In kurzen Hosen mitten hinein ins Fettnäpfchen

  • Ein Tourist fotografiert den Innenhof der Moschee, während ein Moslem auf einem Teppich betet. Foto: dapd Ein Tourist fotografiert den Innenhof der Moschee, während ein Moslem auf einem Teppich betet. Foto: dapd
Mit dem Jenaer Kommunikationswissenschaftler Jürgen Bolten sprach Hanno Müller über Fallstricke in der Fremde und wie man ihnen entgeht.
Prof. Bolten, wann und warum treten wir im Ausland immer wieder in Fettnäpfchen?

Viele dieser Fettnäpfchen oder interkulturellen Missverständnisse resultieren daraus, dass wir uns sowohl unserer eigenen Kulturgebundenheit als auch der besonderen Wahrnehmungsweise unserer fremden Partner nicht genügend bewusst sind. Wir kennen schlicht die Regeln nicht. Wir wissen zu wenig sowohl über die Besonderheiten unserer eigenen und anderer Kulturen als auch über die Gemeinsamkeiten.

Dass es Unterschiede zwischen den Kulturen gibt, ist ein alter Hut. Warum nehmen wir vermeintlich falsche Kleidung, Essgewohnheiten oder andere Übertretungen einander dennoch übel?

Diese Erfahrung mache ich nicht unbedingt. Im Normalfall sind Begegnungen in der Fremde eher von Neugier und Interesse füreinander geprägt. Unbehagen oder sogar ein Übelnehmen stellen sich nur dann ein, wenn man selbst unsicher ist. Was kann ich sagen, was darf ich tun, was wird von mir erwartet? Im Extremfall führt das zum Kulturschock, bei dem man gar nicht mehr weiß, was eigentlich gespielt wird. Beispiel China: Normalerweise bin ich in der Lage, mich selbstständig orientieren. Hier aber kann ich nicht einmal mehr die Schrift lesen und habe Verständigungsprobleme.

Sollte man als Fremder in der Fremde nicht einen gewissen Bonus haben?

Den hat man, aber man kann ihn verspielen. Wenn man sich wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt, ist das immer schlecht. Oder wenn der andere annimmt, man kennt die Regeln, missachtet sie aber bewusst. Dann kann es unangenehm werden. Echte Fallstricke lauern zudem immer dann, wenn ich davon überzeugt bin, dass mein Denkmodell universell gültig ist, ich also alles richtig mache, und dabei ausschließe, es könnte auch noch eine andere Variante geben.

Der Jenaer Verein "Interculture" bietet Kurse an - kann man die Regeln erlernen?

Man kann, aber es gibt einen Haken. Solche Regeln stehen nicht fest. Es gibt zu viele Tabus, Sitten und Gebräuche, die man lernen müsste. Ich halte das für ziemlich aussichtlos. Oft entstehen Regeln im Moment der Kommunikation. Beispiel Händeschütteln bei der Begrüßung: Drückt man leicht oder fest, fällt man sich dabei um den Hals, küsst man sich vielleicht sogar - das ist ein ganzer Strauß an Möglichkeiten, aus dem man in einer solchen Situation intuitiv wählen kann - und muss. Und sowieso halten es Jugendliche anders als Erwachsene.

Das kann ja dann eigentlich nur schief gehen?

Wenn ich mit dieser Befürchtung herangehe, wird es das vermutlich auch. Man sollte sich immer bewusst sein, dass man nicht alles sieht. Wenn Asiaten lächeln, stellt sich die Frage, wie man dies deutet. Sind sie also alle nett? Zunächst ist es erst einmal eine Form der Offenheit, die signalisiert, ich bin für dich da und komme dir freundlich entgegen. Es heißt aber nicht, ich bin jetzt dein bester Freund und du kannst dir jetzt alles erlauben. Eine gewisse Vorsicht sollte man also immer walten lassen, aber man sollte auch aufgeschlossen und vor allem flexibel bleiben.

Es gibt in manchen Kulturen Gepflogenheiten, die will man gar nicht mitmachen, etwa die Nichtbeachtung der Frau - was tut man in diesem Fall?

Das ist eine Ermessensfrage. Ich würde in dieser Situation schon versuchen, beim jeweiligen Gastgeber oder Gesprächspartner Verständnis für meine Frau zu wecken und eine Gesprächsform anstreben, in der gleiche Augenhöhe gilt. Aber es ist mir schon klar, dass das nicht in jedem Fall funktioniert.

Wie viel von den eigenen Wertvorstellungen muss man im Ausland aufgeben und wo liegen die Grenzen der Anpassung?

Jede Kultur hat eine Art kulturelles Gedächtnis. Ich wachse in einem bestimmten kulturellen Kontext auf, werde erzogen und bekomme zum Beispiel in der Schule ein bestimmtes Verhalten und Traditionen vermittelt. In Taiwan hätte ich eine völlig andere Perspektive und damit auch ein anderes Menschen- und Weltbild. Das kann man nicht einfach ablegen. Gut für den, der an mehreren Standorten der Welt aufwächst. Er wird dann auch in ganz unterschiedlichen Konventionen, also Kulturen aufwachsen.

Welche typisch deutsche Angewohnheit würden Sie im Ausland nie ablegen oder aufgeben?

Die Frage stelle ich mir so eher nicht. Es macht mir Spaß, in Bruchteilen von Sekunden herauszufinden, was mein Gegenüber will oder nicht will. Will er das Händeschütteln oder ist es ihm unangenehm. Entsprechend würde ich mich dann auch verhalten. Aber es gehört durchaus zur interkulturellen Kompetenz, sich selbst Grenzen der Toleranz zu setzen und zu sagen, das will ich nicht, das sind meine Grenzen. In diesem Moment. Gegebenenfalls treffen wir uns halt mal wieder und reden neu darüber.

Was wäre so ein Punkt?

Ein Beispiel aus der europäischen Arbeitswelt: Nicht in Deutschland, aber in Belgien wird gerade viel über die Burka diskutiert. Frauen klagen, dass sie damit nicht auf Arbeit dürfen. Weil die Mitarbeiter sagen, das ist uns zu unheimlich. Interkulturelle Kompetenz bedeutet da eben nicht, irgendeinen Mittelweg zu suchen, sondern klar zu sagen, im Moment findet ihr nicht zueinander, dann müsst ihr es eben in zwei Jahren noch einmal versuchen.


Hanno Müller / 20.07.12 / TA
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Kommentare
20.07.12 - 16:39
Kuno
Diesen Artikel sollte man sich sehr gut verinnerlichen. Besonders wie intolerant fremde Kulturkreise gegen "Andersartige" sind. Drehe ich den Spieß aber um und bin in Deutschland analog auch so, dann bin ich nach heutiger Leseart fremdenfeindlich bis hin zum Braunen. Aber das wird sich auch ändern. Toleranz ist zweiseitig. Wenn eine Seite nicht mehr will, wird es die andere aauch nicht mehr sein.
 
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