Thüringen trauriger Spitzenreiter bei Nazi-Szene-Treffs

In Thüringen gibt es zahlreiche Szene-Treffs der Neonazis. In keinem anderen Bundesland soll es mehr rechtsradikale Konzerte geben als hier. Beim Bier grölen die Neonazis Liedtexte, in denen es um Gewaltverherrlichung und Ausländerhass geht.

Diese Scheune bietet Erlebnisse der besonderen Art. Immer wieder treffen sich in Kirchheim im Ilmkreis sogenannte Liedermacher der rechten Szene und Rockbands. Foto: Sascha Fromm

Diese Scheune bietet Erlebnisse der besonderen Art. Immer wieder treffen sich in Kirchheim im Ilmkreis sogenannte Liedermacher der rechten Szene und Rockbands. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Die Nazi-Szene hat ihre Lieder - und ihre geheimen Treffpunkte. Wenn sich die braunen Kameradschaften in bierseliger Runde in abseits gelegenen Gasthöfen selber feiern, dann grölen sie ungeniert die Songs mit, in denen es um Gewaltverherrlichung und Ausländerhass geht.

Musik scheint das ideale Mittel zu sein, um Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen. Allein in Thüringen fanden im vergangenen Jahr 27 rechte Konzerte statt. So manches Musik-Spektakel ist über die Jahre zu einem bundesweiten Event geworden. So findet beispielsweise seit 2003 in Gera das Festival "Rock für Deutschland" statt. Kamen am Anfang gerade einmal 100 Leute, sind es mittlerweile mehrere Tausend Anhängern.

"Es gibt derzeit kein Bundesland, in dem so viele Neo-Nazi-Open-Airs stattfinden wie in Thüringe"", bestätigt Stefan Heerdegen von Mobit, der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus. Sowohl Dichte als auch Kontinuität der Veranstaltungen seien einmalig in Deutschland.

Im Sommer des Jahres 2009 erlebte der Stadtteil Debschwitz in Gera seinen Tiefpunkt. Neonazi-Horden, fast 5000 Anhänger aus allen Teilen Europas, feierten ihre Szenebands, darunter "Die Lunikoff Verschwörung". Deren Frontmann wiederum, Michael Regener, sang einst bei der Combo "Landser", die verboten wurde. Bevor Regener eine Strafe antreten musste, gab er im thüringischen Pößneck, bei einer Veranstaltung zum Landesparteitag der NPD, ein viel umjubeltes Abschiedskonzert.

Die Auftritte der Bands werden vor allen Dingen dazu genutzt, um braune Ideologie zu vermitteln. "Häufig sind jahrelang aktive Neonazis eingeladen, die ihren Hass an die Jugendlichen weitergeben", erklärt Heerdegen.

Die Grenze zwischen der Szene und der NPD sei fließend, warnt der Sozialpädagoge. "Oft werden Konzerte von Partei-Mitgliedern angemeldet."

Der Thüringer Verfassungsschutz rechnet der rechtsextremen Szene im Freistaat rund 1000 Personen zu, darunter 450 Anhänger der gewaltbereiten Szene und 180 aktive Neonazis.

Versandgeschäfte für Rechtsrock

Mobit versucht, alle rechtsextremen Aktivitäten und alle öffentlichen Aktionen zu dokumentieren. Die erstellte Chronik beweist: Thüringen hat jede Menge brauner Ecken. Beispielsweise boomt der Markt mit rechtsextremen Artikeln. So gibt es in Sondershausen einen großen Internet-Versandhandel für CDs rechter Bands - der Inhaber ist NPD-Mann.

Auch nahe Weimar hat sich ein solches Geschäft angesiedelt. Über den ganzen Freistaat verteilt haben sich diverse Musiklabels etabliert. "Wir gehen davon aus, dass es rund zehn Versandgeschäfte für Rechtsrock gibt", erklärt Heerdegen.

Hinzu kommt, dass den Neonazis in Thüringen eine Reihe von Veranstaltungszentren zur Verfügung steht.

Beispiel Kirchheim im Ilmkreis. Der "Romantische Fachwerkhof" ist regelmäßig Treffpunkt rechter Funktionäre und ihrer Getreuen. Hier, in dem verträumten Örtchen, fand auch der gescheiterte Versuch statt, NPD und DVU zu einer Partei zusammenzuschließen.

Der Besitzer des Anwesens, Rainer Kutz, behauptet von sich, keinerlei Sympathien für die Rechten zu hegen. Dass er so häufig an NPD und andere Organisationen vermiete, sei "rein wirtschaftliches Interesse", weil ihm die Behörden des Ilmkreises keine andere Wahl lassen würden, um Geld zu verdienen.

Tatsächlich gibt es einen jahrelangen Streit des Besitzers mit den Behörden, der gerichtlich noch immer nicht entschieden ist. Kutz hatte von der Kreisverwaltung eine Baugenehmigung für seine "Partyscheune" erhalten, aber hinterher verbot ihm die gleiche Behörde den öffentlichen Betrieb - weil ein solches Objekt mitten im Ort nicht genehmigungsfähig sei. Deshalb kann er die Scheune nur für geschlossene Veranstaltungen vermieten.

Song feiert die Taten des Neonazi-Trios

Die rechte Szene nutzt das Objekt gern, weil es im Gegensatz zu anderen Orten keine Probleme mit dem Besitzer gibt. Sauer darüber sind jedoch die Kirchheimer Bürger, die sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen haben, um solche Veranstaltungen zu verhindern. Sie fürchten zu Recht, dass Kirchheim den Ruf eines braunen Treffpunkts dauerhaft nicht wieder los wird.

Bis zum Bundeskriminalamt scheint sich aber der Kirchheimer Makel noch nicht herumgesprochen zu haben. Als zum Papstbesuch nach Quartieren für Personenschützer gesucht wurde, brachte man sie auch im "Romantischen Fachwerkhof" unter.

In Thüringen gab und gibt es noch weitere Veranstaltungsorte, die von den Neonazis mit Vorliebe genutzt werden. In der Stadthalle von Pößneck beispielsweise wurden bis Anfang 2011 regelmäßig Veranstaltungen abgehalten, und in Bad Langensalza wurde das Bürohaus Europa schon für Konzert- und Liederabende genutzt.

"Bei allen Kebabs herrschen Angst und Schrecken" - mit dieser perfiden Textzeile feierte die bekannte Nazi-Combo "Gigi und die braunen Stadtmusikanten" angeblich die brutale Mordserie der Zwickauer Zelle. Das Machwerk wurde von den Behörden indiziert - und die Fahnder fragen sich nun, ob der Sänger Daniel "Gigi" Giese möglicherweise bereits vor der Identifizierung der Täter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Kenntnisse über die Verbrechen hatte.

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