Der Eingang zum Gefangenenlager in Buchenwald: Sechs straffällige Jugendliche beschäftigten sich mit den Nazi-Verbrechen im Konzentrationslager. Foto: Marco Kneise
Sie sitzen im Arrest wegen Körperverletzung und Schlägereien. Doch einen Tag lang erhalten sechs Jugendliche Ausgang, um das KZ in Buchenwald zu besuchen. Mit einer kleinen Gruppe aus Betreuern und Pädagogen befassen sie sich mit den Verbrechen der Nazis - und zeigen Reue bei ihren eigenen Straftaten.
Zögerlich heben sich die Arme. Zwei Jugendliche aus der Gruppe waren schon einmal in Buchenwald. Nichts Ungewöhnliches für Ronald Hirte. Der 42-Jährige arbeitet seit 17 Jahren als Pädagoge auf dem ausgedehnten Gedenkstätten-Areal in der Nähe von Weimar. Dem Ort, an dem die Nazis zwischen 1937 und 1945 ihr Konzentrationslager betrieben hatten. "Woran erinnert ihr euch noch?", möchte Hirte wissen. Stille. Die zwei überlegen. Dann erzählt einer, dass er nicht in die Gedenkstätte gelassen wurde, weil er beim Besuch mit seiner Schulklasse ein T-Shirt mit der Aufschrift "Wehrmacht" trug.
Anhand eines Modells des KZ Buchenwald wurde den Jugendlichen die Größe des Lagers verdeutlicht. Foto: Marco Kneise
Ronald Hirte nickt, der Angesprochene erzählt weiter. Er sei damals 13 oder 14 Jahre alt gewesen und seine Mutter musste ihn abholen. Peinlich. Nun steht er mit fünf anderen Jugendlichen am alten Holzverladeplatz. Einen Tag lang werden sie sich mit den Greueltaten der Nazis im Konzentrationslager Buchenwald beschäftigen, aber auch mit dem Verhalten von Menschen, die das Töten mit ermöglichten. Die jungen Leute erhalten für diesen Tag Ausgang von der Arrestanstalt in Weimar. Dort sitzen sie wegen diverser Gewalttaten zwei Wochen ein. Einige müssen in dieser Zeit ein Anti-Gewalt-Training absolvieren. Die Konfrontation mit den Nazi-Verbrechen auf dem Ettersberg gehört dazu.
Einigen von ihnen kennen die Neonazi-Szene
Daher wundert sich Ronald Hirte nicht, als auch der zweite Arrestant seine Geschichte erzählt: Ihm wurde der Besuch verwehrt, weil er damals Dinge gesagt hat, die er nicht wiederholen möchte. Zwei andere aus der Gruppe tragen einen Verband am Arm. Sie mussten Tattoos verdecken. Die Hautmalerei zeigt nichts Verbotenes, wäre aber für den Ort respektlos gewesen.
Eine Arrestzelle im Gefangenenlager: 270.000 Häftlinge wurden in acht Jahren nach Buchenwald gebracht. Foto: Marco Kneise
Auch das gehört zum Trainingsprogramm, genauso wie spezielle Aufgaben für jeden der Teilnehmer. Sie alle sollen sich am Nachmittag Informationen in der Ausstellung der Gedenkstätte für einen kurzen Vortrag erarbeiten. Begleitet werden die Arrestanten von ihren Trainern: einem Sozialarbeiter und einer Psychologin. In Zivil folgt auch ein Bediensteter der Arrestanstalt der Gruppe. Rechtsextreme Straftaten? Keiner der sechs Jugendlichen bekam den Arrest dafür aufgebrummt. Es waren Körperverletzungen, Schlägereien. Einigen der Arrestanten sind die Verbindungen in die Neonazi-Szene aber auch nicht fremd. Der Rundgang beginnt: "Blutstraße", konfrontiert Ronald Hirte die sechs mit dem Namen des Weges, über den sie zum alten Holzverladeplatz gefahren sind. Über diesen Weg wurden die Häftlinge von den Nazis in den ersten Jahren vom Bahnhof in Weimar in das Konzentrationslager getrieben. Wie fordernd der Tag wird, merken die jungen Leute, als Ronald Hirte weiter fragt. Er möchte wissen, was sie sich aus einem Film gemerkt haben, der ihnen am Vorabend in der Arrestanstalt gezeigt wurde. Sie tragen einige Fakten zusammen: Das Konzentrationslager Buchenwald entstand 1937. In den acht Jahren seines Bestehens kamen rund 270.000 Häftlinge dorthin. Der Rundgang fordert von ihnen über längere Zeit Konzentration und Aufmerksamkeit. Einige der Arrestanten geraten schnell an ihre Grenzen, aber dieses intensive Arbeiten ist Teil des Trainings-Programms. Warum töteten die Nazis Kinder? Schulterzucken.
Der Gedenkstättenpädagoge Ronald Hirte führte die Arrestanten durchs ehemalige Konzentrationslager. Foto: Marco Kneise
Die Gruppe läuft auf dem alten Bahndamm in Richtung des früheren KZ-Geländes. Die Gleise fehlen, der Weg wurde mit Rindenmulch befestigt. "Die 13 Kilometer lange Strecke vom Bahnhof in Weimar hoch zum Lager auf den Ettersberg mussten Gefangene 1943 in einem halben Jahr anlegen", erzählt Ronald Hirte. Feldsteine mit eingemeißelten Namen säumen in einer Mulde den Weg. Im September 1944 wurden 200 Kinder von Roma- und Sinti-Familien aus Buchenwald ins Vernichtungslager nach Auschwitz deportiert. Ronald Hirte möchte wissen, warum die Kinder in ihren sicheren Tod geschickt wurden. Schulterzucken. Schweigen. Dann kommt eine erste, vorsichtige Antwort. Sie hätten einer anderen Rasse angehört. "Andere Rasse?", fragt der Pädagoge. "Ist das ein Grund?"
"Nein", folgt diesmal gleich von mehreren als Antwort. "Wer war eigentlich im KZ Buchenwald inhaftiert?", hakt Ronald Hirte nach. "Menschen mit anderem Glauben", sagt einer. "Homosexuelle. Alle, die nicht in das Bild von Adolf und seinen Freunden passten", meint ein weiterer Jugendlicher. "Adolf und seine Freunde?", hakt der Betreuer nach. "Naja, die da an der Macht waren", meint der Jugendliche. Ronald Hirte lässt nicht locker. "War es mit Hitler wirklich ein Einzelner, der das Unheil damals über Deutschland und Europa brachte?" Buchenwald ist mit "Adolf allein" nicht zu erklären, stellt er klar. "Hitler allein hat keine 60 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg umgebracht."Er fährt fort: "Die gesamte Bevölkerung im Umfeld des Lagers wusste von den unmenschlichen Haftbedingungen und den Greueltaten der SS-Wachmannschaften." In der Munitionsfabrik hätten neben Häftlingen auch 1000 Menschen aus Weimar und Umgebung gearbeitet. "Die sind jeden Tag wieder nach Hause gegangen", gibt er zu bedenken. Es arbeitet in den jungen Leuten und Hirte zeigt ihnen, wo im Wald noch Reste der Munitionsfabrik neben dem Bahndamm zu finden sind. "Behinderte und Kranke" vermuten die Jugendlichen nun auch unter den Insassen des Konzentrationslagers. Politische Gefangene fallen ihnen nicht ein. Später werden noch "Asoziale und Arbeitsunwillige" genannt.
Mit den Betreuern werten die Jugendlichen am Folgetag ihre Erfahrungen aus. Foto: Marco Kneise
Der Weg führt die Gruppe auf dem Bahndamm durch den Wald. Er wächst heute dort, wo bis zu einem alliierten Bombenangriff 1944 die riesigen Hallen für die Rüstungsproduktion standen und wo zwischen 1945 und 1950 die Massengräber des sowjetischen Speziallagers ausgehoben wurden. Die jungen Leute können sich diesen sehr realen Eindrücken kaum noch entziehen. Er sei nach einer Schlägerei zu Arbeitsstunden verurteilt worden, erzählt ein 20-jähriger Arrestant. Weil er die nicht abgeleistet habe, sitzt er nun zwei Wochen im Arrest. Am Anti-Gewalt-Training nimmt er freiwillig teil: "Allein auf der Zelle war es zu langweilig." Nun hofft er, vielleicht ein oder zwei Tage zeitiger entlassen zu werden. Für ihn sind die zwei Wochen ein schmerzhafter Einschnitt: "Ich bin selbstständig und habe finanzielle Verluste, weil ich nichts verdiene." Noch einmal in den Knast, dass wolle er nicht, betont der 20-Jährige.
Er hat ein Kind - und will nie mehr ins Gefängnis
Der Jugendliche neben ihm ist zwei Jahre jünger. Auch er sitzt wegen einer Schlägerei, hat draußen eine Freundin und ein Kind. Er versichert, nicht noch einmal ins Gefängnis zu wollen. Die Gruppe nähert sich inzwischen dem Haupteingang des Gefangenenlagers. Hier habe er vor Jahren den Ärger gehabt, erinnert sich der junge Mann, der zu Beginn des Rundgangs seinen Arm gehoben hatte. Damals sei er in so einer rechtsextremen Gruppe gewesen. "Das ist aber lange vorbei", versichert er. Zu seiner aktuellen Verurteilung kam es, weil er jemanden verteidigt habe. "Der Tritt mit dem Fuß zum Kopf war aber zu viel. Das weiß ich jetzt." Auch er hofft, vorzeitig entlassen zu werden, damit er am Montag wieder arbeiten kann. Noch einmal Knast würde sein Chef nicht akzeptieren, fügt er an. Es ist sein zweiter Aufenthalt in der Arrestanstalt. "Der Chef hat mir mit Entlassung gedroht. Das will ich nicht riskieren", meint der Jugendliche. "Jedem das Seine" wurde in die eiserne Eingangstür zum Gefangenenlager geschmiedet. Die Häftlinge sahen diesen Satz jeden Tag, wenn sie stundenlang zum Appell antreten mussten. "Warum diese Botschaft?", fragt Ronald Hirte. "Terror, Schikane" kommen spontan die Antworten. "Die Häftlinge waren weniger wert als Tiere", sagt ein anderer. "Richtig. Die Nazis haben andere Menschen als minderwertig angesehen, in Buchenwald an ihnen sogar medizinische Experimente durchgeführt", erklärt Ronald Hirte. Während des Gesprächs kann die Gruppe auf die Eingangstür blicken. Daneben sehen die Jugendlichen den Bärenzwinger des Lagerzoos. "Hungrig waren diese Tiere nie", erklärt Ronald Hirte. Das Wehrmacht-T-Shirt sei eine Dummheit gewesen, meint einer der zwei Jugendlichen vom Anfang. Auch der andere versichert noch einmal, seine früheren Äußerungen heute nicht mehr zu wiederholen. Er hofft darauf, nach einem berufsvorbereitenden Jahr 2013 eine Lehre beginnen zu können und nicht noch einmal in die Arrestanstalt eingewiesen zu werden.