Was uns die Sterne sagen: Die Musik- und Tanztheatersaison 2009/2010

  • George Gagnidze als großartiger Rigoletto am Weimarer DNT und Kerstin Avemo in der Rolle der Gilda. Foto: Candy Welz
Die Sterne lügen nicht, aber ihre Strahlkraft liegt im Auge des Betrachters. Es gibt keine objektive Kritik, also ist auch die Bewertung von Opern- und Ballettpremieren mit Sternen - von einem bis zu glänzenden fünf - eine weitgehend subjektive Angelegenheit.
Erfurt. Die Theaterkritiker der "Thüringer Allgemeine" wollen nicht belehren, sie wollen Qualität bewerten und dem Theaterbesucher Entscheidungshilfen geben. Am Ende einer Spielzeit zeigt die Sternen-Bilanz Trends auf, nicht mehr und nicht weniger.

Sieger nach Sternen ist - wie in der vorhergehenden Saison - das Deutsche Nationaltheater Weimar, diesmal mit 3,8 Sternchen von möglichen 5, gefolgt vom Theater Nordhausen (3,4 Sterne), der Neuen Oper Erfurt (3,3) und dem Theater Altenburg/Gera (3,1). Am Ende der Skala: das Meininger Theater (3 Sterne) und das Theater Eisenach (2,3). Die deutlichsten Trends in der Musik- und Tanztheaterbilanz 2009/2010 sind Abstürze, und sie betreffen diese beiden Häuser unter Doppelintendanz von Ansgar Haag. In der Spielzeit 2008/2009 lag das Meininger Theater noch auf Rang 2 - mit 3,8 Sternen. Eisenach brachte es damals immerhin auf glatt 3 Sterne. Nun ist die Datenmenge bei lediglich drei rezensierten Eisenacher Musiktheater- und Ballettproduktionen der Saison 2009/2010 zu klein, als dass sich daraus seriös ein abschließendes Urteil ableiten ließe. Das Elend des Eisenacher Rumpftheaters wird dennoch sichtbar. Eisenachs Musiktheater-Ensemble wurde entlassen; der Versuch, ersatzweise mit Gesangsstudenten die Operettenfarce "Feuerwerk" auf die Bühne zu bringen, ging völlig daneben. Und die ersten Eisenacher Ballettproduktionen des neuen Chefchoreografen Andris Plucis waren zu farb- und harmlos, um zu überzeugen. Hinzu kommt, dass der halbierten Eisenacher Landeskapelle Ballettmusiken zugemutet werden, für die sie viel zu klein ist. Und mit Schaudern erinnert sich die Rezensentin an die unzumutbare Klavierbegleitung zum Schubert-Ballettabend mit der "Wanderer-Fantasie". Für inszenatorisch aufregende oder gar wagemutige Inszenierungen ist das Meininger Theater unter Ansgar Haags Ägide nicht bekannt, aber in der Spielzeit 2008/2009 hat es mit seiner "Lustigen Witwe" und anderen Dauerbrennern immerhin gut unterhalten. Diesmal gelang es dem Meininger Musiktheater nicht ein einziges Mal, mehr als 3 Sterne vom Opern-, Operetten- und Musical-Himmel zu holen. Die gute Nachricht ist: Es gab keine Ausreißer nach unten. Aber gerade Meiningen, das finanziell so gut dasteht wie kein anderes Theater in Thüringen, könnte - und müsste - sich hin und wieder ein Experiment leisten. Zeitgenössisches, selten gespielte Stücke, Inszenierungen, die Diskussionen und Widerspruch auslösen: Damit kann man verlieren, auch in der Gunst des konservativen bayrisch-meiningischen Publikums. Aber der Gewinn wiegt ungleich schwerer. Der Sieger in der Sternen-Bilanz, das Nationaltheater Weimar, erreichte in der Spielzeit 2008/2009 glatte 4 Sterne, diesmal 3,8; aber das tut nichts zur Sache. Den Weimarern gelang auch in dieser Saison beinahe alles, insbesondere der bewegende "Rigoletto" und die "Elektra" in Regie des Intendanten Stephan Märki. Im Unterschied zum Schauspiel verzeichnete das Musiktheater am DNT nur einen Tiefschlag, den "Eugen Onegin". Die Rivalität zwischen den beiden großen Theatern in der Mitte Thüringens ist ein Popanz. Nach Sternen siegt Weimar deutlich, aber Erfurt weist die gleiche Anzahl von 4- und 5-Sterne-Produktionen auf. "Das Waisenkind", die im vergangenen Winter in Erfurt uraufgeführte Oper von Jeffrey Ching, war nicht nur als Theater-Erlebnis atemberaubend, es ist auch ein wichtiges Beispiel für Mut in Zeiten knapper öffentlicher Kassen und hinlänglich bekannter Kulturspardiskussionen. Die Uraufführungsreihe, die Intendant Guy Montavon an der Neuen Oper Erfurt etabliert hat, gehört zum Besten, was Thüringer Theater bieten, das gilt auch dann, wenn sich eine dieser weltneuen Opern als Fehlschlag erweist, das gilt aber um so mehr bei Höhenflügen wie dem "Waisenkind". So stark das Erfurter Musiktheater in dieser Saison war, so banal konnte es im schlimmsten Fall auch sein: mit einer lieb-, witz- und einfallslosen "Csárdásfürstin" - und so etwas in Regie von Werner Schneyder! - und den läppischen "Carmina Burana" auf den Domstufen zum Spielzeitauftakt 2009. Da bleibt ein Trost und ein Versprechen: Das nächste Domstufen-Stück, "Der Messias", der am 14. August Premiere hat, kann nur besser werden. Nur einen Ausrutscher, den "Wildschütz", erlebte das Theater Nordhausen; davon abgesehen hielt es sich mit seinem Musik- und Tanztheater solide zwischen 3 und 4 Sternen, zwischen halbstark und stark. Das Ballettensemble ist nach wie vor eine sichere Bank für angenehme Theaterabende. Was das Theater Nordhausen allerdings auch auszeichnet, ist eine ausgeprägte Konfliktscheu. Diese Bühne unterhält - mit 60er-Jahre-Hits wie beim Ballettabend "Bunt, schrill und sexy" oder mit gemütlichem Grusel wie beim Musical "Jekyll & Hyde" -, aber sie schätzt das Bunte vor dem Nachdenklichen, sie liefert kaum Diskussionsstoff. Es dürfte ruhig etwas mehr sein. Wer wagt, gewinnt, das zeigt das Theater Altenburg/Gera. Es ist ein Verdienst dieses Doppelhauses unter Intendanz von Matthias Oldag, dem Publikum Stücke zu zeigen - und zuzumuten -, die es anderswo kaum oder gar nicht erleben könnte; etwa Jaromír Weinbergers "Wallenstein" in deutscher Erstaufführung oder eine "Tannhäuser"-Inszenierung, die zwar nicht zu Ende gedacht ist und nicht aufgeht, aber wenigstens eine neue Idee zur Wagner-Exegese beisteuert. Ideen, Denkanstöße, Gegenentwürfe: Von Theatern kann man erwarten, dass sie davon reichlich im Programm haben. Auch wenn sich das nicht immer in Beifall auszahlt - und auch nicht immer in Sternen.


Frauke Adrians / 30.07.10 / TA
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