Henrik May führt die erste Skischule in Namibia

Ein Thüringer hat das Skifahren erfunden, das Skifahren auf Sand - genauer: im heißen Wüstensand. Die Geschichte von Henrik May, der mit seiner Familie im Jahr 1998 von Zella- Mehlis nach Namibia auswanderte, ist die Geschichte einer großen Leidenschaft. Derzeit ist der Abenteurer in Thüringen, um für seine neuesten Ideen zu werben.
Abenteurer und Skifan Henrik genießt derzeit die weiße Pracht im Thüringer Wald. Foto: Marco Kneise Abenteurer und Skifan Henrik genießt derzeit die weiße Pracht im Thüringer Wald. Foto: Marco Kneise

Zella-Mehlis. Für Henrik May ist Skifahren früh zu einer Sucht geworden. Vor einer halben Ewigkeit, als er mit gerade einmal vier Jahren auf den Brettern stand, wurde er mit dem Virus infiziert. Und weil der Junge aus Zella-Mehlis talentiert und auch ehrgeizig war, schaffte er es ein paar Jahre später auf die Skischule nach Oberhof, wo er für die Nordische Kombination trainiert wurde.

Doch mit der Wende kam der Bruch. Vielleicht lag es an der neu gewonnenen Freiheit, der Möglichkeit, sich ausprobieren zu können. Henrik gab den Leistungssport auf, wurde Polizist - und über die Zeit immer unzufriedener. "Ich spürte tief im Inneren, dass es das noch nicht gewesen sein konnte", erinnert er sich.

Fünf Jahre später, nach zahlreichen schlaflosen Nächten, packte er seine Sachen und wanderte gemeinsam mit den Eltern aus. Im fernen Namibia, nahe der Stadt Swakopmund mit seiner deutschen Kolonialvergangenheit, wurde die Familie heimisch.

Ein Neuanfang ohne Skispaß, ohne Abfahrten und ohne Touren durch den Schnee. Stattdessen bauten sie gemeinsam auf drei Hektar Land eine Gästefarm auf. "Das war ein Knochenjob, jeden Tag arbeiteten wir in unserem Sophia Dale Restcamp, werkelten an den Bungalows, errichteten Zelte und organisierten für die Gäste den Urlaub", erzählt der mittlerweile 35-Jährige weiter. Als erstes Transport- und Baufahrzeug diente ein alter Trabi Kübel, der auch in der Sandwüste zäh seinen Dienst versah.

Was unter der Sonne Namibias aber in all der Zeit nicht nachließ, war die Magie des Skifahrens. Und so schulterte Henrik eines Tages seine alten Head-Abfahrtsski und stapfte eine nahe Düne herauf. "Es war ein unglaubliches Gefühl, als ich das erste Mal durch den Sand raste", erklärt May.

An diesem Tag, im August des Jahres 2002, wurde das Skifahren wieder zu seinem Lebensinhalt. "Von da an habe ich ununterbrochen an der Lauffläche der Bretter getüftelt", erzählt Henrik. Seine Oma habe ihm zu diesem Zweck immer wieder Wachs aus dem fernen Thüringen geschickt. "Und ich habe jede Mischung auf ihre Tauglichkeit getestet - mal mit mehr, häufig aber auch mit weniger Erfolg." In seiner wenigen Freizeit nahm er an Skiwettkämpfen in der Schweiz teil, natürlich immer unter der Flagge Namibias. Von seinen Touren brachte er weitere Ski-ausrüstungen in die Wüste.

Aus der auf den ersten Blick spinnernden Idee ist mittlerweile ein kleines Geschäft geworden. Henrik May hat das Restcamp verkauft und konzentriert sich nur noch auf seine Skischule. Neben den rasanten Abfahrten bietet er auch diverse Touren durch die Wüste an. "Skifahren im Sand ist ähnlich wie Tiefschneefahren - nur sinkt man nicht so leicht ein", erklärt er das Geheimnis der Sportart. Und noch ein Tipp hat er: "Man sollte weniger die Kanten einsetzen, sonst ist ein Sturz unausweichlich." Aus eigener Erfahrung weiß er, dass der Sand bei einem Aufprall mit hoher Geschwindigkeit hart wie Beton ist.

Doch was wäre die beste Geschäftsidee ohne Werbung, das weiß auch Henrik May. Öffentlichkeitswirksam stellte der Thüringer deshalb im vergangenen Jahr einen Abfahrtsrekord im heißen Sand der Namib auf. Am 31. Mai stürzte sich der Abenteurer wagemutig einen steilen Abhang hinunter - und eine Geschwindigkeit von 92,12 Kilometern pro Stunde sicherte ihm den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde.

Zuvor hatte er auf Tourenski die Südnamib durchquert, vom Atlantik bis Sossusvlei. "Ein absolutes Abenteuer, aber ich habe erkannt, dass diese Touren für Touristen nicht geeignet sind." Die Logistik über solche Entfernungen sei zu aufwendig. Auch kleinere Rückschläge gehören eben dazu.

Henrik May ist ein Besessener - im positiven Sinne. "Ich will zeigen, dass man fast jede noch so verrückte und ausgefallene Idee umsetzen kann", erklärt er. Derzeit versucht er ein Fun-Langlaufrennen vorzubereiten. Zu diesem Zweck ist er von Namibias Hauptstadt Windhoek in seine alte Heimat geflogen und hat Kontakt mit der Thüringer Firma "Germina" aufgenommen. Das Unternehmen könnte das Vorhaben als Materialausstatter unterstützen, hofft May. Auch den Kontakt zum Skiklub SC Motor Zella-Mehlis hat er in den letzten Jahren wiederbelebt. "Das wäre doch was, Thüringer skaten mit Thüringer Langlaufbrettern von Germina durch die älteste Wüste der Welt", schwärmt er.

Ein Thüringer bleibt im Herzen eben immer ein Thüringer. "Auch wenn ich schon so lange fort bin, hänge ich doch an der Region", verrät May zum Abschluss. Und manchmal träumt er unter der heißen Sonne Namibias vom eisigen Schnee im fernen Thüringer Wald. Und er träumt von der Bratwurst, die der Fleischer in der Nähe seines Elternhauses so wunderbar würzig hergestellt hat.

Am Freitag, den 4. Februar, ist Henrik May zu Gast in der Fernsehsendung "Unter uns" - ab 22 Uhr im mdr.

Peter Rathay / 02.02.11
Z82B21L040283
Diesen Artikel
Kommentare