Kunstpause: Der Goldjunge von Funchal

Frank Quilitzsch hat Cristiano Ronaldo berührt – sittlich natürlich.

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

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Da steht er wie beim Freistoß: breitbeinig, mit leicht abgespreizten Armen, der Blick auf den Ball gerichtet. Den es nicht gibt. Vor ihm ist eine Messingplatte in den Hafenboden eingelassen: „Best player in the world“, steht da. Was nicht ganz stimmt. Denn gerade hat die Fifa seinen Dauerrivalen Lionel Messi zum Weltfußballer des Jahres gekürt, 2018 war der Titel an Luka Modric gegangen. Und was ist mit Pelé, Maradona, Zidane?

Egal. In Funchal, der Hauptstadt von Madeira, wo Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro vor 34 Jahren geboren wurde, ist er der Größte. Hier hat CR7 sich selbst ein Denkmal gesetzt, hat ein Museum errichtet und gleich noch ein Hotel mit Cafeteria dazu. Hier feiert er täglich ein Heimspiel vor Tausenden Touristen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Wenn nur diese Statue nicht wäre. Dieses stoische Gesicht, das kaum Ähnlichkeit mit dem Original aufweist, die riesigen Hände, die prägnant herausgearbeitete Schmalztolle und die Beule in der Hose. Hat der beste aller Ronaldos so ein schlechtes Denkmal verdient?

Es gab ein noch schlechteres auf dem Airport. Doch die Büste wurde, nachdem man sich im World Wide Web über die grinsende Karikatur das Maul zerriss, rasch ausgetauscht.

Den Vorbeikommenden ist es schnuppe. Sie bleiben stehen, vergewissern sich anhand der Inschrift, dass ER es ist, und machen ein Foto. Die meisten nehmen CR7 an die Hand, weibliche Fans grabschen ihm auch gern in den Schritt, was am Metall goldglänzende Spuren hinterlässt. (Wieso noch kein Eintrag auf #MeToo?) Abgegriffen sind auch Hände, Hüfte und Waden.

„Mögen Sie Ronaldo?“, hatte mich Nancy gefragt.

Das war noch vor unserer Radtour gewesen, wir saßen im Hotel in Canico und besprachen den Ablauf. Am Ende der Inselrundfahrt würden wir in Funchal auf den fünffachen Weltfußballer treffen.

Einen Moment lang wusste ich keine Antwort. Für mich ist Cristiano Ronaldo ein Phänomen, schon deshalb, weil er sich so lange an der Spitze behauptet. Weil er sich bei Kopfbällen in unglaubliche Höhen schraubt. Weil er Freistoß-Tore erzielt, die man nicht für möglich hält. Und weil er mit zunehmendem Alter immer noch ein Stück effizienter wird.

Ich erwiderte, dass ich Ronaldo bewundere, aber niemals würde mögen können. Dafür sei er mir zu selbst­verliebt.

Nancy, Tochter eines nach Portugal eingewanderten serbischen Fußballprofis, nickte. Folglich, meinte sie, würde ich wohl auch nicht ins Ronaldo-Museum gehen.

Doch. Natürlich habe ich es besucht. Aber es war eine Enttäuschung. Kein Museum, sondern eine Hall of Fame, gefüllt mit Pokalen, goldenen Bällen und neonfarbenen Fußballschuhen mit den Initialen CR7. Man wird auf Schritt und Tritt geblendet.

Nur eines hat mich dort wirklich berührt: ein Foto, das den kleinen, unbändigen, wilden Cristiano zeigt. Einen Balljungen aus Funchal. Ohne Pose, ohne Tolle und goldene Glocken.

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