Die "Rose des Dichtens" ging in Arnstadt auf

Kein Dichter oder Schriftsteller - abgesehen von der Marlitt - hat sich der heiteren Stadt am schönen Gerastrande . . . der Anmutigen, Lindengeschmückten . . . dem trauten Arnstadt über Jahrzehnte so verbunden gefühlt wie Ludwig Bechstein.

Martina Guß mit Büchern und Fotos von Ludwig Bechstein im Schlossmuseum. 
Foto: Hans-Peter Stadermann

Martina Guß mit Büchern und Fotos von Ludwig Bechstein im Schlossmuseum. Foto: Hans-Peter Stadermann

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Arnstadt. In einem seiner späteren Gedichte spricht Ludwig Bechstein davon, dass die "Rose des Dichtens" in seiner Arnstädter Zeit aufgegangen sei. Dieses künstlerische Bild kann sich nur auf seine Gedichte, vor allem aber auf seine "Thüringischen Volksmärchen" beziehen, die 1823 - als Bechstein noch in der Kühnschen Apotheke auf dem Markt tätig war - in Sondershausen herauskamen. Als Verfasser war C... Bechstein angegeben. In diesen vier "Thüringischen Volksmärchen" sind wesentliche Gestaltungselemente, die Bechsteins späteres Schaffen charakterisieren werden, bereits vorgebildet.

Gleich in der ersten Erzählung "Selinde", dem Märchen von der Quellnixenkönigin Selinde und ihrer unglücklichen Liebe zu dem Ritter Alfred von Tannenwörth, begegnet dem Leser ein Märchenmotiv, das auf den Romantiker Friedrich de la Motte-Fouque 1811 zurückgeht: "Undine". Nur fünf Jahre später komponierte der Romantiker E.T.A. Hoffmann seine gleichnamige Oper, 1844/1845 entstand Albert Lortzings romantisch-volkstümliche Oper "Undine". Antonin Dvoraks "Rusalka", die wohl bedeutendste musikalische Fassung dieses Märchenstoffes, erlebte erst 1901 ihre Uraufführung. Ob Bechstein Fouquets Märchen "Undine" kannte, ist nicht nachweisbar. Sein Gespür für volkstümliche Märchenstoffe regte ihn auf jeden Fall an, diesen Stoff nachzuerzählen. Als Schauplatz wählte Bechstein Burg Gleichen und den Mühlberger Spring.

Eine bekannte Thüringer Sage verarbeitet er im zweiten Beitrag seiner "Thüringer Volksmärchen", der "Skizze aus der 2ten Hälfte des 12ten Jahrhundert", "Harald von Eichen" überschrieben. Etwas weitschweifig erzählt wird die Werbung des Ritters von Eichen um das schöne Hoffräulein Adelgunde von Eschilbach. Sie leben am Hofe des Landgrafen Ludwigs II. von Thüringen und Hessen, auf der Wartburg und der Neuenburg. Auf einem Jagdausflug trifft der verirrte Landgraf auf die Werkstatt des Schmiedes von Ruhla, der bei der Arbeit seinen Landesherrn schwer tadelt und auffordert: "Werde hart, wie das Eisen, du barmherziger Landgraf!"

In Rückblicken auf seine Kindheit erzählte Bechstein später, wie und wo seine Liebe zu Märchen und Sagen geweckt wurde. Sein Adoptivvater Johann Matthäus Bechstein, Forstrat im Schloss Dreißigacker bei Meiningen, bestrafte den ungehorsamen Jungen sperrte ihn ein und ließ ihn nur mit dem Dienstpersonal essen. Knechte und Mägde fütterten den Jungen nicht nur mit Essen, sondern auch mit Lektüre. So lernte der junge Bechstein Märchen und Sagen kennen und lieben.

Teil 3 der "Thüringer Volksmärchen" ist "Die Böhlershöhle", Teil 4 "Der Riesenlöffel" überschrieben. Beide Lokalitäten aus Arnstadts Umgebung waren dem wanderfreudigen Bechstein ebenso bekannt wie die Orte, die in beider, "Märchen" erwähnt werden: der Jungfernsprung, das Jonastal, der Königstuhl, der "Schönnenbrunnen", Espenfeld und Gossel oder der Kesselbrunn, der Egilsee, der Arensberg (Arnsberg). Im "Riesenlöffel" wird die unglückliche Liebe der beiden Riesenkinder Ingomar und Egil erzählt, deren Väter Todfeinde sind, die das junge Glück ihrer Kinder vernichten.

Bechsteins Märchen "Die Böhlershöhle" ist bekannt als Sage von der Rettung des armen Schusters Jonas, der sich aus Verzweiflung vom Jungfernsprung in die Tiefe stürzen will, der seine Rettung einem Böhlersmännchen verdankt, Zwergenkönig Bohelier beschenkt Jonas reichlich.

In beiden Erzählungen wird ein späteres Gestaltungselement Bechsteins bereits hier deutlich: Er verarbeitet mehrere Märchen-bzw. Sagenmotive miteinander und vermischt sie mehr oder minder geschickt miteinander. Die "Thüringer Volksmärchen sind zwar keine große Erzählkunst, aber typische Zeugnisse für Bechsteins literarische Bemühungen um Märchen und Sagen schon in seiner Arnstädter Zeit.