Leitartikel: Neustart mit Handbremse

Bernd Jentsch

Bernd Jentsch

Foto: Marco Schmidt

Bernd Jentsch zu den Sorgen der Zulieferer.

Wenn man sich die Liste der großen und kleinen Herausforderungen durchliest, mit denen sich gegenwärtig die Automobilzulieferbranche in Thüringen konfrontiert sieht, dann könnte man eine depressive Stimmung unter den Firmenchefs erwarten.

Da sind die großen Konzerne, die von einem auf den anderen Tag mal eben ihre Fertigungsbänder anhalten – weil ihnen die Chips fehlen – und die deshalb andere Zulieferteile plötzlich nicht mehr im vereinbarten Umfang abrufen. Das schmälert die Erlöse bei fixen Kosten und setzt die zumeist kleinen und mittelständischen Unternehmen im Freistaat unter erheblichen finanziellen Druck.

Hinzu kommen Lieferengpässe bei Materialien – von Metallen über Kunststoffe bis zur Pappe – und die explodierenden Preise dafür, weil alle weltweit gleichzeitig ordern. Jetzt fürchten viele Firmeninhaber einen zusätzlichen Kostenschub durch die Corona-Auflagen. Tests und Hygieneartikel muss man finanzieren, durch Quarantäne oder Krankheit ausfallende Mitarbeiter nach Möglichkeit kompensieren. Viele Gründe, die für Resignation oder Gedanken ans Aufgeben in den Chefetagen sorgen könnten. Um so erstaunlicher, dass die jüngste Umfrage des Branchenverbandes ein gänzlich anderes Stimmungsbild unter den Unternehmern belegt.

Demnach ist die Mehrheit von ihnen für die Zukunft durchaus optimistisch. Man kündigt den Erhalt oder sogar Ausbau der Standorte in Thüringen und weitere Investitionen an. Und man macht sich intensiv Gedanken um die Rolle der eigenen Firma beim Strukturwandel der Autoindustrie. Das belegt die erneut – auf 83 Prozent – angewachsene Zahl der Betriebe, die mittlerweile an der Wertschöpfungskette in der Elektromobilität beteiligt sind. Ein hoffnungsvolles Signal in einer alles anderen als einfachen Zeit für diese Branche.