Großer Applaus für Barockoper "Sardanapalus" in Gotha
Porträt
Barocker Prunk im Ekhof-Theater: eine Szene aus der Oper "Sardanapalus". Foto: Lutz Ebhardt
Die wiederentdeckte Barockoper "Sardanapalus" ist beim Ekhof-Festival in Gotha mit großem Applaus aufgenommen worden.
Gotha. Das Ekhof-Festival kommt seinem Ziel, barockes Flair bei steigender künstlerischer Qualität bieten zu wollen, stetig näher. In diesem Jahr mit einem über 300 Jahre vergessenen Werk: 1698 schuf Christian Ludwig Boxberg, Sohn eines Sondershäuser Hoforganisten, seine Oper "Sardanapalus". Die Compagnie Opéra Baroque und das United Continuo Ensemble wurden von Bernhard Epstein umsichtig durch die farbenfroh instrumentierte Partitur geführt. Choreograf Milo Pablo Momm inszenierte im Stil "historisch-informierter Praxis" und tastete sich weit ins Reich barocker Theaterpraxis vor. Prunkvolle Kostüme (Jan Hoffmann) weideten das Auge. Während der ausgedehnten Ouvertüre erhielt das Hörempfinden Gelegenheit zur Gewöhnung an den dunkelstimmigen Klang. Danach hoben die Götter - Juno (Theodora Baka), Diana (Elisabeth Göckeritz), Cupido (Kathleen Danke) und Mars (Markus Flaig) zur irdischen Handlung samt Rollentausch an. Mit Irrungen und Wirrungen wurde affektreich gehandelt und deklamiert. Im Zentrum stand Sardanapalus (Jan Kobow), ein lasterhafter assyrischer Herrscher, der statt zu regieren seiner Wollust frönt, sich schminkt und in Frauenkleidern poussiert. Als die Untertanen - Belochus (Franz Vitzthum), Atrax (Sören Richter), Saropes (Johannes Weiss), Belesius (Felix Schwandtke) - rebellieren, ist Sardanapalus so konsequent, für sich und seine Geliebte Salomena (Antje Rux) den Freitod zu wählen. Nach dem Abgang des eitlen Barockprotzes tritt ein angeblich tugendhaftes Paar die Regierung an.
Obwohl keiner der Sänger in puncto Intonation und Koloraturen ohne Fehl und Tadel war, agierten alle auf sehr respektablem Niveau, strahlten bilderbuchhafte Eleganz aus, beherrschten die sprachliche Artikulation, sodass Textverständlichkeit stets gegeben war. Eine der Verhaltensregeln, die dem Publikum vor der Premiere gnädigst mitgeteilt wurden, lautet: Du sollst nicht auf unzeitige Weise über Oper urteilen! Möchte ich auch nicht, muss jedoch zwei im Schlosshof flanierenden Damen zustimmen, die in der 2. Pause resümierten, dass jetzt hätte Schluss sein müssen. Drei Stunden Aufführungsdauer avisiert das Programmhaft; vier Stunden wurden es. Unabhängig von Qualität und stürmischem Beifall hätte der 3. Akt mit einem Knalleffekt aufwarten müssen. Heutiges Sitzfleisch ist halt nicht von barocker Natur. Weitere Aufführungen: 3. und 4. August
Großer Applaus für Barockoper "Sardanapalus" in Gotha
Kommentare
21.08.12 - 19:05
Ingrid Theis
Kompliment an Herrn Gröner! Er hat diese Aufführung sehr treffend kommentiert! Ich habe diese reizende Oper am Sonntagnachmittag (19.8.) erleben dürfen, bei 34 Grad im Schatten (im Theater waren's immerhin noch 28!). Doch Inszenierung, Sänger und Musiker haben die fast unerträgliche Temperatur vergessen lassen - die Oper hat mir keine Minute zu lange gedauert (vielleicht auch, weil ich über "barockes Sitzfleisch" verfüge). Übrigens möchte ich noch erwähnen, wie faszinierend ich immer wieder den Kulissenwechsel fand. Noch kurz zur Kritik von Frau Mielke: sie hat den ziemlich komplizierten Handlungsablauf ganz offensichtlich nicht richtig verstanden - und ihre Bemerkung, keiner der Sänger sei "ohne Fehl und Tadel" gewesen, finde ich völlig unangebracht - so kann allenfalls jemand denken, der ansonsten nur perfekte Musik von der Konserve hört! Gerade kleine Schwächen und Patzer machen doch die Natürlichkeit, die Wärme und Lebendigkeit einer Live-Aufführung aus! Alle Sänger haben durch mustergültige Textverständlichkeit und farbigen Vortrag bestochen, allen voran der lüsterne Sardanapal (Jan Kobow). Grüße aus Otzberg
21.08.12 - 10:35
Simeoni
ich kann Herrn Gröner nur zustimmen, ein toller Abend den ich nicht missen möchte, eine Aufführung so rundum stimmig wie man sie auch an großen Häusern nicht all zu häufig vorfindet und mit Sicherheit alles andere als langatmig, Respekt und Kompliment nach Gotha. Gruß aus Nürnberg, R. Simeoni
20.08.12 - 08:50
Horst Gröner
Sehr geehrte Frau Dr. Mielke, da hat offenbar Ihr "unzeitgemäßes Sitzfleisch" Ihre Freude an diesem für mich großartig erlebten Stück erheblich beeinträchtigt - schade für Sie! Denn auf der einen Seite war dieses Stück vor allem wegen der kurzen, musikalisch unterschiedlich angelegten Rezitative und Arien und der dazu ausgeprägt eingesetzten grandiosen Gestik aller Sängerinnen und Sänger nie langweilig. Auf der anderen Seite hätte die Oper niemals nach dem 2. Akt zu Ende sein dürfen. Denn hier stellte sich der klassische Fall ein, dass der auf der Bühne und im Orchestergraben aufgebaute Spannungsbogen unbedingt einer Auflösung bedurfte, die zwangsläufig im 3. Akt geboten wurde. Im Übrigen hat die Aufführung, die ich am vergangenen Samstag miterleben durfte, trotz zweier Pausen keine vier Stunden gedauert, wie von Ihnen angegeben. Und davon wäre dann immer noch der minutenlange, stürmische Beifall all der begeisterten Besucher abzuziehen, von denen im ausverkauften Haus kein Einziger vorzeitig das Theater verließ. Aber so unterschiedlich ist eben die Art und Weise, wie es uns mit solchen Aufführungen ergeht. Ich möchte jedenfalls diesen Opernabend nicht missen, er wurde für mich zu einem ganz fantastischen Erlebnis. Mit besten GrüßenIhr Horst Gröner