Nichts für Gehbehinderte: Das Gothaer Schloss Friedenstein

Das Kultusministerium hat jetzt im Etat der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten 750.000 Euro gestrichen, die für Gothas Friedenstein eingeplant waren. Dort sollte das Treppenhaus im Ostflügel saniert und ein Personenaufzug eingebaut werden. Bislang verfügt Friedenstein über keinen barrierefreien Zugang.
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Man betritt das Schloss auf dem Weg, den der Herzog nahm: Zwischen Ost- und Nordflügel (r.) liegt das Treppenhaus, das bis Frühjahr 2012 saniert und mit einem Personenaufzug versehen werden sollte. Foto: privat Man betritt das Schloss auf dem Weg, den der Herzog nahm: Zwischen Ost- und Nordflügel (r.) liegt das Treppenhaus, das bis Frühjahr 2012 saniert und mit einem Personenaufzug versehen werden sollte. Foto: privat
Gotha. 77 Treppenstufen bis zur Prunk-Etage: Jeder gehbehinderte Besucher auf Schloss Friedenstein Gotha muss diese physische Tortur auf sich nehmen, bevor er im ehedem herzoglichen Domizil Kunst und Geschichte genießen darf. Und querschnittsgelähmte Rollstuhlfahrer haben nicht den Hauch einer Chance. Für Friedenstein-Direktor Martin Eberle ist dieser Zustand schlicht unhaltbar. Eine barocke Schlossanlage dieser Prominenz samt Museum, aber ohne barrierefreien Zugang - das ist in unseren Tagen ein Anachronismus.

Eigentlich sollte das Problem längst gelöst sein. Als eine der ersten Sanierungsmaßnahmen in der frühneuzeitlichen Residenz hat die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, der die Friedenstein-Immobilie gehört, bereits 2009 das Treppenhaus im Ostflügel in Angriff genommen - Einbau eines Personenaufzugs inklusive. Doch kaum waren die Arbeiten begonnen, entdeckten Fachleute gravierende Schwammschäden im 350 Jahre alten Mauerwerk. Deren Sanierung absorbierte viel Zeit und einen beträchtlichen Teil der eingeplanten Gelder. Professor Helmut-Eberhard Paulus, der umsichtige Direktor der Schlösser-Stiftung, musste den Fahrstuhleinbau samt Treppenhaussanierung auf 2011 verschieben. Im nächsten Frühjahr wollte er endlich fertig sein.

Nun hat ihm das Kulturministerium einen Strich durch die Rechnung gemacht: Die sogenannte Bewirtschaftungsreserve, die der Schlösser-Stiftung haushalterisch längst zugesichert war, wurde jetzt nachträglich wieder einkassiert. Just jene 750 000 Euro waren die einzigen frei disponiblen Mittel, über die Paulus verfügen konnte, sein "Feuerwehr-Fonds". Zwar beläuft der Etat der Schlösser-Stiftung sich dieses Jahr auf 3,8 Millionen Euro (2010: 5,8 Millionen), doch ist dieses Geld natürlich verplant und gebunden für Sanierungen der Schwarzburg, in Greiz, der Heldburg und einigen anderen der 31 historischen Liegenschaften, die unter Paulus' kundiger Obhut stehen. Würde er dort Gelder abziehen, verlöre er auch die jeweilige Gegenfinanzierung vom Bund, von der Europäischen Union oder von Stiftungen.

Baustopp im Juli

Man müsse halt sehen, wo man Prioritäten setze, sagte ein Sprecher des Ministers Christoph Matschies (SPD) gestern lapidar. "Spielräume gibt es sicher auch bei der Schlösser-Stiftung." Genau diese Spielräume waren aber mit der Bewirtschaftungsreserve exakt beziffert. "Wenn wir das Geld nicht haben, können wir es nicht verbauen", so Paulus. Ab Juli werde die begonnene Baustelle im Friedenstein-Ostflügel deshalb erst einmal brach liegen müssen. Auf unbestimmte Zeit.

"Dramatisch" nennt Friedenstein-Direktor Martin Eberle diese Hiobs-Botschaft. Immerhin geht es nicht nur um den künftigen Haupteingang zum Schlossmuseum. Auch die Forschungsbibliothek der Universität Erfurt ist massiv betroffen. Derzeit kann sie nur über das Provisorium einer Wendeltreppe erreicht werden. Behinderte Wissenschaftler müssen da leider draußen bleiben. Und Eberle denkt auch voraus: an die für Mai 2012 konzipierte Ausstellung "Mit Lust und Liebe singen. Die Reformation und ihre Lieder". Sie sollte der Gothaer Hauptbeitrag des Jahres zur Luther-Dekade werden und in einem ersten großen Gemeinschaftsprojekt famose Schätze aus der Forschungsbibliothek mit solchen der Friedenstein-Sammlungen kombinieren.

Dafür hatte man den Ostvorsaal und den Spiegelsaal vorgesehen, aber dazwischen liegt das nun absehbar unsanierte Treppenhaus. Für Besucher wäre die Baustelle nicht nur ein Schandfleck. Sondern, schon aus Sicherheitsgründen, unpassierbar. Ob Minister Matschie mit dieser Mittelstreichung nicht seine eigene Politik konterkariere? - Das wollte Eberle nicht kommentieren. "Es wäre sehr schade, wenn wir dieses Kapitel musikalischer Reformationsgeschichte nicht zeigen und mit der Besichtigung der Schlosskapellen kombinieren könnten", sagt er nur.

Unter Martin Eberles Ägide hat Schloss Friedenstein einen fulminanten Aufstieg in der touristischen Gunst erlebt. Binnen zweier Jahre haben sich die Besucherzahlen von 107 000 auf 194 000 nahezu verdoppelt. Gotha ist auf dem besten Wege, sich zwischen der Wartburg und dem klassischen Weimar als kulturtouristischer Leuchtturm zu etablieren. Diese fulminante Entwicklung wird nun - ausgerechnet - durch das Kulturministerium gebremst.

"Sparen tut immer weh, wenn es konkret wird", kommentiert Matschies Sprecher schmallippig. Die gehbehinderten Friedenstein-Gäste werden es beim Aufstieg zur Kunstkammer ganz konkret spüren. Mit jedem Schritt auf den 77 Treppenstufen.

Wolfgang Hirsch / 23.06.11 / TLZ
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