Gedanken zum Wochenende: Pfarrerin Felicitas Kühn, Evangelische Regionalgemeinde Kölleda, hat einen Osterwunsch

Guten Morgen! Haben Sie sich heute schon das Gesicht gewaschen? Als Kind wurden wir ja meist extra aufgefordert: Wasch dir noch die Augen, mach den Schlafsand raus! Vielleicht, weil es zum Einschlafen „das Sandmännchen“ gab. Sie wissen es sicher längst: Mit Sand hat das, was wir manchmal morgens in den Augenwinkeln finden, nichts zu tun. Es sind nur die Überreste vom Augensekret, das unser Körper den ganzen Tag zum Schutz der Augen produziert und in der Nacht kann sich das ansammeln und eintrocknen. Ganz normal und nichts Schlimmes.

Wie angenehm ist es, wenn ich mir morgens mit klarem Wasser das Gesicht erfrische! (Und Ihr Augenoptiker oder Ihre Augenärztin wird dankbar sein, dass der „Sand“ nicht auf der empfindlichen Haut verrieben wird.)

An diesem Wochenende ist es Zeit, sich ganz besonders die Augen zu waschen. Denn es ist Ostern und da muss nicht nur beim Suchen von Eiern und Nestern genau hingesehen werden, sondern auch im Leben und über die Feiertage hinweg. Ostern heißt: Ich lebe anders, ich wasche meine Augen und sehe anders in die Welt – als ob ich neue Augen habe oder eine andere Brille aufsetze.

Am allerersten Ostermorgen geht Maria hinaus zum Grab. Ich stelle mir vor, wie gebeugt sie geht, die Schultern hängen, der Kopf. Sie sieht nur zwei Schritte voraus. Wie auch anders? Wenn das Leben gestorben ist? Hoffnung und der Mensch, mit dem das alles da war …? Marias Augen sind klebrig, klein, verweint und rot, erschöpft.

Jesus hatte vom Wasser gesprochen: lebendiges Wasser wollte er sein, das erfrischt und belebt. Nicht allein wie eine Dusche oder ein Sprudel, sondern von innen auf wunderbare Weise für immer. Nichts davon ist zu spüren an diesem Morgen. Maria hat keine Scheuklappen und sie geht natürlich mit offenen Augen, um nicht zu stürzen und den Weg zu sehen. Und so kann das Wunderbare anfangen: Das Grab ist leer, leuchtende Gestalten sind da.

Und dann kommt einer – wer ist er? Sie erkennt ihn zuerst nicht, denn es kann ja nicht sein, dass ER es ist! Jesus wurde gekreuzigt und ist gestorben – wie kann sie ihn dann hier leibhaftig sehen?

Ja, so ist es manchmal: Wenn ich meine blaue Brille aufhabe, dann sehe ich viele Tränen, Traurigkeit. Die dicke schwarze Brille drückt mir die Nase platt und zeigt mir das Absterben in der Welt; das Elend, Not, Leid und Krieg. Die rosarote Brille lässt mich Liebe sehen. Ja, so ist es manchmal: Ich habe eine Brille vor den Augen und kann gar nicht „richtig“ sehen. Weil ja nicht sein kann, was nicht geht (zum Beispiel, dass es Leben gibt nach dem Sterben). Weil ich ja nur sehen kann, was es „wirklich“ gibt – oder?

Maria dreht später um und geht vom Grab zurück, läuft und rennt beinahe, den Blick erhoben. Und dann ruft sie es den Freundinnen und Jüngern Jesu zu: „Ich habe IHN gesehen!“

Lasst uns Ostern feiern und unsere Augen waschen mit lebendigem Wasser. Lasst uns feiern, dass es mehr Leben gibt, als wir sehen – tieferes, stärkeres, als wir es meist vor Augen haben. Gesegnete Ostern wünsche ich uns allen! Ich wünsche uns allen Oster-Augen!