Indische Studenten wurden in Jena offenbar von Nazis verprügelt

Jena  Jena. Mindestens ein Verletzter nach Überfall auf indische Studenten. Opfer erheben schwere Vorwürfe gegen die Jenaer Polizei.

Jena-Lobeda: Hier wohnte in den 1990er-Jahren auch ein gewisser Uwe Böhnhardt. Foto: Michael Groß

Jena-Lobeda: Hier wohnte in den 1990er-Jahren auch ein gewisser Uwe Böhnhardt. Foto: Michael Groß

Foto: zgt

Am gestrigen Nachmittag liegt er noch im Krankenhaus. Die Operation sei gut verlaufen, sagt Bharat N.*, doch der gebrochene Kiefer schmerze. Er kann nur schwer am Telefon reden.

Bharat N. ist 26 Jahre alt. Er kommt aus Indien, seit 2012 studiert er an der Fachhochschule in Jena. In den drei Jahren, sagt er, sei er schon des Öfteren rassistisch attackiert worden – jedoch immer nur mit Worten.

Das ändert sich vor einer Woche, am Montagabend, gegen Mitternacht, im Plattenbaugebiet von Jena-Lobeda. Bharat N. hat mit zwei indischen Kommilitonen in einem spät geöffneten Supermarkt eingekauft. Nun warten die drei auf die Straßenbahn und trinken ein Bier.

Was danach passiert, dafür gibt es bisher zwei Quellen: den Bericht der Studenten und das Protokoll der Polizei.

Nach Erinnerung der Inder nähern sich ihnen in dieser Nacht drei Männer und rufen Sätze wie „Geht nach Hause, wo ihr herkommt“. Dabei zeigen sie den Hitlergruß. Die Studenten nehmen ihre Taschen und versuchen, zur Straßenbahn-Station zu flüchten.

Doch nun werden sie attackiert. Die Männer schlagen und treten. Bharat N. wird zu Boden geworfen, der Kopf schlägt auf dem Boden auf. Seine Brille geht kaputt.

Es kommen noch mehr Männer hinzu, ein Dutzend etwa. Sie werfen Bierflaschen auf die Studenten, zeigen den Hitlergruß, rufen Beleidigungen.

Erst einmal den Alkohol messen

Schließlich lassen die Angreifer von ihren Opfern ab, die nun die Polizei rufen können. Ein Streifenwagen ist nach einer knappen halben Stunde da, zwei weitere folgen. Doch bevor die Studenten befragt werden, müssen sie in ein Alkoholmessgerät blasen. Erst dann werden ihnen Fragen gestellt.

Schließlich fährt die Polizei mit einem der Studenten zum Supermarkt, wo immer noch einige der Männer herumstehen, deren Personalien aufgenommen werden. Einige sind, wie es so schön heißt, polizeibekannt.

Doch jene, die zuschlugen, sind weg.

Die Opfer gehen ins nahe Klinikum. Bei Bharat N. wird der Bruch des linken Unterkiefers diagnostiziert.

„Natürlich erzählten wir der Polizei die ganze Zeit, dass es ein rassistischer Überfall war“, sagt Bharat N. – auch auf Deutsch. „Aber wir wurden behandelt, als ob wir die Kriminellen seien.“ Auch am nächsten Tag, als sie eine Polizeistation in Jena aufgesucht und die Röntgenaufnahmen vorgezeigt hätten, seien sie von den Beamten abgewimmelt worden.

Soweit der Bericht der Studenten – die, nachdem der Überfall nicht einmal im Polizeibericht auftaucht, an die Jenaer Redaktion der „Ostthüringer Zeitung“ wenden. Als Redakteur Frank Döbert nachfragt, bestätigt die Polizeiinspektion in den Grundzügen die Aussagen der Opfer, stellt aber an wichtigen Stellen den Vorgang anders dar.

„Aufgrund der sprachlichen Barriere“, heißt es zum Beispiel, hätten „die Opfer nicht viel von den Äußerungen der Gruppe“ verstanden, „außer der Bemerkung ‚Was guckt ihr so!‘“

Und: „Die drei Opfer, die nur englisch sprachen, schlossen auf mehrfaches Befragen einen ausländerfeindlichen Hintergrund der Attacke aus. [...] Ein Notarztwagen war ebenfalls um 0.50 Uhr am Tatort. Allerdings ist bei uns im Vorgang notiert, dass ‚keine ärztliche Behandlung der Opfer notwendig ist.“

Die Polizei will nun – nach einer Woche – die Studenten „mit einem Dolmetscher“ befragen und auch die Männer verhören, deren Personalien aufgenommen wurden. Die Straftat, heißt es, sei als „gefährliche Körperverletzung“ eingestuft.

*Name geändert

Nach Überfall auf Inder in Jena: Vorwürfe an Polizei