Einsatz nach Eisenacher Banküberfall hätte schiefgehen können

Terror aus Thüringen (7): Kommissar Zufall hilft der Polizei, nach einem Banküberfall zwei Mitglieder des Terror-Trios aus Jena zu stellen. In aussichtsloser Lage erschießt Uwe Mundlos seinen Kompagnon Uwe Böhnhardt und dann sich selbst

Nach dem Überfall auf eine Bank in Eisenach hatte die Polizei am 4. November in einem Wohnmobil bei Stregda die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden. Foto: Sascha Willms

Nach dem Überfall auf eine Bank in Eisenach hatte die Polizei am 4. November in einem Wohnmobil bei Stregda die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gefunden. Foto: Sascha Willms

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Erfurt. Nicht ihre zehn Morde wurden dem rechtsextremistischen Terrortrio zum Verhängnis. Entdeckt wurden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 4. November in Eisenach. Etwas mehr als eine Autobahnstunde von Jena entfernt.

Von dort flüchteten die beiden gemeinsam mit ihrer Komplizin Beate Zschäpe am 24. Januar 1998, weil die Ermittler ihnen auf die Spur gekommen waren und ihre Werkstatt mit mehreren Rohrbomben gefunden hatten. Seither galten die drei für die Öffentlichkeit als untergetaucht.

Doch an dem war es nicht. Nachweislich überfielen die beiden Männer, die sich inzwischen mit ihrer Komplizin zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zusammengeschlossen hatten, bereits am 7. September eine Sparkasse in Arnstadt. Heute ist bekannt, dass die Verdächtigen die Zielobjekte immer gründlich auskundschafteten, bevor sie aktiv wurden. Arnstadt war der 13. Überfall einer seit September 1999 andauernden Überfallsserie.

Doch die Bankräuber hatten diesmal Pech. Die Ermittler erkannten nach der brutalen Tat, bei der eine Mitarbeiterin der Sparkasse verletzt wurde, dass die Täter offenbar nicht sofort aus Arnstadt geflüchtet waren. Zeugen hatten gesehen, wie die Männer auf Fahrrädern davonfuhren. Die Räder fand die Polizei nach dem Überfall etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt. Kurz darauf endete die Spur der Verdächtigen, der ein Fährtenhund gefolgt war.

Als nun am 4. November wieder zwei Männer in Eisenach eine Sparkasse überfielen, dämmerte der Polizei sofort, dass könnten die Täter von Arnstadt sein. Es war sicherlich ein glücklicher Zufall, dass beide Straftaten im Bereich der Polizeidirektion Gotha erfolgten und so dieselben Beamten wieder mit dem Einsatz beschäftigt waren.

Die Polizei verzichtete rund um Eisenach auf eine Ringfahndung. Stattdessen wurde nach Fahrzeugen gesucht, in die Fahrräder verladen werden könnten. Als dann noch ein Zeuge die Polizei darüber informierte, dass von einem Baumarkt-Parkplatz ein Wohnmobil rasant heruntergefahren sein soll, nachdem zwei Männer ihre Fahrräder verladen hatten, wussten die Beamten, wonach zu suchen war. Der Zeuge hatte sich das "V" als Kennzeichen gemerkt. 13 Polizeifahrzeuge, darunter Streifenwagen und Zivilbesatzungen, suchten in Eisenach nach dem verdächtigen Fahrzeug.

Gegen Mittag entdeckt eine Streifenwagenbesatzung dann das Wohnmobil in einer Einfamlienhaussiedlung am Stadtrand von Eisenach. Uwe Böhnhadt und Uwe Mundlos sind in dem Wohnwagen. Rund 73 500 Euro haben sie bei sich und auch noch Geld vom Arnstädter Überfall. Außerdem lagen drei Pistolen, eine Maschinenpistole und zwei Gewehre bereit. Das aber wissen die Polizeibeamten des Streifenwagens zu diesem Zeitpunkt nicht.

Obwohl bewaffnete Bankräuber gesucht werden und obwohl sich nur wenige Tage zuvor in Augsburg ein Polizistenmord ereignet hatte, entschließt sich die Streifenwagenbesatzung, das Wohnmobil zu kontrollieren. Bevor die Beamten losgehen, informieren sie noch die Zentrale und rufen Verstärkung.

Dumpfe Geräusche aus dem Wohnmobil

Mit gezogener Pistole aber ohne Schutzweste sollen sie sich dem verdächtigen Fahrzeug genähert haben. Unmittelbar neben dem parkenden Wohnmobil führte nach Informationen unserer Zeitung eine Frau ihren Hund aus. Nach ersten Meldungen wollen die Polizisten dumpfe Geräusche gehört haben. Es waren Schüsse.

Dass die voreiligen Beamten nicht im Kugelhagel sterben, verdanken sie wohl einer Ladehemmung. Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Jörg Ziercke bestätigt Anfang Dezember auf einer Pressekonferenz, dass offenbar versucht wurde, mit der im Wohnmobil befindlichen Maschinenpistole zu schießen. Die Waffe funktionierte seinen Angaben zufolge aber nicht.

Bestätigen sich die Annahmen zu dem Geschehen, dann könnte ein Schuss aus dem Wohnwagen nach draußen abgegeben worden sein. Der BKA-Chef erklärte, dass es keinen Durchschuss durch die Wände gab. Allerdings wurde bei dem nachfolgenden Feuer eines der Plastikfenster so beschädigt, dass nicht mehr zu erkennen ist, ob es zuvor von einem Schuss durchlöchert worden war.

Tage nach dem dramatischen Auffinden der Bankräuber, die den Kern der rechtsextremen Terrorzelle NSU gebildet haben sollen, suchen Ermittler noch einmal intensiv den Bereich um den Tatort in Eisenach-Stregda ab. Offenbar finden sie an einem der Häuser einen Einschuss und bergen unter einem Trittgitter womöglich ein Projektil.

Weil die Maschinenpistole Ladehemmung hatte, andere Waffen teils auch in der Verkleidung des Caravans versteckt waren, saßen die beiden Entdeckten offenbar in der Falle und sahen keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. Ursprünglich hieß es, dass sich die Verdächtigen selber mit Kopfschüssen getötet haben sollen. Später wurde erklärt, dass Uwe Mundlos erst seinen Komplizen Uwe Böhnhardt und danach sich selber getötet haben soll.

Nachdem die Leichen der Toten bereits freigegeben waren, beschlagnahmte die Bundesanwaltschaft diese Ende November erneut für weitere Untersuchungen zu den Ereignissen in dem Wohnmobil. Denn als sich die Polizisten dem Fahrzeug endlich genähert hatten, sollen bereits Flammen aus dem Dach geschlagen sein. Die Beamten alarmieren die Feuerwehr, um den Brand löschen zu lassen.

Als von dem Feuer keine Gefahr mehr ausging, waren es Feuerwehrleute, die die Tür zu dem verdächtigen Fahrzeug öffnen. Auch sie tragen keine Schutzwesten. Wegen der Gefahr, in der sie bereits während der Löscharbeiten schweben, soll es nach dem Einsatz deutliche Worte seitens der Feuerwehr an die Polizei gegeben haben. Zum Glück für die Beteiligten lebten die Täter offenbar nicht mehr und sie hatten auch keinen Sprengstoff oder keine Sprengkörper in ihrem Wohnmobil gelagert.

Etwa drei Stunden später explodiert in Zwickau ein Wohnhaus. Den Ermittlern war schnell klar, dass es zwischen den Toten aus dem Wohnmobil und der Zwickauer Wohnung eine grausige Verbindung gibt. Denn die dritte im Bund, Beate Zschäpe, soll die Zwickauer Wohnung in Brand gesetzt haben. Ihr Ziel war es offenbar, Beweise zu vernichten. Wie die weitere Fahndung zeigt, ist ihr das aber nicht im vollen Umfang gelungen.

Auch BND-Leute sollen am Tatort gewesen sein

Eine der ungeklärten Fragen ist offenbar weiterhin, ob Beate Zschäpe mit in Eisenach war. Es gibt Hinweise, dass sie ihren Komplizen etwa zwei Wochen vor dem Überfall beim Erkunden der Sparkasse geholfen haben soll. Ob sie am Tag der Tat auch dort war, wird noch untersucht. So vernahmen BKA-Beamte den stellvertretenden Thüringer NPD-Landeschef Patrick Wieschke auch, weil sie wissen wollten, ob Beate Zschäpe in der Nacht vor dem Banküberfall bei ihm übernachtet habe. Wieschke dementierte in einer Erklärung den Vorwurf und wies den Verdacht weit von sich. Ein Fährtenhund hatte damals die Ermittler in die Nähe der Wohnung des NPD-Funktionärs geführt.

Genauso konsequent dementiert Wieschke Gerüchte, wonach ein Verwandter in der Eisenacher Sparkasse gearbeitet haben soll. "Ich habe keinen Verwandten, der dort tätig ist", erklärte er unserer Zeitung. "Die Gerüchte werden immer absurder."

BKA-Chef Ziercke räumte bereits Anfang Dezember ein, dass Zschäpe vom Tod ihrer Komplizen auch aus den Medien erfahren haben könnte. Bereits kurz nach dem Bekanntwerden des Todes der beiden Verdächtigen aus der rechtsextremen Terrorzelle sollen sich nach Informationen unserer Zeitung auch Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) und des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) nach dem Fall und den damaligen Erkenntnissen der Polizei erkundigt haben.

Offenbar könnten auch diese beiden Geheimdienste mit in die Fahndung nach dem untergetauchten Terrortrio eingebunden gewesen sein. Denn es soll beispielsweise auch überprüft worden sein, ob die Flüchtigen nicht in die französische Fremdenlegion eingetreten sein könnten. Dafür wurden aber offenbar keine Hinweise gefunden.

Ob der Polizeieinsatz, der ohne Verletzte für Thüringer Polizisten und Anwohner endete, ein juristisches und dienstrechtliches Nachspiel hat, dazu schweigt das Innenministerium seit anderthalb Wochen.

Im Vergleich zu diesem Einsatz sei darauf verwiesen, dass bei den Schüssen aus einem Luftgewehr am Rande des Papstbesuchs in Erfurt länger als eine Stunde auf das Spezialeinsatzkommando (SEK) gewartet worden war, damit der Verdächtige sicher festgenommen werden konnte.

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