Kommentar

ESC: Wettbewerb wird eine Solidaritätsparty für die Ukraine

Oliver Stöwing
| Lesedauer: 3 Minuten
Ukrainischer ESC-Favorit macht sich Sorgen um seine Familie

Ukrainischer ESC-Favorit macht sich Sorgen um seine Familie

Der Sänger der ukrainischen Band Kalush Orchestra, Oleh Psiuk, macht sich vor dem Finale des Eurovision Song Contest (ESC) große Sorgen um seine Familie in der Ukraine. Es gebe "wirklich keinen sicheren Ort in der Ukraine", sagte der 27-Jährige in Turin.

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Berlin.  Der ESC darf nicht politisch sein, so die Vorgabe. An die hält sich natürlich niemand. Schon immer bot er eine Bühne für Botschaften.

Es macht die Magie des Eurovision Song Contest aus, dass er das große Versprechen des Pop einhält: Jeder kann ein Sieger sein. Hier schwingt sich ein Gastwirtsohn aus den österreichischen Bergen zur Diva empor (Conchita Wurst) oder ein vorher als „fett“ verspottetes Mädchen aus einer israelischen Kleinstadt wird zur Nationalheldin (Netta).

Der ESC gilt als Fußballweltmeisterschaft der Underdogs. Er zeigt: Alles ist möglich. Das größte Musikereignis der Welt ist ein knallbuntes Signal der Hoffnung für die Freaks, die Unterdrückten und die Bedrängten. Allein das ist schon politisch. Insofern ist die jährlich wiederholte Vorgabe, der ESC solle bitte unpolitisch sein, eine reine Floskel, die niemand beachtet. Denn das kann Kunst am besten: Botschaften bunt verpacken.

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Der ESC spiegelt die Stimmung des Kontinents wider

Immer auch spiegelte der Grand Prix, wie er früher feierlich hieß, die Stimmung des Kontinents wider. 1968 trat der Tscheche Karel Gott mit „Tausend Fenster“ für Österreich an – sein Lied war eine versteckte Unterstützung der Reformbewegung für den Prager Frühling. 1982 brachte ein naives Lied wie „Ein bisschen Frieden“ von Nicole die Gefühlslage eines von Falklandkrieg und Kaltem Krieg verstörten Europas auf den Punkt. Das Lied war wie der ESC selbst: Ausflucht und Statement zugleich.

1993 nahm Bosnien-Herzegowina erstmals teil. Das half, eine nationale Identität zu stiften und dabei, als Land wahrgenommen zu werden. Als die Punkte aus Sarajevo vergeben wurden, waren im Hintergrund Maschinenpistolen zu hören. 1998 gewann für Israel die

Transfrau Dana International, Jahrzehnte, bevor man Wörter wie „nichtbinär“ oder „divers“ auf dem Schirm hatte. Zur Festung macht sich Europa zumindest beim ESC nicht: Man schaut nicht in den Atlas, um festzulegen, was Europa ist. Israel? Unbedingt. Daran gibt es nichts zu rütteln, egal, wie viele Boykottaufrufe kommen und wie viele arabische Sender den Beitrag überblenden. Aserbaidschan, Georgien? Willkommen. Und die Australier sind längst Europäer ehrenhalber. In den Rest der Welt, der ebenfalls zusieht, trägt Europa, sobald es sich für den ESC seinen besten Glitzerfummel angezogen hat, ein Bild von Toleranz und Freiheit.

ESC 2022: Wettbewerb wird zur Solidaritätsparty für die Ukraine

Dieses Jahr wird der ESC zur Solidaritätsparty für die Ukraine. Europa ist oft zänkisch und neidisch, wie Großfamilien nun mal so sind. Heute aber hält es zusammen. Die drei Bandmitglieder kommen direkt aus dem Krisengebiet, durften als Wehrpflichtige nur mit Sondergenehmigung ausreisen.

Egal, wie der Abend endet und der Krieg ausgeht: In Turin ist die Ukraine bereits der große Gewinner. Als die Russen im Februar in die Ukraine einmarschierten, kratzte die Welt sich unschlüssig am Kopf kratzte. Die ESC-Verantwortlichen aber fackelten nicht lange und schmissen Russland raus. Und Belarus gleich dazu. Wenn doch alles so einfach wäre.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.