Miami/Edmonton. Der deutsche Eishockey-Topspieler Leon Draisaitl steht mit Edmonton im NHL-Finale. Der Ausgang könnte über seine Zukunft entscheiden.

Südflorida ist derzeit ein Traum für Sonnensüchtige. Bis zu 34 Grad Celsius am Tag, nachts sinkt das Thermometer nie unter die 25-Grad-Marke. Der berühmte South Beach in Miami lockt mit kilometerlangen Stränden, coolen Clubs und lässigen Sommer-Vibes. Leon Draisaitl ist derzeit in Südflorida, hat aber für all die Annehmlichkeiten keinen Blick, keine Zeit. Und er hat wahrscheinlich nicht einmal eine Badehose eingepackt.

Denn für ihn ist die Reise in den Sunshine State ein Business-Trip. Der 28-Jährige zieht Schlittschuhe an statt Flipflops. Er spielt mit den Edmonton Oilers in der Finalserie von Nordamerikas Eishockey-Profiliga NHL um den Titel. Um den Stanley Cup, die begehrteste Eishockey-Trophäe der Welt. Gegner sind die Florida Panthers, die in den ersten beiden Partien Heimrecht haben, zunächst in der Nacht zu Sonntag (2 Uhr deutscher Zeit) haben. Wer viermal gewinnt, ist Meister.

Leon Draisaitl steht erstmals im NHL-Finale

Draisaitl hat lange darauf gewartet, um „Lord Stanley“ spielen zu können. Nun bekommt er, der seit Jahren zu den besten Eishockeyspielern der Welt zählt, erstmals die Chance dazu – in seiner zehnten NHL-Saison. Er hat es in der Vergangenheit oft versucht mit den Oilers, war nach mitunter starken Hauptrunden aber spätestens im Play-off-Halbfinale gescheitert. Und deshalb sprach Draisaitl nach dem Erreichen der Endspielserie von „vielen schmerzhaften Jahren“ und „viel investierter Arbeit“.

Nun, im Frühjahr 2024, wurden Aufwand und Anstrengungen belohnt. Edmonton ist der Rolle als Mitfavorit endlich gerecht geworden, hat zunächst die Los Angeles Kings eliminiert, dann die Vancouver Canucks und im Halbfinale die Dallas Stars. Doch wer Draisaitl nach dem entscheidenden 2:1-Sieg gegen Dallas sah, der suchte vergebens nach leuchtenden Augen oder Genugtuung.

Leon Draisaitl läuft in den Play-offs zur Höchstform auf

Denn er weiß natürlich, dass die Oilers nach ihren bisherigen zwölf Play-off-Siegen seit Mitte April noch vier weitere Spiele gewinnen müssen, um ganz oben auf dem Eishockey-Gipfel zu stehen. Sie sind schließlich nicht so weit gekommen, nur um im Finale zu stehen. Und deshalb betonte Draisaitl, dass es „traumhaft“ sei, jetzt um den Titel zu spielen. Zeitgleich hob er aber hervor, dass man „noch einen langen Weg zu gehen“ habe. 

Natürlich hat er mit dieser Aussage recht, doch ein Leon Draisaitl würde sie auch treffen, wenn Edmonton nur noch ein Spiel gewinnen müsste. Zum einen war er noch nie ein Lautsprecher, zum anderen ist er Realist. Und er weiß: Der Stanley Cup gilt als die am schwersten zu gewinnende Sport-Trophäe der Welt. 

Leon Draisaitl gehört seit Jahren zu den besten Eishockey-Spielern der NHL.
Leon Draisaitl gehört seit Jahren zu den besten Eishockey-Spielern der NHL. © Getty Images via AFP | Derek Cain

Denn es kommt in den Play-offs nicht nur darauf an, Superstars im Team zu haben. Wenn es danach ginge, wäre Edmonton sicherlich schon in den vergangenen Jahren Meister geworden. Mit Draisaitl und Kapitän Connor McDavid hat der kanadische Klub zwei Ausnahmespieler in seinen Reihen, die schon so ziemlich alle individuellen Auszeichnungen der Liga in ihren heimischen Trophäen-Schränken haben. 

Doch selbst die grandiosen Leistungen der beiden Stars waren in der Vergangenheit nicht gut genug. Draisaitl hat seit 2022 die meisten Play-off-Tore (30) aller Spieler geschossen. Er hat auf dem Weg ins Finale unter anderem im 60. Play-off-Spiel seiner Karriere seinen 100. Play-off-Punkt erzielt. In der gesamten NHL-Geschichte kamen nur zwei Akteure in weniger Partien auf diese Marke. Beide sind Legenden: Wayne Gretzky und Mario Lemieux. 

Draisaitl weiß zwar um seine Daten und dass er seit Jahren einer der herausragenden Play-off-Performer ist, doch all das interessiert ihn nicht sonderlich. „Ich will den Stanley Cup gewinnen“, sagt er, „und dafür tue ich alles, ob offensiv oder defensiv.“

Draisaitl-Vertrag in Edmonton läuft nächstes Jahr aus - Zukunft offen

Als die K.o.-Runde im April begann, war davon zu hören, dass Edmontons Abschneiden entscheidend für Draisaitls Zukunft sein könnte. Er geht am 1. Juli in das letzte Jahr seines aktuellen Kontraktes, den er 2017 für das zugesicherte Gehalt in Höhe von 68 Millionen Dollar unterschrieb. Wären die Oilers erneut früh gescheitert, hätte es durchaus sein können, dass der Links-Schütze mit der Rückennummer 29 nach dann zehn erfolglosen Anläufen Richtung Titel das – durchaus nachvollziehbare – Verlangen gehabt hätte, es mal mit einem anderen Verein zu probieren. Doch der Finaleinzug ist das klare Zeichen, dass ein Stanley-Cup-Gewinn mit den Oilers möglich ist. 

Ein Blick in die NHL-Annalen zeigt, dass die Florida Panthers ein gutes Omen für Draisaitl sein könnten. Er war gerade sieben Monate alt, als Florida im Juni 1996 die Endspielserie mit 0:4 gegen die Colorado Avalanche verloren hatte. Den entscheidenden 1:0-Treffer zu Colorados Triumph schoss Uwe Krupp in der dritten Verlängerung der vierten Partie. Es ist bis heute das letzte Tor eines Deutschen im NHL-Finale geblieben. Viel wichtiger jedoch fürs Omen: Krupp kommt aus Köln. Genauso wie Draisaitl.