Die Angst fuhr den ersten Grenzgängern aus Krauthausen hinterher

Krauthausen  30 Jahre Mauerfall: Matthias Fischer ist einer der ersten, die visafrei in den Westen fuhren.

Matthias Fischer aus Krauthausen mit Schildern von der einstigen innerdeutschen Grenze. An sein Garagentor malte er einen Wartburg 353. Mit so einem Zweitakter machte er seinen ersten Ausflug in den Westen.

Matthias Fischer aus Krauthausen mit Schildern von der einstigen innerdeutschen Grenze. An sein Garagentor malte er einen Wartburg 353. Mit so einem Zweitakter machte er seinen ersten Ausflug in den Westen.

Foto: Norman Meißner

„Ich hatte an dem 9. November abends die Sendung gesehen, in der Günter Schabowski die Reisefreiheit verkündete, konnte es aber nicht glauben, was ich da sah und hörte“, erinnert sich Matthias Fischer aus Krauthausen an den Tag der Tage jedes Ostdeutschen. Er ging zu Bett, völlig aufgedreht gelang ihm aber nicht, ein Auge zuzumachen und schaltete das Radio ein. Die Nadel der Wellenskala klebte zu DDR-Zeiten für die meisten Menschen in Stadt und Kreis Eisenach unverrückbar auf der Frequenz des „Feindsenders“ hr3. „Fast pausenlos wurde über die Öffnung der Grenze berichtet, wie sich die Leute umarmten, nur nicht über unsere Grenzübergangsstelle“, erinnert sich Matthias Fischer noch heute an die Westradio-Berichte.

Gegen 1 Uhr klopfte der damals 21-Jährige wenige Häuser weiter am Fenster seines Freundes Peter Ebenau. Dessen Vater besaß einen lindgrünen Wartburg 353, den die Freunde sich unvermittelt „charterten“ und losbrausten. „Es war eine spontane Entscheidung – wir wollten gucken, ob das wirklich wahr ist“, erzählt Matthias Fischer. Kaum lag Krauthausen hinter den beiden jungen Männern, klebte auch schon ein anderer Wartburg fast an der hinteren Stoßstange. Als sie dann in dieser nebligen Nachtstunde auf die Autobahn in die Richtung auffuhren, in die eigentlich kein DDR-Bürger trauen durfte, klebten die Lichter des Verfolgers noch immer hartnäckig dran. „Es war ein komisches, mulmiges Gefühl – wir hatten panische Angst, dass die Stasi uns jetzt schnappt“, erinnert sich Matthias Fischer.

Der Verfolger ist ein harmloser Bekannter

Am Vorposten der Volkspolizei Eisenach, der noch einige hundert Meter vor der alten, inzwischen geschleiften Raststätte „Ramsborn“ lag, erhielten die Abenteurer eine sogenannte Zählkarte für die Ausreise. Als sie das Formular auf dem Wartburg-Dach ausfüllten und der Verfolger selbes auf seinem Autodach tat, erkannten sie völlig erleichtert Peter Albrecht aus Madelungen.

„Wir kamen just in dem Moment an, wo nach Rücksprachen entschieden wurde, den Schlagbaum zu öffnen – vor uns ist ein Trabant als erster drüber“, erinnert sich Matthias Fischer. An der Kontrollstelle des Bundesgrenzschutzes begrüßen geduldig wartende Wessis die ankommenden Ossis mit freudigem Klopfen auf dem Autodach.

Zu diesem Begrüßungskomitee gehört auch Carl-Heinz Eberth aus Waldkappel, der den „Einzug der willkommenen Invasoren“ für das HR-Fernsehen filmt. Diesen hat Matthias Fischer jetzt kontaktiert, um den Video-Beweis zu erhalten, dass er und Peter Ebenau sowie Peter Albrecht zu den ersten Thüringern gehörten, die die Grenzübergangsstelle Wartha vor 30 Jahren ohne Visum passieren durften.

Das erste zivile Haus, was die Grenzgänger im Westen wahrnehmen, schmückt in Herleshausen die Leuchtreklame „Hallenbad“. Bei einem kurzen Halt, entscheiden sich beide für eine Stippvisite in Kassel. Gegen 3 Uhr rollt der Zweitakter aus Eisenach durch die Kassler Innenstadt. Die beiden schauen sich eine völlig menschenleere Stadt an. „Irgendwann nach 4 Uhr klappte eine Kneipentür auf und eine besoffene Frau flog mit blutiger Nase auf die Straße“, sagt der Krauthäuser. Gegen 9 Uhr entscheiden sich beide zur Rückkehr. „Ich wollte unbedingt auf dem Rückweg noch zum Hohen Meißner, den ich vom Bolzplatz in Krauthausen immer nur aus der Ferne sehen konnte“, fährt er fort. Auf einem Parkplatz rückte das exotische Fahrzeug in das Interesse einer Jägerschaft, die zu einer Treibjagd aufbrechen wollte. „Bei der Verabschiedung drückte mir ein Jäger 20 D-Mark in die Hand“, freut sich Matthias Fischer noch heute über diese nette Geste.

Streckemetallfelder vor den Augen entfernt

Für den Ausflug ins sehnsüchtig geliebte „Feindesland“ wollte der Krauthäuser natürlich auch einen Beweis. „Im Edeka in Waldkappel habe ich davon ein 8x4-Deo für meine Schwester gekauft“, erzählt er. Auch wenn die beiden Freunde in dem Laden nicht als Ossis erkannt wurden, war die Grenzöffnung am Morgen natürlich das Tratsch-Thema. „Inge, schüttle schon mal die Betten auf, jetzt kommen sie alle rüber“, erinnert sich Matthias Fischer an ein Gespräch zwischen Kundin und Verkäuferin. Zwei Tage später besucht er Fulda. „Auf dem Rückweg wurde bei Obersuhl vor unseren Augen die ersten Streckmetall-Felder entfernt.“

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