Hunde-Grete aus Leutenberg macht Karriere in England
Porträt
Die Villa Viola an der Saalfelder Straße in Leutenberg. Hier lehrte Margarethe Schmidt, die Tochter des Papiermühlenbesitzers, von 1930 bis 1945 Hunde rechnen und sprechen. Englische Boulevardzeitungen machten daraus eine skurrile Nazi-Geschichte. Foto: Thomas Spanier
Medien in Großbritannien berichten über Hitlers Pläne mit der früheren Leutenberger Hundesprechschule "Asra". Es ist die Rede von der Absicht, eine Art Volkssturm auf vier Beinen zu züchten. Die Ex-Fabrikanten-Villa Viola dient heute dem betreuten Wohnen von jungen Delinquenten.
Leutenberg. Der Putz bröckelt, das Fachwerk vergilbt und der Schriftzug "Villa Viola" ist unter dem Dachgiebel kaum noch zu erkennen. "Wohngruppe Neues Leben der Jugendhilfeeinrichtung Am Schiefergrund" gibt ein Schild Hinweise auf die Bewohner. Geht es nach den Recherchen britischer Boulevardmedien wurde in diesem Haus in Leutenbergs Saalfelder Straße eine Art Volkssturm auf vier Beinen gezüchtet. Sprechende Hunde, wie sie in der Schule von Margarethe Schmidt in der "Villa Viola" erzogen wurden, seien Teil von Hitlers skurrilem Waffenarsenal gewesen, schreibt die "Daily Mail" in dieser Woche unter der Überschrift "Howl Hitler". Ein schwedischer Arzt will Hinweise gefunden haben, dass sich der Hunde-Führer persönlich für die Leutenberger Bildungseinrichtung eingesetzt habe. "Er empfahl führenden SS-Leuten, sich die Sprechschule anzuschauen und herauszufinden, ob man die Kommunikationstechniken für den Krieg nutzen könnte", zitiert die Süddeutsche Zeitung den Buchautor.
Nebenanlagen an der Villa Viola in Leutenberg. Foto: Thomas Spanier
Alte Leutenberger können über so viel Aufmerksamkeit nur staunen. Die "Hunde-Grete" sei ein bisschen spleenig gewesen, habe keinen Mann gehabt und sei nach dem Krieg "nach drüben gemacht", erzählen diejenigen, die sie noch gekannt haben. Zu einer Vorführung in der Hundeschule "Asra", benannt nach einer besonders begabten Hündin, waren aber weder der 82-jährige Karl Schmidt noch der ein paar Jahre jüngere Horst Großmann. Dafür berichtet Edgar Winzen, der zur Kinderlandverschickung in Leutenberg war, in einem 1944 verfassten Brief an seine Mutter euphorisch von einem Besuch der Hundeschau. Die "weltberühmten Hunde" hätten sprechen, rechnen und denken können. Wenn man sie fragte, antworteten sie durch schellen. Laut Prospekt kannten die Tiere auch die Uhrzeit, verbesserten Schreibfehler und konnten Menschen charakterisieren.
Margarethe Schmidt, die den Tieren das alles beigebracht haben soll, war die Tochter des Besitzers der Leutenberger Papiermühle. Sie lebte mit ihrer Mutter und einem halben Dutzend Hunden in dem Haus am Ortseingang aus Richtung Saalfeld. Die Hundesprechschule eröffnete sie 1930. Auf einem Foto aus der "Deutschen Schlachthofzeitung" posiert sie 1943 mit sechs Deutschen Doggen. Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges immer mehr Flüchtlinge in der Villa einquartiert wurden, löste sie die Schule auf und zog nach West-Berlin, wo sie nach Aussage ihres Neffen Horst Schmidt Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre verstorben ist. Der Sohn ihres Bruders, der heute in Velbert bei Düsseldorf lebt, findet es ganz und gar nicht witzig, was englische Zeitungen über seine Tante schreiben. "Wir hatten mit Nazis absolut nichts zu tun", sagt er. Lediglich sein Vater sei als Leiter der Papierfabrik einfaches NSDAP-Mitglied gewesen. Er wolle prüfen, ob bei den Veröffentlichungen der Tatbestand der Verleumdung erfüllt sei und gegebenenfalls Rechtsmittel einlegen, sagte Horst Schmidt. Die "Villa Viola", die ihm jetzt gehört, hat er an das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk vermietet, das hier elf Plätze für delinquente junge Menschen als sozialpädagogisch betreute Wohnform anbietet. Leiter Steffen Kubin versichert mit Hinweis auf die Vergangenheit des Hauses, hier werde niemand mehr dressiert.