Eisenach. Große Klassiker und einen Thriller nach Stephan King hat sich das Haus zum Beginn einer neuen Ära unter anderem vorgenommen. Eine andere endet hingegen im nächsten Sommer.

Es sei „ein glücklicher Gedanke“ gewesen, mit „Minna von Barnhelm“ zu eröffnen, befand die Eisenacher Zeitung, nachdem Lessings Lustspiel 1879 das neue Theater mit, wie es weiter hieß, „der Verherrlichung echter Treue und Herzensbiederkeit eingeweiht“ hatte. Dergleichen hat Lydia Bunk kaum im Sinn, wenn sie 145 Jahre später mit dieser „Minna“ nicht allein, aber wohl auch der historischen Referenz wegen eine neue Ära eröffnet. Das betrifft die Regisseurin selbst, die nach 24 freischaffenden Jahren in Deutschland und Dänemark eine Sparte übernimmt, mehr noch das Landestheater, das unter Intendant Jens Neundorff Aufbruchssignale sendet.

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Eine neue Schauspielleitung allein stünde nicht dafür; sowas sah man in der Vergangenheit viel zu oft kommen und wieder gehen: gleichsam als extravagante Form von Kontinuität. Mit der Spielzeit 2024/25 aber kehrt das Haus nicht nur zum Flächentarif zurück, abgesichert durch den nächsten Finanzierungsvertrag zwischen Stadt, Wartburgkreis und Land. Mithilfe von Stadt und Kreis kann das Schauspiel zudem um zwei Stellen auf acht Darsteller aufstocken. Im Gegenzug verliert das Ensemble nach alles in allem 19 Jahren sein zuletzt nochmal geschärftes Profil als Kinder- und Jugendtheater, das als Farbe auf breiter Angebotspalette erhalten bleibt: unter anderem mit „Hase Primel“ als mobiler und „Die Weihnachtsgans Auguste“ als adventlicher Produktion.

Fünf neue Schauspieler im dann achtköpfigen Ensemble

Mit dem Jungen Schauspiel, bilanziert jedenfalls der Intendant seine ersten drei Jahre am Haus, sei es „leider schwierig“ gewesen, das Haus zu füllen. Und die Bude vollzukriegen, ist derzeit die interne Marschrichtung, der man vielleicht nicht alles, aber doch vieles unterordnet. Deshalb bleibt auch die sogenannte Revue „Grand Hotel“ mit Vize-Udo im Programm, die künstlerisch eine Vollkatastrophe, an der Kasse aber einen Riesenerfolg bedeutet.

Die Regisseurin Lydia Bunk übernimmt die Leitung des vergrößerten Schauspiels in Eisenach.
Die Regisseurin Lydia Bunk übernimmt die Leitung des vergrößerten Schauspiels in Eisenach. © Landestheater Eisenach | Harald Dietz

Drei Schauspieler verlassen das Haus zum Sommer, fünf neue werden, nach 200 Bewerbungen und dreißig Vorsprechen, engagiert: Als Jüngste unter ihnen kommt Luca Horvath, 25, frisch vom Studium in Babelsberg, eigentlich aber aus Erfurt, wo sie lange im Theater Die Schotte spielte, zum Beispiel Lysistrata oder eine Macbeth-Hexe; zuletzt war sie 2018 in der Erfurter Sommerkomödie Helena im „Sommernachtstraum“. Als Ältester ist Sebastian Songin, 48, neu dabei. Er wird Goethes Faust spielen, in Bunks Fassung des ersten Tragödienteils für vier Schauspieler. Mit der irisch-belgischen Schauspielerin Nele Swanton im Zentrum, lange in Aachen engagiert, inszeniert Bunk Wolfgang Kohlhaases „Solo Sunny“. Außerdem wechseln Tony Marossek aus Kiel sowie Noah Alexander Wolf, zuletzt Neustrelitz und Neubrandenburg, nach Eisenach, wo Friederike Fink, Lisa Störr und Christoph Rabeneck im Ensemble bleiben.

„Auswirkungen des Fanatismus“ als interner Leitfaden durch die Saison

Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ inklusive, führt Bunk gleich viermal selbst Regie, die sie indes bei „Misyery“ nach Stephen Kings „Sie“ Alexander Flache überträgt. Das Thriller-und-Horror-Genre hält die Spartenchefin im Theater insgesant für „zu wenig vertreten.“ Hier bettet sie das in ihr internes Spielzeitmotto „Auswirkungen des Fanatismus“ ein, wofür auch Major Tellheim in der „Minna“ stehen soll. Für diese Inszenierung nutzt sie die Wände aus Andreas Kriegenburgs „Hamlet“ in Meiningen nach, weil der Wiedereinzug der Theaterwerkstätten ins sanierte und erweiterte Gebäude mit dem Neustart terminlich ein wenig kollidiert.

Ballettdirektor Andris Plucis (rechts), hier 2023 mit Intendant Jens Neundorff von Enzberg, verlässt das Landestheater Eisenach 2025 nach dann sechzehn Jahren.
Ballettdirektor Andris Plucis (rechts), hier 2023 mit Intendant Jens Neundorff von Enzberg, verlässt das Landestheater Eisenach 2025 nach dann sechzehn Jahren. © Landestheater Eisenach | Sebastian Stolz

„Cinderella“ zwischen Ost- und Westberlin 1989

Wie auch immer sich die Ära Bunk anlassen wird, wird sie brauchen, was mit diesem Wechsel auch der aktuellen Truppe unter Esther Jurkiewicz verwehrt bleibt: ein längerer Atem der Hausleitung auf dem Weg zur Profilierung. Derweil wird sich das Theater 2025 von einem Kontinuitätsanker verabschieden müssen: Chefchoreograf und Ballettdirektor Andris Plucis verlässt nach dann sechzehn Jahren das Landestheater, das er weit über seine Sparte hinaus prägte, Richtung Ruhestand. Zuvor vervollständigt er seinen hiesigen Reigen abendfüllender Handlungsballette, den er 2009 mit Prokojews „Romeo und Julia“ begann und nun mit „Cinderella“ vom selben Komponisten beendet. Er verlegt das Märchen in eine Berliner Ost-West-Konstellation am Vorabend des Mauerfalls und zieht damit eine heiter-ironische Schlussbilanz.

Danach programmiert Plucis mit „Next Generation“ ab März einen dreiteiligen Ballettabend als Staffelübergabe, in dem er selbst noch kurz was zu Schuberts „Ländler“ choreografiert und seine ehemalige Tänzerin Lucia Giarratana als Jungchoreografin einlädt. Den dritten Teil verantwortet voraussichtlich der- oder diejenige, die Plucis nachfolgen wird, nachdem eine Eisenacher Ballettwoche dessen Ära im Mai Revue passieren lassen soll.

Luca Horvath aus Erfurt, hier 2020 im Theater Die Schotte, ist einer von fünf Neuzugängen im Eisenacher Schauspiel.
Luca Horvath aus Erfurt, hier 2020 im Theater Die Schotte, ist einer von fünf Neuzugängen im Eisenacher Schauspiel. © Esther Goldberg | Esther Goldberg

Rudolstadts Schauspiel halbiert derweil seine Eisenacher Präsenz auf noch zwei Stücke à sechs Aufführungen: Dürrenmatts „Die Physiker“ sowie Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“. Meiningen liefert eine Oper und ein Musical zu, „Madama Butterfly“ sowie „Jekyll und Hyde“, mit „Der große Gatsby“ zudem ein weiteres Schauspiel.