Was am 4. November in Eisenach und Zwickau geschah

Was am 4. November erst in Eisenach und dann in Zwickau geschah, ist noch immer nicht vollständig geklärt. Aber langsam fügen sich die Puzzleteile zu einem Bild zusammen.

Der ausgebrannte Wohnwagen im Ortsteil Stregda wird von Einsatzkräften untersucht. Foto: Norman Meißner.

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Eisenach. Die beiden Männer haben das Viertel sorgsam ausspioniert. Immer wieder ist das Wohnmobil durch die Straßen von Eisenach-Stregda gefahren. Einige Anwohnern werden sich später bei der Polizeibefragung an das Fahrzeug mit dem Vogtländer Kennzeichen erinnen.

Angemietet wird der Caravan "Sunlight" am 25. Oktober in Schreiersgrün in Sachsen, nicht weit von Zwickau. Das Pärchen - wahrscheinlich Uwe Mundlos und Beate Zschäpe - geben an, es bereits am 4. November zurückbringen zu wollen.

Doch dieser Tag verläuft anders als geplant.

Der Vormittag in Eisenach ist sonnig, aber kühl. In der kleinen Fußgängerzone mit Apotheke und Kaufhalle herrscht der normale Morgenbetrieb. Und so fallen die beiden Männer kaum auf, als sie gegen 9.30 Uhr die Sparkassenfiliale am Eisenacher Nordplatz betreten.

Kurz vor dem Eingang des Geldinstituts streifen sie sich ihre schwarzen Sturmmasken über, dann stehen sie in der Bank. Mit entsicherten Pistolen. Ein kleiner Vorraum mit Geldautomaten schützt vor neugierigen Blicken von außen. Der Kassenbereich liegt offen, mitten im großzügig geschnittenen Raum. Der Schalter aus rötlichem Holz ist nicht verglast.

Der eigentliche Überfall ist Minutensache. Einer der Täter, wahrscheinlich Uwe Böhnhardt, verletzt einen Angestellten mit einem Schlag auf den Kopf - dann fliehen sie mit mehreren 1000 Euro Beute. Sie schwingen sich auf ihre Fahrräder - und ab durchs Wohngebiet.

Erst im Wohnmobil, welches unweit der Unterführung an der belebten B7 gestanden haben soll, können Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos durchatmen. Die Räder sind längst verstaut, im dörflichen Stregda wollen die beiden Bankräuber die eingeleitete Ringfahndung aussitzen.

Die Art und Weise des Bankraubs entspricht exakt dem Vorgehen in Arnstadt am 7. September. Auch hier beobachten Zeugen, wie Fahrräder unweit des Tatorts in einen Caravan verladen werden, der anschließend mit quietschenden Reifen wegfährt. Allerdings erreichte die Information die Polizei damals erst, als die Fahndung aufgehoben war und die Täter bereits verschwunden.

In Eisenach hat die Polizei einen Vorteil. Die Beamten wissen, wonach sie suchen müssen. Gegen Mittag wird eine Streifenbesatzung in Eisenach-Stregda fündig: Der weiße "Sunlight" parkt am Straßenrand. Das Netz zieht sich zu - am Ende sind es ein Dutzend Polizeifahrzeuge, die Richtung Caravan unterwegs sind.

Geldbündel und Waffen im Wohnwagen

Im Inneren des Wohnwagens müssen die beiden Neonazis Böhnhardt und Mundlos gespürt haben, dass ihr 13-jähriges Leben im Untergrund dem Ende entgegentreibt. Zwischen Sitzecke und Küchenzeile befindet sich die komplette Beute zweier Banküberfälle sowie die Dienstwaffen einer 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin und ihres Kollegen. An manchen Geldbündeln sind noch die Banderolen mit Stempel zu erkennen.

Später finden die Ermittler ein ganzes Waffenarsenal - zwei weitere Pistolen sowie drei Gewehre. Und angeblich finden die Beamten auch Material, dass auf die rechte Gesinnung der beiden Täter schließen lässt.

Bestätigen wollte das bislang niemand, bis heute werden die Funde untersucht. Nach dem Löscheinsatz der Feuerwehr mussten die einzelnen Beweismittel erst getrocknet werden. "Zu laufenden Ermittlungen können wir keine Angaben machen", erklärt Polizeidirektor Michael Menzel.

Der Wohnwagen soll mittlerweile fast komplett zerlegt worden sein, angeblich wurden bereits 100 private Fundstücke katalogisiert und zugeordnet.

Für das Verfahren, das damals in seinen ganze Dimensionen kaum zu überblicken war, ist mittlerweile die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe zuständig. Im Baden-Württembergischen bestätigte man jedoch jüngst, dass am Tod der aufgefundenen Rechtsterroristen keine dritte Person beteiligt war.

Spannungen innerhalb des Zwickauer Trios

Fest steht wohl auch: Knapp drei Stunden nach dem Überfall auf die Eisenacher Sparkasse 9.30 Uhr erschießen sich Böhnhardt und Mundlos. Als sich die Beamten dem Mobil vorsichtig nähern, ertönen zwei Knallgeräusche - fast gleichzeitig geht das Fahrzeug in Flammen auf.

Als die Retter der Berufsfeuerwehr die unverschlossene Tür öffnen, bietet sich ihnen ein grausiger Anblick. Ein Täter habe am Tisch gesessen, "mit einem großen Loch in der Stirn", beschreibt ein Zeuge die Szene. Eine zweite Leiche liegt im Gang des Wohnmobils, ebenfalls mit Schussverletzung, wahrscheinlich im Oberkörper.

Ein vorläufiger Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin in Jena wird derzeit noch sorgsam unter Verschluss gehalten. Angeblich steht aber in den Unterlagen, dass bei den Tätern kein Hinweis auf Blutalkohol festgestellt werden konnte. Uwe Mundlos, der überpünktliche Pedant und intellektuelle Kopf des Trios, wurde 38 Jahre alt. Böhnhardt, der bereits früh als unberechenbarer Waffennarr galt, starb mit 34 Jahren.

Doch warum sind die Täter, die zuvor zehn Menschen kaltblütig umgelegt haben, nicht geflohen? Warum haben die beiden Neonazis nicht versucht, sich den Weg freizuschießen?

Der Berliner Kriminologe und Experte für Rechtsextremismus, Bernd Wagner, glaubt, dass es innerhalb der Zwickauer Zelle schon lange Spannungen gegeben habe könnte. "In diesem Moment ist möglicherweise eine spontane Deradikalisierung eingetreten", ist Wagner überzeugt. Vielleicht sahen die beiden im Freitod aber auch einen würdigen Abschluss ihres Partisanenlebens.

Es ist 15 Uhr im Zwickauer Ortsteil Weißenborn. Komplizin Beate Zschäpe ist plötzlich allein. Vielleicht hat die 36-jährige gelernte Gärtnerin über das Radio von dem gescheiterten Banküberfall und dem Tod der beiden Freunde erfahren. Vielleicht aber wurde sie auch angerufen - aus dem Wohnmobil.

Noch während Zschäpe zwei Katzen bei der Nachbarin abgibt und wegrennt, qualmt es aus der rund 120 Quadratmeter großen Wohnung in der Frühlingsstraße 26. Sekunden später erschüttert eine Detonation die beschauliche Straße.

Am 8. November, kurz nach 13 Uhr, stellt sich die Jenaerin. Ihren Aufenthaltsort in der Zwischenzeit hat sie bislang nicht verraten. Jedoch muss sie im Raum Leipzig gewesen sein. Die Bekenner-DVDs, die sie am Sonnabend oder Sonntag an zwei Linksbüros in Dresden und Halle-Neustadt abschickt, wurden im Briefversandzentrum Schkeuditz gestempelt.

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