"Thüringer-Allgemeine"-Leser Hans-Georg Pohl erinnert sich an Zeiten, in denen Brot ein kostbares Gut war.
Als ich vor einiger Zeit bei einer Fahrt an vielen abgeernteten Getreidefeldern vorbeifuhr, musste ich an Erlebnisse aus der Vergangenheit denken und an viele Geschichten, die auf so einem Getreidefeld ihren Ursprung haben. Wenn wir heute unser Frühstücksbrötchen oder -brot essen, denken wir kaum darüber nach, wie viel Arbeit erforderlich war, ehe aus dem Korn, das in die Erde gebracht wird, unser Brot auf dem Tisch wird. In der Nachkriegszeit, wo Menschen oft hungern mussten, war es das kostbarste Gut und ein wertvolles Geschenk, wenn man nur irgendwie ein Stück Brot bekam. Ich erinnere mich, wie ich mit Mutter auf die Dörfer ging und höre heute noch ihr Bitten, wenn uns die Türen geöffnet wurden: "Haben Sie bitte eine Scheibe Brot für meinen Jungen?". Oder ich denke daran, wie wir Kinder auf die abgeernteten Felder zum "Ähren lesen" gingen. Es war mühsam, auf den schon von vielen gründlich abgesuchten Feldern noch ein paar Ähren zu finden, noch dazu barfuß. Zuhause wurden dann zwischen den Händen die Körner aus den Ähren gerubbelt und danach die Spreu ausgeblasen. Wenn man dann auf diese Art im Laufe der Zeit ein kleines Säckchen Körner zusammen hatte, tauschte man es in der Mühle ein und bekam beim Bäcker Brot für das Mehl. Manchmal wurden die Körner auch in einer Kaffeemühle gemahlen und dann gab es zum Mittagessen "Schrotsuppe". "Haben Sie eine Scheibe Brot für meinen Sohn?"
Ehe Mutter das Brot anschnitt, segnete sie es immer, indem sie auf der Unterseite mit dem Messer ein Kreuz zeichnete. Christen bitten in einem bekannten Gebet zu Gott mit den Worten: "Unser täglich Brot gib uns heute". An ein Erlebnis, bei dem das wertvolle Korn eine große Rolle spielte, erinnere ich mich heute oft noch: Seit Kriegsende im Mai 1945 waren wir von der Tschechei, wo wir nach der Vertreibung im Februar gelandet waren, in Richtung Schlesien unterwegs. Nachdem wir erfahren hatten, dass die Rückkehr in die Heimat nur Wunschtraum blieb, mussten wir uns eine Bleibe suchen, in der wir über den Winter kommen. Auf einem Bauernhof in Tonhausen/Sachsen bekamen wir eine Unterkunft. In einem Seitengebäude über dem Kuhstall war ein Raum mit zwei Feldbetten, Tisch und Stühlen sowie einer Kochstelle. Eine Möglichkeit zum Heizen gab es nicht, das erledigten die Kühe unter uns. Gegenüber unserem Raum war die Kornkammer, aber die wurde immer ganz sicher verschlossen. Wir wohnten praktisch auf Gold, aber dieses war für uns unerreichbar, bis sich eines Tages Folgendes ereignete: Die Bauersleute kümmerten sich kaum um uns. Wir waren dankbar, dass sie uns aufgenommen und uns die Unterkunft gegeben hatten. Unser Tagesablauf war jeden Tag der gleiche. Gegen Abend ging ich mit meinem Bruder immer auf die tägliche "Betteltour" ins Dorf, und tagsüber beobachtete ich am Fenster meist das geschäftige Treiben auf dem Bauernhof.
Wir wohnten auf Gold - für uns unerreichbar
Dort war die Getreideernte in vollem Gange. Ein Knecht trug die gefüllten Getreidesäcke in die Kornkammer. Ich stand in unserer Tür und schaute zu, wie sich nach und nach der Raum füllte. Der Mann muss wohl meine Gedanken gelesen haben, als er auf einmal auf unsere Tür zuging und mir durch Gesten zu verstehen gab, die Tür zu öffnen. Er stellte wortlos einen zur Hälfte gefüllten Sack mit Getreide mitten ins Zimmer und lief schnell wieder die Treppe hinunter. Ich wäre ihm am liebsten vor Freude um den Hals gefallen, aber er konnte sicher meine Freude und die meiner Mutter von unseren Augen ablesen. Für uns begannen nun Tage, die zu Feiertagen wurden. Einen Teil tauschten wir in Mehl ein und das wiederum beim Bäcker in Brot. Mir lief im Laden vom Geruch des frischen Brotes das Wasser im Mund zusammen. Einen Teil der Körner mahlten wir täglich mit einer Kaffeemühle für unsere "Schrotsuppe". So half uns dieses Geschenk, den Hunger zu stillen, denn wir hatten uns bisher nur von dem täglich Erbettelten ernährt. Als wir dann Anfang 1946 nach Eisenach übersiedelten, diente uns das mitgebrachte Korn als wertvolle Nahrung in der schweren Zeit, bis es 1947 Lebensmittelkarten gab. Bedenken wir, dass es heute in der Welt immer noch Menschen gibt, die wie wir einst für ein Stück Brot dankbar wären und keinen Hunger leiden müssten, wenn manche von ihrem Überfluss etwas abgeben würden. Pflegen und erhalten wir die Natur, damit das wertvolle Korn für unser "täglich Brot" immer wächst und allen Menschen in der Welt den Hunger stillt.