Wie fremdenfeindlich ist unsere Polizei?

Im Gespräch mit dem Extremismus-Forscher Klaus Ahlheim. Der Berliner forscht schon seit Jahrzehnten über die rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, speziell bei der Polizei. Er meint: "Der Vorwurf der besonderen Fremdenfeindlichkeit im Osten ist mehr als zwanzig Jahre nach der Wende nicht mehr ernst zu nehmen."

Professor Klaus Ahlheim aus Berlin forscht schon seit Jahrzehnten über die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, speziell bei der Polizei. Das Foto entstand im Sommer 2010 bei einem TA-Symposium in Erfurt über "Nutzen und Nachteil der Zeitung für das Leben". Foto: Alexander Volkmann

Professor Klaus Ahlheim aus Berlin forscht schon seit Jahrzehnten über die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, speziell bei der Polizei. Das Foto entstand im Sommer 2010 bei einem TA-Symposium in Erfurt über "Nutzen und Nachteil der Zeitung für das Leben". Foto: Alexander Volkmann

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Herr Professor Ahlheim, Sie haben Erfahrungen in der Fortbildung der Polizei, und Sie haben ein großes Forschungsprojekt mit der Führungsakademie der Polizei durchgeführt.

Sind Sie überrascht, wie eng offenbar die Ermittler mit Rechtsextremen verbandelt sind?

Nein. Schon in den 90er-Jahren waren fremdenfeindliche und rechtsextremistische Vorkommnisse in der Polizei öffentlich geworden. Handfeste und überprüfbare Belege, wie anfällig die Polizei für rechtsextreme Orientierungen ist, lagen damals nicht vor, doch haben einige Wissenschaftler eine eher grundsätzliche Anfälligkeit der Polizeibeamten für rechtsextreme Einstellungen ausgemacht.

Wie überall in der Gesellschaft?

Das mag sein, aber rechtsextreme Orientierungen bei der Polizei sind ungleich bedenklicher und praktisch folgenreicher als in anderen Berufsgruppen. Das mag einen Teil der vielen Ermittlungs-Pannen im braunen Sumpf des grünen Thüringens durchaus erklären.

Wenn Sie schon vor zwanzig Jahren Fremdenfeindlichkeit bei Polizisten feststellen mussten. Was hat die Polizeiführung und was haben Sie als begleitender Wissenschaftler für Konsequenzen gezogen?

"Fremdenfeindlichkeit und Polizei" wird seit dieser Zeit intensiv und stetig in der Aus- und Fortbildung der Polizei thematisiert. Wir haben schon vor Jahren sehr bewährte Unterrichtsmaterialien entwickelt für die politische Bildung der Polizei zum Thema "Fremdenfeindlichkeit" und in verschiedenen Bundesländern erprobt und bewertet.

Auch in Thüringen?

Ja, am Anfang vor allem in Thüringen und Hessen, später dann auch in anderen Bundesländern. Wie der Unterricht der Polizei jetzt aktuell in Thüringen aussieht und ob das Thema wirklich noch eine angemessene Rolle spielt, kann ich nicht sagen.

Was genau veranstalten Sie mit Polizisten in einem Unterricht gegen Fremdenfeindlichkeit?

Unser sehr umfangreiches Unterrichtsmaterial - ich weiß, dass es in der Aus-und Fortbildung der Polizei durchaus noch genutzt wird - bemüht sich um eine Vielfalt an Methoden und konkreten Hinweisen für die Lehrenden.

Es gibt einer lange üblichen frontalen Einbahnstraßenpädagogik den Abschied, ohne auf Wissen und Wissensvermittlung zu verzichten.

Thematisiert werden etwa, immer mit deutlichem Bezug zum beruflichen Alltag der Polizistinnen und Polizisten: Die "Natur" des Vorurteils, Vorurteile und Medienöffentlichkeit, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft und natürlich Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus ganz rechtsaußen.

Sie sprechen von Fremdenfeindlichkeit. Wie kann man die überhaupt messen? Wann ist ein Bürger rechtsextrem?

Natürlich fragt die Forschung nicht einfach: "Sind Sie fremdenfeindlich oder nicht?" Sie fragt nach einem ganzen Bündel von Einstellungen in einer repräsentativen Gruppe.

Wir überprüfen unsere Fragen auch immer wieder. War noch vor drei Jahrzehnten die Frage nach dem Nationalstolz wesentlich zum Erkennen rechtsextremer Einstellungen, so kommt sie heute in vielen Befragungen und Untersuchungen gar nicht mehr vor - weil sie nicht mehr misst, was sie einst messen sollte.

Der Stolz, deutsch zu sein, ist nämlich längst mehrheitsfähig. Das ist einer der Gründe, weshalb wir zu Recht immer öfter von einem Extremismus der Mitte sprechen. Damit bezeichnen wir eine extreme, fremdenfeindliche und nationalstolze Einstellung, die weit über den rechten Rand hinausreicht.

Seit der Enttarnung der thüringischen Neonazi-Terroristen kommen auch wieder Vorwürfe gegen die Ostdeutschen hoch: Bei euch ist es besonders schlimm! Sind die Menschen im Osten wirklich fremdenfeindlicher?

Der den Rest der Republik entlastende reflexhafte Hinweis auf die besondere Fremdenfeindlichkeit im Osten und auf die dafür vermeintlich ursächliche DDR-Sozialisation ist mehr als zwanzig Jahre nach der Wende nicht mehr ernst zu nehmen.

Es stimmt zwar schon: In den letzten Jahren und noch immer, das zeigen auch unsere empirischen Untersuchungen, sind fremdenfeindliche Einstellungen im Osten der Republik stärker verbreitet als im Westen. Aber das sind nur graduelle Unterschiede.

Und wenn man dafür schon nach einer Erklärung sucht, muss man der Frage nachgehen, was es für die Generation der heute 20- bis 40-Jährigen heißt, dass vor gut zwanzig Jahren und von einem Tag auf den anderen fast alles, auch der Alltag, auch die Wert- und Erziehungsvorstellungen, anders wurde.

Das sind Brüche, die ganz offensichtlich nicht alle gut bewältigt haben.

Zur Zeit gewinnt man den Eindruck: Alle Politiker, alle Bürger mögen die Fremden und verachten die Neonazis - jedenfalls ist nichts anderes zu hören.

Wo sind die Millionen geblieben, die beispielsweise Sarrazins Buch gekauft und gelesen haben?

Die öffentliche Distanzierung von den Neonazis und die öffentlich zur Schau gestellte Trauer haben etwas Abwehrendes, Rituelles, auch Unaufrichtiges!

Man kann die über Jahre verweigerte Trauer nicht mit großen Betroffenheits-Gesten nachholen. Man kann sich schämen, das macht man aber nicht öffentlich; und man kann im Sinne der Opfer die Aufklärung der Verbrechen und die Auseinandersetzung mit dem politisch-weltanschaulichen Hintergrund vorantreiben. Ob das wirklich geschehen wird, ist mehr als fraglich.

Und der Skandal bleibt ja, dass Sarrazins Buch so viele Käufer und Leser gefunden hat, aber auch Zustimmung in den Feuilletons, in Politik und Wissenschaft.

Und wie erklären Sie den großen Erfolg von Sarrazins Buch?

Sarrazin hat ein durch und durch nationalistisches Buch geschrieben. Er interessiert sich eigentlich nur für das Schicksal Deutschlands und der Deutschen, und fast die gesamte Kritik übersieht das.

Diese deutschnationalen Fixierung führt zur Wut gegen die Anderen, die Armen, die Türken und Muslime. Und damit hat er wohl einem großen Teil der Deutschen aus dem Herzen gesprochen. Das bleibt ein Problem.

Sarrazin ist zumindest ein Symptomträger, vielleicht auch mehr.

Wenn Sie von einem großen Teil der Deutschen sprechen: Müssen wir Angst um unsere Gesellschaft haben?

Angst vielleicht noch nicht, aber Sorge. Und Sorge macht der Hintergrund des Untergrunds. Im Juli wurden Sarrazin und seine Thesen ja auf dramatische Weise aktuell: Sarrazins gescheiterter, eher tapsiger Auftritt bei den türkischen Bewohnern in Berlin-Kreuzberg wurde im Fernsehen zeitgleich gesendet mit den Wahnsinnsattentaten in Oslo.

Ein christlicher, rechter Fundamentalist hatte gemordet, voller Hass auf den Islam und den Marxismus (das Letztere ging in der deutschen Debatte schnell unter) - ein Täter, wie man verstört schrieb, aus der "Mitte der Gesellschaft".

Wollen Sie damit Sarrazin eine Mitschuld an dem Massenmord in Norwegen geben?

Das ginge zu weit. Gleichwohl haben Sarrazin und seine Mitstreiter ein Klima befördert, das, um einen Satz Adornos abzuwandeln, "dem Äußersten günstig ist". Das gilt natürlich erst recht für Deutschland, wo man die nationalistisch-fremdenfeindliche Bedrohung von rechts über Jahre nicht sehen wollte, klein geredet und damit dem wahnwitzigen rechtsextremen Terror den Weg bereitet hat.

Zur Person

Klaus Ahlheim, Jahrgang 1942, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2007 politische Erwachsenenbildung an den Universitäten Marburg und Duisburg-Essen.

In diesem Jahr erschien von ihm das Buch "Sarrazin und der Extremismus der Mitte". Weitere Bücher: "Der unbequeme Fremde - Fremdenfeindlichkeit in Deutschland" und "Die Gewalt des Vorurteils".

Die Diskussion

Professor Klaus Ahlheim diskutiert am kommenden Mittwoch, 7. Dezember, um 18 Uhr mit Rüdiger Bender und Aribert Rothe in der Erfurter Evangelischen Studentengemeinde, Allerheiligenstraße 15, über "Sarrazin und der Extremismus der Mitte - Hintergründe für den ’Untergrund’ ".

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