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Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Wolfgang Nossen.
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Die Rede des Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Wolfgang Nossen, zur Sitzung des Weimarer Stadtrates am 5. April 2008 auf dem Theaterplatz:
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Wolf, verehrte Mitglieder des Stadtrates und besonders sehr geehrte Mitstreiter und liebe Zuhörer.
Ich kann Ihnen nicht sagen, dass ich mich freue heute hier zu stehen, um ein Grußwort an Sie zu richten. In meinen schlimmsten Alpträumen hätte ich nicht geträumt, dass es in Deutschland irgendwann wieder eine Gruppierung geben könnte, die stolz ist auf die Verbrechen, die in deutschem Namen verübt wurden und die die gleiche menschenverachtende Ideologie wie damals vertreten.
Und doch habe ich einen Grund mich zu freuen, nämlich über die Initiative des Weimarer Stadtrates, Gesicht zu zeigen und zu dieser Gegenveranstaltung aufzurufen. Aber ich werde nicht das tun, was eigentlich nahe läge: Daran zu erinnern, dass gerade in Weimar ein Aufzug der Neonazis besonders unanständig ist.
In einer Stadt also, wo einst vor allem die Eltern eine besondere Affinität gegenüber der Nazibewegung entwickelten, wo sich das Publikum beim Anblick des Verführers auf dem Balkon des Elefanten besinnungslos jubelte, in der Gauhauptstadt, wo der Hauptsitz der Thüringer Gestapo war. Aber auch in einer Stadt das soll gerade deshalb nicht vergessen werden in der der Widerstand gegen die Barbarei nie ganz erloschen war. Buchenwald war nicht nur eine Stätte des Leidens, sondern auch ein Zentrum des Kampfes gegen den SS-Staat.
Ich spreche nicht von Anstand. Anstand ist kein Faktor der politischen Auseinandersetzung. Auch nicht mit dem Gesichtsbuch unter dem Arm wird ein jeder ständig umher gehen. Aber mit dem gesunden Menschenverstand will ich rechnen. Was ist das Angebot der Rechtsextremen? Ausländer raus Arbeit nur für Deutsche Schluss mit dem deutschen Schuldkult? Rassismus Antisemitismus Fremdenfeindlichkeit Intoleranz sollen attraktive Angebote sein?
Täuschen wir uns jedoch nicht. Was sich scheinbar nur gegen Minderheiten richtet, ist ein Angriff auf unsere Verfassung und demokratische Lebensweise. Sie wollen eine andere Republik! Viele von uns erinnern sich noch wie das ausging.
Wer wohl von den Mehrheitsdeutschen möchte in so einem lande leben? Man mag denken: Die Argumente der Rechtsextremen sind so dürftig wer wollte mit ihnen streiten? Und in der Tat: Ihre politische Bedeutung geht nicht von ihren Konzepten aus. Schon gar nicht von beispielhaften Zeugnissen ihrer politischen Arbeit im Interesse der Gemeinschaft.
Meine Damen und Herren, ich sagte es schon einmal in einem Interview Es wirkt das Prinzip der kommunizierenden Röhren: Die Stärke der Rechtsextremen korrespondiert mit der Schwäche der Demokratie. Und hier liegt der eigentliche Anlass zur Sorge. Wenn die demokratischen Parteien ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, wenn ein Teil der Wirtschaftseliten durch ihre maßlose Habgier den sozialen Konsens aushebeln, wenn ein beträchtlicher Teil der Wähler sich von der Demokratie abwenden dann schlägt die Stunde der rechten Demagogen. Sie brauchen dann nur noch den Sack aufzuhalten.
Und hier liegen die eigentliche Gefahr und der Grund zur Sorge. Gerade in dieser Stadt, vor der Stätte der Weimarer Verfassung, ist daran zu erinnern, dass sich die deutsche Demokratie schon einmal ohne Gegenwehr ihren Feinden ergeben hat. Ein Schritt in diese Richtung ist die jüngste Abkehr vom Versuch, diese Gruppierung zu verbieten. Doch ich bin der Gewissheit die Berliner Republik ist nicht die Republik von Weimar. Heute ist die Demokratie verfestigter als damals! Bekräftigt werde ich auch durch die einmütige Demonstration der Weimarer Demokraten gegen die Gespenster von gestern.
Dafür danke ich Ihnen.
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