Was die DDR zusammenhielt

  • Heute erinnern nur noch Kerzen - die anlässlich zur Wendezeit erzündet werden - an die DDR. Foto: Daniel Volkmann
Mitunter sollen ja Außenstehende den unverstellteren, objektiveren Blick haben. So wie der aus dem amerikanischen Detroit stammende Historiker Andrew I. Port, der jetzt in einem Buch die "rätselhafte Stabilität" der DDR untersucht hat. Am Beispiel der Thüringer Stadt Saalfeld kommt er zu dem Schluss, dass weder Repressionen und Stasi-überwachung noch der Rückzug ins Private oder die vielen Varianten der Loyalität gegenüber dem System vier Jahrzehnte DDR-Geschichte hinreichend erklären können. Wir sprachen mit dem Autor über seine teils provokanten Thesen.
Prof. Port, wie kommt ein Amerikaner darauf, ein Buch über die DDR-Geschichte aus der Perspektive einer Stadt wie Saalfeld zu schreiben?

Als ich Mitte der 90er-Jahre in die ostdeutschen Archive ging, herrschte im Westen ein großer Triumphalismus. Der Westen hatte gewonnen und dachte nun, dass er das bessere System war. Ich wollte wissen, wie man wirklich in der DDR lebte und wie ganz normale Bürger damals ihren Staat beurteilten. Und war baff: Die Leute im Osten haben unglaublich viel gemeckert und ließen kein gutes Haar an ihrem System. Das Regime selbst hielt kaum seinen eigenen Ansprüchen stand. Wie konnte das 40 Jahre lang gut gehen? Um das herauszufinden, suchte ich einen normalen kleinen Ort. Den Hinweis auf Saalfeld bekam ich von meinem wissenschaftlichen Gastgeber in Jena, dem Historiker Lutz Niethammer.

Sie haben Unmengen von Archivmaterialien, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen und sogar Gespräche mit Einheimischen verarbeitet, wie muss man sich Ihre Forschungen vor Ort vorstellen?

Ich zog zwei Jahre lang in 15 Archiven in Thüringen und anderswo in der Bundesrepublik alles zu Rate, was ich finden konnte und sprach auch mit vielen Zeitzeugen. Die Gespräche waren sehr spannend, weil die Menschen anfänglich viele Hemmungen zeigten und dann doch gern und viel erzählten. Einmal sagte mir die Tochter eines ehemaligen Saalfelder Facharbeiters, dass ihr Vater noch nie so viel über seine Vergangenheit gesprochen habe. Es läge wohl daran, dass ihm mal jemand richtig zuhört. Genau das wollte ich: zuhören.

Es gibt Städte, die exemplarischer für die DDR stünden als Saalfeld Berlin, Leipzig, auch Jena. Als wie DDR-typisch erwies sich die Thüringer Provinz?

Den exemplarischen DDR-Ort gibt es nicht. Saalfeld ist vielleicht typisch für Städte dieser Größe. Die Erfahrungen in Leipzig, Ostberlin oder Rostock waren aber sichere andere. Beim Lesen der Akten aus den 25 Jahren bis 1971 fiel mir allerdings auf, dass in den verschiedensten VEB und LPG immer wieder die gleichen Probleme oder Beschwerden auftraten, gefolgt von immer wieder gleichen, vorhersehbaren Reaktionen seitens der Behörden. Das konnte also nicht nur für Saalfeld gelten. Offenbar hatten die Leute überall mit ähnlichen Versorgungs- und Arbeitsproblemen zu kämpfen. Umso erstaunlicher, dass die DDR 40 Jahre lang hielt.

Bisher erklärte man sich dies vor allem mit flächendeckenden Repressionen und der totalen Überwachung durch den StasiStaat. Stimmt das nicht?

Es gab Peitsche und Zuckerbrot. Mitunter wird mir vorgehalten, ich würde die Repressionen in der DDR verharmlosen. Das tue ich mitnichten. Damit allein aber lässt sich die Stabilität dieses Landes nicht erklären. Die größten Repressionen gab es in den 40ern und 50ern, entsprechend groß war die Angst. Trotzdem sind die Menschen 1953 - und im Fall Saalfelds sogar schon 1951 - auf die Straße gegangen. Und 1989, als die Stasi auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, geschah das abermals. Angst und Repression allein können also weder die Stabilität der DDR noch den Umstand erklären, ob jemand protestierte oder nicht.

Manche Historiker wollen in den 60er Jahren einen Hoffnungsschimmer der Normalität ausgemacht haben. Hielten womöglich Hoffnungen, dass es mal besser würde, die Saalfelder bei der Stange?

Ich kenne viele, die die 60er für eine Art goldenes Zeitalter der DDR halten. Ich konnte davon in den Saalfelder Akten nichts entdecken. Da war nichts von Aufbruchsstimmung. Stattdessen immer die gleichen Meckereien über Versorgungslücken und Mangelwirtschaft. Was es an Hoffnung gab, etwa durch die neue ökonomische Politik Ulbrichts, verflog schnell. Ich finde den Begriff "Normalität" äußerst schwammig.

Apropos meckern: Wie gefährlich waren Meckereien aus Ihrer heutigen Sicht für die Meckerer?

Gemessen an dem, was ich für Saalfeld gefunden habe, konnte man in der DDR zumindest bei wirtschaftlichen und sozialen Dingen ziemlich weit gehen. Die Leute wussten aber in der Regel genau, wo die Grenzen waren.

Trotzdem waren die Gefängnisse voll.

Bei der Politik musste man aufpassen. Die Führungselite zu kritisieren, war heikel. Ansonsten aber weisen alle Stimmungsberichte, die ich gefunden habe, die Eingaben und vor allen die vielen Protokolle von Betriebs- oder Parteiversammlungen eindeutig aus, dass viele mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hielten. Natürlich hatten sie Angst, und das aus gutem Grund. Möglicherweise aber war die Staatssicherheit eben doch nicht so omnipräsent, wie es die vielen Geschichten über sie vermitteln.

In den 60ern und 70ern rumorte es in der CSSR, in Polen - wieso blieb die DDR verschont?

Man könnte natürlich sagen, dass die Ostdeutschen die Erfahrung des blutig niedergeschlagenen Aufstandes von 1953 nicht vergessen hatten. In meinem Buch versuche ich zu zeigen, wie schwer sich die Menschen später damit taten, sich zusammenzuschließen, gemeinsam zu handeln. Die Menschen agierten eher gegeneinander als miteinander, letztlich verhinderten diese sozialen Spannungen erfolgversprechende kollektive Aktionen gegen den SED-Staat.

Ganz schön gewagt für einen Amerikaner, den Saalfeldern und damit auch den Ostdeutschen zu erklären, dass ihre viel gepriesene Solidarität und Kollegialität allenfalls eine Notgemeinschaft war.

Genau so hat es sich mir in den Akten und Gesprächen dargestellt. Egal, ob es um die Suche nach Wohnungen oder Kindergartenplätzen ging, egal, mit wem ich gesprochen habe König in der DDR waren immer die anderen. Die Arbeiter beneideten die Privilegien der Intelligenz, die Intelligenz die der Arbeiter. Man war einander nicht grün. Offiziell hieß es, dass die Unterschiede in der DDR verschwänden. Dass das nicht der Fall war, das nahmen die Leute dem Staat übel.

Und deswegen hatten die Menschen Ihrer Meinung nach lange keine Muße, zu protestieren?

Muse ist hier vielleicht nicht das richtige Wort. Meine These lautet: Der Mangel an Solidarität war mit verantwortlich für das Ausbleiben von öffentlichen Protesten und damit für die Stabilität der DDR.

Für Saalfeld haben Sie schon 1951 einen ersten größeren Streik der Wismut-Arbeiter ausgemacht, bei dessen Eskalierung auch Alkohol im Spiel war - war das typisch DDR?

Im Zeitraum bis 1971, den ich vor allem untersucht habe, kommt Alkohol immer wieder vor. Selbst auf der Arbeit wurde Schnaps getrunken. Ich schildere den Fall eines Mannes, der im Suff einen Stein in ein Stasigebäude warf. Dass die Leute mehr tranken als im Westen, möchte ich aber nicht unbedingt behaupten.

"Es wird", zitieren Sie Orwell, "manchmal gesagt, dass die ganze Sache ein geschicktes Manöver der Regierenden sei." Hat die SED die Arbeiterklasse bewusst gespalten?

Ich habe trotz intensiver Suche keine Belege dafür gefunden. Die Spaltung war aber eine Konsequenz ihrer Politik - gewollt oder ungewollt.

Dafür beschreiben Sie, mit welchen mitunter banalen Problemen sich SED-Funktionäre auch in Saalfeld herumschlugen, bis hin zur Frage, ob Brot nun eng oder weit geport sein sollte. Welches Bild von den angeblich so allmächtigen Bonzen nehmen Sie mit zurück nach Amerika?

Es gab natürlich ganz miese Typen, allerdings auch viele, die sich wirklich bemühten, die alltäglichen Probleme der Menschen zu lösen. Die steckten irgendwie in der Klemme zwischen den Forderungen von unten und dem Druck von oben und mussten immer wieder Kompromisse mit den Massen eingehen. Manche taten mir richtig leid. Sie wollten Harmonie bewahren, verfügten aber einfach nicht über die Mittel.

Erklärt sich die Stabilität der DDR also auch aus einer Art "Wir-sitzen-alle-in-einem-Boot"-Mentalität?

Eher nicht. Es gab den Rückzug ins Private und es gab auch verschiedene Varianten der Loyalität gegenüber dem Staat, das zieht sich durch alle Schichten. Jeder versuchte, sich irgendwie mit dem System zu arrangieren. Aufzustehen ist in keiner Gesellschaft einfach, schon gar nicht in einem System wie der DDR.

Alles zusammengenommen - woran ging die DDR letztlich zugrunde?

Eine scheiternde Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs, die wachsende Frus-tration nach den hehren Versprechen der frühen Honecker-Jahre, der Verlust an Selbstvertrauen einer sklerotischen Regierungselite - und natürlich Gorbatschow.

Nachdem Sie sich nun so lange mit Saalfeld beschäftigt haben, hätten Sie dort leben wollen?

Keine leichte Frage für jemanden, der in New York aufgewachsen ist! Für eine Woche Urlaub in Saalfeld wäre ich aber sicher zu gewinnen gewesen - zumindest um den "real existierenden Sozialismus" am eigenen Leibe erfahren zu haben.


Hanno Müller / 31.07.10 / TA
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