie in wenigstens einem Dutzend anderer Fälle um eine wenig durchschaubare Gemengelage von Korruption, Nationalismus und Politik. Europas größter TV-Konzern RTL war daran schon früher gescheitert. Metro schlug sich jahrelang mit Behinderungen herum, die offensichtlich von einem serbischen Mitbewerber in Auftrag gegeben worden waren.

Schon seit Jahren verhandelt Ikea seinen Markteintritt in Serbien. Beim bekanntesten Mineralwasserabfüller kamen weder die Spezialisten von Danone oder Coca Cola, sondern eine neu gegründete dubiose Holding eines Einheimischen zum Zuge. Diese Unternehmer, die unter zweifelhaften Umständen während der Bürgerkriege unter dem Autokraten Slobodan Milosevic zu Multimillionären aufgestiegen sind, ziehen auch heute noch die Fäden.

Für die Karikaturisten springt Milan Beko, der Zweitreichste von ihnen, vom Milosevic-Schoß auf den Schoß des amtierenden Staatschefs Boris Tadic. Er sei schließlich ein "Tycoon von Tadic", sagte der jetzt offen. Tadic kritisierte "unanständig reiche" Unternehmer, ohne Namen zu nennen.

Die staatliche Antikorruptionsbehörde beschuldigt diese Reichen, Regierung und Opposition geheim zu finanzieren. "Wer regiert in Serbien?", fragt das Wirtschaftsmagazin "Ekonomeast" in der jüngsten Ausgabe auf seiner Titelseite.

Obwohl das arme Balkanland mit seiner durch Krieg, Sanktionen und missglückter Privatisierung ruinierten Industrie und hohen Handelsbilanzdefiziten händeringend ausländische Investoren sucht, werden die zunehmend abgeschreckt, sind sich die Experten einig.

Und doch "ist niemand an einer Eskalation interessiert", beteuert Ostausschuss-Vorsitzender Mangold. "Es ist höchste Zeit, dass man sich wieder zusammensetzt und den Dialog aufnimmt", sagt der Manager:

"Doch der erste Schritt zur Problemlösung muss jetzt von der serbischen Seite kommen."


Thomas Brey / 02.07.10 / dpa
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Kommentare
07.07.10 - 09:55
unbequem
In Afghanistan ( sollte da wirklich mal Ruhe einkehren,was ich nicht glaube,leider ) wird man dann auch versuchen,seine Schäfchen schnell überall anzusiedeln. Einfallen werden sie dann dort,wie man es aus der Vergangeheit kennt.
05.07.10 - 07:24
nerz
Wie schon angemerkt:Wo Hombach mit am Werk ist Vorsicht geboten! Die Vergangenheit dieses Herren zeigt,was wahrer Raubtierkapitalismus ist! Nicht zu vergessen ist schließlich auch Hombachs Faible fürs "Eigene"!!
04.07.10 - 15:10
Dirk
@ Rain - Sie haben voll ins Schwarze getroffen. Danke! Zum obigen Text sei hinzugefügt: "Missglückte Privatisierung" - komisch, wieso erinnert mich das bloß an Ostdeutschland? Serbien ist der Rußlandersatz der NATO (damit wenigstens ein kleiner Traum der Kalten Krieger in Erfüllung ging).
03.07.10 - 07:36
Rain
@Dirk, Chapeau für Ihren Beitrag. Das Geflenne mit den unechten Tränen dieses Herrn Hombach ist einfach unerträglich. Daß dieser Mann einige Male selbst im den Fokus der Justiz stand ficht ihn natürlich nicht an. Nichts kam zur Anklage, der Mann ist "sauber". Daß in diesem, unserem Land das Recht käuflich sein soll, ist selbstverständlich auch nur eine boshafte Kolportage. Ein Satz hat bei mir allerdings einen extremen Würgereiz verursacht: "Obwohl das arme Balkanland mit seiner durch Krieg, Sanktionen und missglückter Privatisierung ruinierten Industrie und hohen Handelsbilanzdefiziten händeringend ausländische Investoren sucht... Soviel Infamie las ich selten. Erst wird unter maßgeblicher Mitschuld der Parteigänger Hombachs eine Volkswirtschaft durch Krieg ramponiert, anschließend beklagt sich der Mittäter, daß seine schönen Aufbaupläne doch lieber von der einheimischen Mafia umgesetzt werden. Das ist Herrenreiter-Gebaren reinsten Wassers!
03.07.10 - 00:52
Dirk
Da wird sich der Superdemokrat Hombach aber schon ein bißchen geärgert haben. Wie können die nur! Haben die doch tatsächlich keine Lust auf Coca Cola, Danone und Ikea! Was sind das nur für böse Menschen!? Gerade wollte man in Serbien nach dem Qualitätsjournalismus auch noch die Boulevardisierung vorantreiben ... und dann sowas! Was will man denn den Belgradern servieren? Klatschgeschichten aus Den Haag? Die heile Welt aus den demokratischen Hochburgen des Westens? Neulich war ja ein Interview mit Bodo Hombach in der TA abgedruckt. Also, Freunde, mal ganz ehrlich: Mir ist das Essen wieder hochgekommen. Wenn man sich einmal überlegt, daß zehntausende von seiner Sorte, die sich '68 im Drogenrausch das Hirn weggeblasen haben, hier in diesem Land an den Schalthebeln der Macht sitzen, dann kann einem nur noch schlecht werden. Herr Hombach ist so ein richtiger Superdemokrat. Heute back ich, morgen brau ich... Heute bin ich Manager, dann Politiker, nachher spiel ich vielleicht ein wenig Journalist und nebenher natürlich die große Beraterfunktion. Er braucht (sehr schön im Interview nachzulesen) nur immer ein inneres Knöpfchen drücken und zack! ist er in die passende Rolle geschlüpft. Heute bin ich Wahlkampfmanager, da muß ich den Journalisten etwas vorflunkern. Morgen bin ich selber Schreiberling, wo ich ganz selbstverständlich einen schnörkellosen, neutralen und objektiven Qualitätsjournalismus abliefere. Und alles per Knopfdruck. Danke, Herr Hombach, für die höchst aufschlussreichen Innenansichten. Sie lassen ein Stück weit die schreckliche Zerrüttung dieser Gesellschaft erkennen. Entweder stehe ich für etwas ein - oder ich stelle mich überall an. "Interview mit einem Vampir", das wäre die geeignete Überschrift für diese gruselige Selbstdarstellung gewesen. Da dieser Kommentar sowieso nicht freigeschaltet wird, könnte das tolerante TA Online - Team freundlicherweise selbigen weiterleiten. An den Gegenstand der Kritik. Oder aber in die Tonne treten. Ganz nach Belieben.
02.07.10 - 16:38
Dario Adamov
Ich begrüsse das Entscheid der serbischen Regierung!
 
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