Die letzten öffentlichen Toiletten verschwinden aus Erfurter Innenstadt

Erfurt  Die Erfurter Innenstadt wird zur toilettenfreien Zone. Die Anlagen am Rathaus-Parkplatz und in der Bahnhofstraße sind nicht mehr Teil des Werbevertrages und werden abgerissen.

Wer die Toilette auf dem Rathaus-Parkplatz besuchen will, steht vor verschlossenen Türen. Die Anlage wird abgerissen. Foto: Marco Schmidt

Foto: zgt

Die Erfurter Innenstadt wird zur toilettenfreien Zone. Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage von Stadtrat Daniel Stassny (Freie Wähler) bestätigt, soll die bereits seit Jahresbeginn geschlossene öffentliche Toilettenanlage am Rathaus-Parkplatz nicht wieder geöffnet werden. Statt dessen werde die Anlage abgerissen.

Dasselbe Schicksal steht der Toilettenanlage an der Kreuzung von Bahnhofstraße und Augustmauer bevor. Auch sie ist schon seit Jahresbeginn nicht mehr in Betrieb.

Damit verbleiben nur noch die Anlagen im Hauptbahnhof, am Lutherdenkmal und am Domplatz. Die mit eigenen Zugängen ausgestatteten Toiletten am Domplatz-Kiosk und am Restaurant "Bille" am Luther­denkmal sind allerdings nur über Treppen zu erreichen.

Stassny nennt die Toilettendürre "dramatisch". "Wir haben das Lutherjahr begonnen und stehen kurz vor dem Buga-Jahr", erinnert er an die erhofften Besucherströme. "Und zur selben Zeit verschwinden die einzigen barrierefrei erreichbaren Toiletten in der Innenstadt."

Die automatisierten Anlagen am Rathaus-Parkplatz und in der Bahnhofstraße gehörten nach Angaben der Stadtverwaltung zum Werbevertrag für städtische Flächen. Mit dem Auslaufen des Vertrages seien die Anlagen daher geschlossen worden. In der Neuausschreibung für den Werbevertrag seien die Toiletten nicht mehr berücksichtigt worden.

"Aus fachspezifischer und vergaberechtlicher Sicht wäre dies weder sinnvoll noch üblich gewesen", heißt es in einer Stellungnahme der für die Ausschreibung zuständigen Abteilung Beteiligungsmanagement. "Die Entscheidung zur Herauslösung aus dem Werbevertrag basiert außerdem auf dem fehlenden Bezug zur Außenwerbung, der Unwirtschaftlichkeit als fremdartiger sachbezogener Vertragsbestandteil sowie der fehlenden Zweckmäßigkeit hinsichtlich der Nutzung."

Spezielle Arbeitsgruppe fand keine Lösung

Alternativen wurden zwar geprüft. Sogar eine eigene Arbeitsgruppe hat sich gegründet, die mit der SWE Stadtwirtschaft GmbH nach Lösungen suchte. Doch habe die Kalkulation für eine neue Anlage einen hohen Zuschussbedarf aus dem Haushalt ergeben, der in Zeiten knapper Kassen nicht leistbar sei.

Daniel Stassny will diese Erklärungen nicht akzeptieren. Er verweist auf eine Berechnung, die vor einigen Jahren von den Stadtwerken angefertigt wurde. Mit einer neu gebauten, nicht automatisierten Anlage könnte demnach bei durchschnittlich 55 Besuchern pro Stunde und einer Nutzungsgebühr von 70 Cent sogar ein Überschuss erwirtschaftet werden. "Die Übernahme der bestehenden, automatisierten Anlagen könnte die Kosten noch weiter senken", sagt Stassny.

Um den Toilettenmangel in der Innenstadt auszugleichen, startete die Stadtverwaltung zum Weihnachtsmarkt 2013 die Aktion "WC – WelCome". Aufkleber mit dieser Aufschrift sollten auf Restaurants hinweisen, in denen Besucher die Toilette ohne die Gefahr besuchen konnten, abgewiesen zu werden. Nur wenige Restaurants beteiligten sich an der Aktion. Zugleich wurde die Toilette im Rathaus stärker vor Besuchern abgeschirmt.

Im "Siju" am Rathaus hängt der "WelCome"-Aufkleber noch. Das Angebot werde regelmäßig angenommen, heißt es von den Mitarbeitern. Zu den touristisch besten Zeiten wie zum Weihnachtsmarkt sei der Andrang besonders groß – trotz der Toilette auf dem Rathaus-Parkplatz, die nun wegfällt.

Stassny hält die Restaurants aber nicht für geeignet, den Bedarf abzudecken. "Gerade ältere Menschen und Menschen mit Behinderung werden vor ein fast unlösbares Problem gestellt", sagt er. "Wer häufiger eine Toilette aufsuchen muss, wird nun in Erfurt lange suchen müssen."

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