Netzentdecker: Eisiges Schweigen

Hajo Schumacher über die Notwendigkeit einer W-Lan-Diät.

Hajo Schumacher.

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Foto: Annette Hauschild

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Noch dreißig Sekunden. Dann wird sich unser Leben ändern. Alles wird sein wie früher, als wir miteinander geredet haben. Oder wir werden noch weniger reden, weil jemand sehr beleidigt ist. Die Chefin steckt in ihrem Zimmer. Sie wolle lesen, hat sie gesagt. Hahaha, sehr witzig – das Stieren auf Facebook-Unsinn hat mit der einstigen deutschen Elementartugend wenig zu tun.

Noch zwanzig Sekunden: Ich vermute, der Tumult beginnt im Kinderzimmer, wo ein junger Mann seit etwa zehn Wochen damit beschäftigt ist, die Kunst der Selbststeuerung in der digitalen Welt zu erlernen. Wie sollen wir Eltern dem Jungen Umgang mit einer Droge beibringen, die wir selbst kaum im Griff haben?

Noch zehn Sekunden. Countdown. Unser W-Lan läuft nur noch wenige Momente. Und dann – weg. Einfach so. Ich habe eine Zeitschaltuhr installiert. Meine Familie wird mich beschimpfen, verfluchen, umgarnen. Aber ich werde mich nicht erweichen lassen. Nicht schon wieder. Mein Entschluss steht. Drei Sekunden. Ich halte die Luft an. Zwei Sekunden. Ich schließe die Augen. Eine Sekunde. Ich presse die Hände auf die Ohren.

Paff. Schlag 21.30 Uhr. Ich erwarte verzweifelte Schreie. Aber alles bleibt still. Wahrscheinlich reagieren die Geräte nicht sofort, weil sie auf Vorrat gespeichert haben. Da plötzlich ein erstes Grummeln. „Ist euer Netz auch so schlecht?“, ruft die Chefin. „Ich lese“, antworte ich und raschele bildungsbürgerhaft mit der Tageszeitung. „Oh nein, mitten in der Runde“, kreischt es aus dem Kinderzimmer. Regel eins beim Zocken: Gerade jetzt ist immer das wichtigste Spiel aller Zeiten. Gleich werden sie vor mir stehen oder direkt zum Router unter den Schrank tauchen, um den Techniktrick des Jahrhunderts zu versuchen: Stecker raus, Stecker rein, auf blinkende Lampen starren. Aber es wird nichts nützen.

Seit Wochen versuche ich, die Familie zu einer W-Lan-Diät zu bewegen. Denn die Quarantäne hat einige Kollateralschäden mit sich gebracht, die zu schleichender Verblödung führen. Weil die Schule gelegentlich Aufgaben schickt, muss das Kind tagsüber online sein. Weil die Klassenkameraden abends zum kollektiven Abschreiben antreten, muss das Kind nach Einbruch der Dunkelheit online sein. Und weil wir irgendwann entkräftet von der ewigen Mahnerei ins Bett fallen, ist das Kind praktisch rund um die Uhr online. Das geht so nicht weiter. Ich hatte Vorträge gehalten, mit welchen Tricks die Spiele-Programmierer unsere Kinder zu Zocker-Junkies machen. Ich hatte der Chefin herzzerreißende Geständnisse von früheren Facebook-Managern vorgelesen, die bitter bereuen, was sie da zum Verdummen der Menschheit mit errichtet hatten. Und ich hatte übers Dopamin referiert, jene körpereigene Droge, die ausgeschüttet wird, wenn man sich auf die Jagd nach Likes, Daumen oder Herzchen begibt. Aussichtslos.

Meine Versuche, den Router selbst – „mit wenigen Handgriffen“ – zu programmieren, endeten im Gelächter der Familie. Unser Sohn grinste frech und behauptete, er würde nicht länger als drei Minuten brauchen, um ins Netz zu gelangen. Leider behielt er Recht. Merke: Die beste Hackerausbildung für Kinder sind rigide Verbote. Also rief ich einen Fachmann an, der uns eine unknackbare W-Lan-Zeitschaltuhr installierte. Hat funktioniert. Das Netz ist weg. Und kommt erst am frühen Morgen wieder. Ich hatte auf gute Gespräche mit der Familie gehofft, echtes Lesen, vielleicht mal wieder Fernsehen. Stattdessen eisiges Schweigen. Für den Rest der Woche, sagt die Chefin, habe sie abends dringende Termine bei einer Freundin. Und der Junge erklärt, er müsse dringend bei einem Kumpel lernen. Er könne da sicher auch übernachten. Schon klar.

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