Nominierung für Thüringer Krimipreis steht fest

Der Rudolstädter Schriftsteller Matthias Biskupek ist einer der Juroren des Wettwerbs um den 1. Thüringer Krimipreis. Er macht sich Gedanken, warum Thüringen bislang weitgehend krimifrei blieb.

Für die drei Filme des ARD-Projektes "Dreileben" bildete Thüringen die Kulisse. Foto: Reinhold Vorschneider/WDR

Für die drei Filme des ARD-Projektes "Dreileben" bildete Thüringen die Kulisse. Foto: Reinhold Vorschneider/WDR

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Erfurt. Wer schreibt einen guten Krimi? Wichtigste Voraussetzung: Die Handlung spielt in Thüringen.

Auf Initiative des Erfurter Sutton Verlags und der Buchhandlung Peterknecht haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Thüringer Literaturrat und die Zeitungsgruppe Thüringen den 1. Thüringer Krimipreis ausgelobt. Bis zum Einsendeschluss waren 40 Manuskripte beim Erfurter Sutton Verlag eingegangen, 10 kamen jetzt in die Endrunde. Die Entscheidung soll im November fallen.

Ich habe die Ehre, einer der Juroren zu sein. Möglicherweise bekommt dieser Text eine überraschende Pointe im Nachhinein, eine Auflösung des Rätsels, warum Thüringen bislang kaum Romanautoren oder Fernsehmachern als Hintergrund für Kriminalfälle diente, wenn die/der Preisträger/in des Wettbewerbs ermittelt wurde, und wenn zur nächsten Frühjahrsbuchmesse in Leipzig vielleicht gleich im Fünferpack Spannung aus Thüringen verbreitet wird.

Doch bislang gab es nur wenige Ausrutscher. Da lief der längst pensionierte Kommissar Ehrlicher mal durch Weimar, und ein ganz grauenhafter Krimi wollte gern in und mit Goethe und der Klassikerstadt spielen und landete, wie hierorts kürzlich beschrieben, im Abseits. Auch gab es eine Anthologie mit kulinarischen Kurzkrimis, die zwischen Bad Langensalza und Saalfeld spielten.

Im Herbst erscheint zudem im Sutton Verlag eine Anthologie "Mörderische Landschaften", bei denen der Freistaat zumindest mit einer Piko-Eisenbahn aus Sonneberg und anderen Ingredienzen aufwartet.

Doch der Bogen, den Mörder und Kommissare um das grüne Herz Deutschlands schlagen, ist deutlich. Geben Sie spaßeshalber "Bochum" und "Krimi" in ihre Suchmaschine. Gleich bekommen Sie "Mord im Sumpf - ein Revier-Krimi".

Ganz zu schweigen von Daun in der Eifel mit dem Erfinder deutscher Regionalkrimis: Jacques Berndorf. Zwei Dutzend "Eifel-Krimis" hat er schon verfasst. Sie können jede größere deutsche Stadt auf der Landkarte nach Mördern absuchen, überall Treffer. Schuss- und Stichverletzungen – jetzt auch auf dem Dorf, das schöner werden soll.

Eifel und Island voller Mord und Totschlag

Ein einziger Autor, Frank Goyke, erfand bisher Leipziger, Berliner und Rostocker Polizisten und konstruierte spannende und straßengenaue Fälle. Die Rostocker S-Bahn transportiert pünktlich auf die Minute einen Toten, und in der Leipziger Schwulenbar steigt mit jedem Drink die Spannung. Warum wurde Goyke bislang nie zu einem Stadtschreiberaufenthalt nach Nordhausen geladen? Längst hätte die Schnaps-Stadt ihr Kult-Buch. Gunter Gerlach wurde schon 1999 erster Krimi-Stadtschreiber in Flensburg und bedankte sich mit dem preisgekrönten "Falsche Flensburger".

Ein Land wie Island, mit gerade zwölf Prozent der Einwohner Thüringens, bringt jährlich zig Krimis heraus. Yrsa Sigurdardottir oder Arnaldur Indriðason mit "Todesnacht", oder "Kälteschlaf", mit "Abgründe" oder "Kältetod" lassen weltweit Leser gruseln. Und wer sie liest, lernt nebenbei Reykjavik oder den unwirtlichen Landesosten kennen, weiß, wie isländische Täter ticken und isländische Ermittler lieben.

In Thüringen, sagt die Kriminalstatistik, werden durchschnittlich jährlich 30 "Straftaten gegen das Leben" registriert. Damit lebt man zwischen Rhön und Unstruttal sicher. Doch das isländische Beispiel zeigt, dass die reale Statistik nicht die Zahl der veröffentlichten Krimis - wir wollen Qualität mal außer Acht lassen - bestimmt.

Regionalkrimis beziehen nämlich ihre Spannung oft aus Nachvollziehbarem. Da werden Dialekte und Landschaften, einzelne Straßenzüge und bekannte, gelegentlich leicht verfremdete Kneipen, Originale und anonymisierte Lokalpolitiker mit einbezogen.

Als ich für ein ganz am Rande Thüringens liegendes Weingut einen Kurzkrimi verfassen sollte, gab es den ausdrücklichen Hinweis: Unser Weingut und unser Riesling vom Dachsberg müssen aber vorkommen!

Spannung wird also doppelt gewünscht. Per Tätersuche und als Möglichkeit der Wiedererkennung: Wen meint die Autorin mit jener Kneipe und diesem Landratsangestellten? Schlüsselromane sind immer beliebt, und wenn der Autor keinen Schlüssel liefert - die örtliche Buchhändlerin kennt ihn und stellt Krimis auch gern mal zu den touristischen Büchern.

Vielleicht haben wir hier den Schlüssel zur thüringischen Krimi-Abstinenz? Seit Jahren gibt es ein Konzept nach dem anderen und einen Verein neben dem andern, welche den Tourismus fördern wollen. Doch nichts greift wirklich. Wenn man nun ausgerechnet mit der Suche nach dem Bösen die Beliebt- und Bekanntheit ankurbeln will, werden die obersten Tourismus-Verwalter, die immer alles sofort in Pläne einwickeln, dies scharf kritisieren: Unser Thüringen besticht durch Schönheit und Güte! Wir sind eine liebevolle Denkfabrik! Hier hat Zukunft Tradition! Thüringen ist ein Land der guten Botschaften!

Wir werden sehen. Vielleicht dreht sich im nächsten Bücherfrühling der Wind. Thüringen, das Land tiefer Wälder und dunkler Triebe. Krimifabrik Thüringen. Hier hat Mordsspannung Tradition. Ach, wär ich doch nur in Thüringen, dann würd es mich gruseln!

Nominiert für den 1. Thüringer Krimipreis

  • Beate Baum, Tatort Erfurt, 1991
  • Dietrich von Bern, Tatort Jena, Gegenwart
  • Giselle Friponne, Tatort Heiligenstadt, Gegenwart
  • Johannes Goettsche, Tatort Erfurt, Gegenwart
  • Michael Kirchschlager,Tatort Arnstadt, 1617
  • Edeltraut Kranz, Tatort Jena, Gegenwart
  • Birgit Ludwig, Tatort Hainich, Gegenwart
  • Sandra Rehschuh, Tatort Weimar, Gegenwart
  • Katharina Schendel, Tatort Arnstadt, Gegenwart
  • Stefan Andreas Sethe, Tatort Erfurt, Wendezeit
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