Gedanken zum Wochenende: Michelle Wägner, Volontärin im Verkündigungsdienst, über Frühling, Passionszeit und Ostern

„Das Verweilen im blühenden Garten hat mich wieder fromm gemacht.“, so beschreibt es Byung-Chul Han in seinem Buch „Das Lob der Erde - Eine Reise in den Garten“. In den letzten Wochen wird es immer lebendiger draußen. Das viele Wasser, das die Felder und Wiesen in kleine und größere Seen verwandelt hatte, hat sich zurückgezogen. Es wurde von der kräftigen Frühlingssonne aufgeleckt, wie es eine ältere Dame ausdrückte, mit der ich vor Kurzem sprach.

Die Frühblüher geben einander die Klinke in die Hand. Die gelb leuchtenden Winterlinge verkrümeln sich langsam und auch die Schneeglöckchen mit all ihrer Nachdenklichkeit sind fast verschwunden.

Michelle Wägner ist Volontärin im Verkündigungsdienst im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda.
Michelle Wägner ist Volontärin im Verkündigungsdienst im Kirchenkreis Eisleben-Sömmerda. © Michelle Wägner | Michelle Wägner

Dafür sind die Narzissen schon recht weit. Ich sehe sie in den Vorgärten und Wiesen stehen, wenn ich durch die Dörfer fahre. Manche stehen in Gruppen, andere eher einzeln. Ein bisschen wie bei den Menschen, denke ich mir. An den Toren der Höfe und an den Gartenzäunen sehe ich jetzt wieder häufiger Leute stehen und miteinander einen Schwatz machen. „Bei dir im Garten stehen ja schon die Krokusse und gucken. Bei mir tut sich noch nichts.“ „Dann vielleicht im nächsten Jahr, manche Sorten brauchen ein Jahr länger.“ Bei uns blühen nur die, die wir auf die Wiese geschmissen haben, die in den Kübeln lassen auf sich warten.

Vor wenigen Wochen fingen die Bäume und Büsche an, Knospen hervorzubringen. Inzwischen kommt jeden Tag ein neuer dazu, der blüht und die Welt um sich herum in ein zartes Weiß oder Rosa hüllt.

Die meist gelb erstrahlenden Narzissen werden auch Osterglocken genannt. In diesem Jahr blühen sie schon eine ganze Zeit vor Ostern. Es scheint, als würden sie das Osterlicht schon in der Passionszeit anknipsen.

Die Passionszeit, die steuert nun auf ihren Höhepunkt zu. Die kommende Woche ist in den christlichen Kirchen als Karwoche bekannt. Das „Kar“ kommt von einem alten, deutschen Wort, das soviel wie Trauer bedeutet.

Doch wir wissen auch, nach dieser Trauer kommt wieder Freude. Der Dichter des Psalm 30 hat es einmal so ausgedrückt: „Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude gegürtet, dass ich dir lobsinge und nicht stille werde. Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.“

Von dieser neuen Freude, davon können wir erzählen, ohne dabei die Trauer zu vergessen und der Frühling erzählt uns auch davon. Die kahlen, leblosen Flächen blühen, die Vögel kehren wieder zurück und stimmen ihr Loblied an. Wir gehen wieder mehr nach draußen und lassen uns von der Frühlingssonne bescheinen, staunen über die Knospen, die jeden Tag mehr explodieren und ihren Duft verströmen. Die Schöpfung beginnt erst zart und dann geradezu ekstatisch ihren Freudentanz. Und manch einer denkt sich: „Gott sei Dank ist der Winter vorbei!“ Andere zieht es in den Garten oder auf den Hof, um dort zu sitzen und das Schöpfungslob zu hören oder, um auch selbst tätig zu werden. Der Erde nahe sein und mit ihr arbeiten, nicht gegen sie. Und man kommt ins Staunen, vielleicht stimmt man ein in das Lob und pfeift vor sich hin. Mancher lässt sich vielleicht auch mitreißen vom Freudentanz oder denkt bei den Narzissen schon an Ostern.