Besuch in Jenaer Heim trotz Corona: Ein bisschen wie im Gefängnis

Jena.  Wie Altenheime improvisieren, damit ihre Bewohner in der Corona-Zeit Kontakt zu ihren Verwandten halten können: Ein Beispiel aus Jena.

Besuch hinter Glas im Jenaer Awo-Pflegeheim: Wolf-Dieter Scharlock telefoniert mit seiner Mutter Hannelore.

Besuch hinter Glas im Jenaer Awo-Pflegeheim: Wolf-Dieter Scharlock telefoniert mit seiner Mutter Hannelore.

Foto: Tino Zippel

Eine Bank vorm Hintereingang, große Glasfenster und drinnen ein Tisch mit Telefon. „Ein bisschen wie im Gefängnis wirkt es schon“, sagt Wolf-Dieter Scharlock und lächelt. Die Freude überwiegt, schließlich darf er erstmals nach zwei Wochen seine Mutter Hannelore wiedersehen. Sie wohnt im Seniorenheim „Am Heiligenberg“ in Jena. In der Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt Mitte-West-Thüringen gilt wegen der Corona-Pandemie wie in vielen anderen Häusern auch eine Besuchssperre. Wir haben uns mit Sicherheitsabstand informiert – alle Details in unserem Report. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Improvisieren mit Tablet gegen Sehnsucht

„Wir müssen improvisieren, um den Bewohnern Kontakt zu ihren Angehörigen zu ermöglichen“, sagt Heimleiter Lars Fischer. Klar, telefonieren sei immer möglich. Aber viele Senioren wünschten sich, endlich ihre Angehörigen wiederzusehen. Fischer funktionierte kurzerhand ein Tablet um, das sonst in der Pflegedokumentation zum Einsatz kommt. „Wir wollen den Bewohnern die Chance geben, sich über Videotelefonate mit ihren Angehörigen zu unterhalten“, sagt Fischer.

Als zweite Option hat er einen besonderen Treffpunkt geschaffen. In einem Gemeinschaftsraum im Untergeschoss bietet sich die Möglichkeit, von außen an die große Glasscheibe zu treten. Nach vorheriger Verabredung können hier Angehörige die Bewohner sehen und zugleich mit ihnen telefonieren. „Ein bisschen schwer hat meine Mutter verstanden, aber ich finde die Möglichkeit gut“, sagt Scharlock nach der Premiere. Er hat volles Verständnis für das Besuchs­verbot. „Wer sieht, wie das Virus in manchem Altenheim in Bayern oder Niedersachsen grassiert, kann keiner anderen Meinung sein.“

Planungen für besondere Quarantänestationen

Es sind die kleinen Lösungen, um die Krise für die Bewohner erträglich zu machen, sagt der Heimleiter. Doch welche Pläne hat er, falls tatsächlich jemand am Coronavirus erkrankt? Im Fall der Fälle solle das Untergeschoss zum Quarantäne­bereich werden, streng abgeriegelt vom Rest des Heimes. Acht Plätze stehen bereit. Das Personal hat er bereits in der Belegschaft rekrutiert, unter Abwägung der Risikofaktoren. Doch Quarantäne ist nicht nur im Falle einer Infektion nötig, sondern auch bei Personen, die neu ins Heim einziehen oder von einem Klinikaufenthalt zurückkehren – jeweils 14 Tage lang. Für jene will die Arbeiterwohlfahrt Tagespflegeeinrichtungen, die gerade geschlossen sind, oder eine Etage des Pflegehotels in Magdala (Weimarer Land) für den Fall der Fälle als Quarantänestation vorhalten.

„Die Sicherheit unserer Bewohner und Mitarbeiter hat höchste Priorität“, sagt Diana Schmidt, Bereichsleiterin Pflege bei dem Awo-Verband. Dessen Team arbeitet daran, Nachschub an Schutzmaterial zu besorgen. Mitunter aus ungewöhnlichen Quellen: So fand die Awo einen Lieferanten, der sonst Tattoostudios beliefert. „Die Handschuhe werden demnächst bunter“, sagt Schmidt. Nach der Bedarfs­abfrage des Landes sei hingegen bislang noch kein Material angekommen. Seine Schutzausrüstung verwaltet der Regionalverband in der Krise nicht mehr in jeder Einrichtung, sondern zentral: „Wir verteilen dann je nach Bedarf“, sagt Schmidt.

Forderung nach mehr Flexibilität von Pflegekassen

Flexibilität braucht es in diesen Tagen. Diese wünscht sich Frank Albrecht, Vorstandschef des Regionalverbandes, auch von den Kosten- und Genehmigungsträgern. „Die Pflegekassen müssen schnell und unkompliziert unsere Vorschläge prüfen. Wir wollen mit aller Kraft eine Situation wie in Niedersachsen verhindern, wo ein Aufnahmestopp für Seniorenheime gilt.“