Die Blindenfußball-Bundesliga macht in Erfurt Station

Erfurt.  So geht Sehen nach Gehör. Der Nachwuchs des FC Rot-Weiß Erfurt begab sich in eine komplett andere Welt. Am Samstag wird Saison auf dem Domplatz eröffnet.

Fußball einmal anders: Den Ball am Fuß zu haben ist für die Junioren des FC Rot-Weiß Erfurt gewohnter Trainingsalltag. Dabei nichts zu sehen aber war eine neue Erfahrung.

Fußball einmal anders: Den Ball am Fuß zu haben ist für die Junioren des FC Rot-Weiß Erfurt gewohnter Trainingsalltag. Dabei nichts zu sehen aber war eine neue Erfahrung.

Foto: Frank Steinhorst

Und dann ist es stockfinster vor den Augen, jeder Schritt eine wacklige Angelegenheit, ein Herantasten. Mit der Sorge, in ein Loch treten zu können. Woran sich orientieren? Wo ist er Ball? Und überhaupt: Wo steht nochmal das Tor?

Übungsleiter lässt einen Schwung rot-weißer Nachwuchsfußballer tanzen

„Am Anfang ist man hilflos“, weiß Birk Gebauer. Der 29-jährige Sportstudent kann ausgezeichnet sehen. Er kennt sich aber auch gut aus, wie es wäre, ohne Augenlicht auskommen zu müssen und dann noch Fußball spielen zu wollen. Wie viel es dafür braucht, das versucht er vielerorts und vielen nahe zu bringen. Auf Kommando lässt der Übungsleiter am Mittwochnachmittag dafür erstmal einen Schwung rot-weißer Nachwuchsfußballer tanzen.

„Einen Schritt nach vorn, vor, nach hinten, nach links, links, nach rechts, Hinsetzen, Aufstehen, halbe Drehung, Schritt zurück. Sehr gut!“ – Was ein bisschen wie das Einstudieren von Tanzschritten vermuten lässt, ist das Vorspiel der Übungseinheit; für den Thüringer Fußball-Verband die Vorwegveranstaltung vor dem Samstag – und für rund 15 Rot-Weiß-Junioren eine andere Art, Fußball zu erleben, dabei blind sein.

Eine „neue Sporterfahrung“. Diesen Namen trägt das Programm, mit dem eine Agentur der Telekom auf dem Übungsplatz im Steigerwaldstadion Station macht und die Jungs dort mit ihren rabenschwarzen Brillen unsicher in dem kleinen Spielfeld herumtappen lässt. Wenngleich in den anderthalb Stunden viel gekichert wird, ist es kein Jux, aus Spaß mal eben blind zu spielen.

Als liefe man auf Eiern, das eine oder andere Luftloch obendrein

„Wir nutzen das Projekt, um auf den Blindenfußball aufmerksam zu machen“, erklärt Katharina Blos. Sie betreut das Programm der Tele-kom. Als Partner der Sepp-Herberger-Stiftung und des Deutschen Behindertenverbandes begleitet das Unternehmen die Bundesliga im Blindenfußball und wirbt dafür über die „Neue Sporterfahrung“.

Eine Art Skibrille vor Augen, ein Kopfschutz drüber, rundherum Stimmen, die sagen, wohin man laufen soll, und dazu das Rasseln des Balls. „Ein komisches Gefühl“, sagt Yarin Lipski. Ein bisschen so, als liefe man auf Eiern. „Das Schwierigste ist, sich auf die Kommandos und das Rasseln einzulassen“, spricht der U-13-Kicker beinahe wie ein alter Hase.

Ball wird geschmeidig aus zwei Metern neben den Kasten geschossen

Dribbeln, den Ball ein Weile hoch halten, passen, das kann Yarin wie seine Mitstreiter. Ohne den Ball zu sehen, schlagen aber einige das eine oder andere Luftloch oder schieben den Ball schon mal geschmeidig aus zwei Metern neben den Kasten.

Wie Blindenfußball aussieht, wenn er gekonnt ist, das kann am Samstag jedermann auf dem Domplatz erleben. Die Bundesliga eröffnet dort ihre neue Saison. Mitten im Erfurter Wohnzimmer, mitten in der Gesellschaft, wo sich die Liga sieht, spielen sechs Mannschaften im ersten von vier Turnieren um die ersten Punkte. Teams wie St. Pauli, Borussia Dortmund oder Hertha BSC sind darunter – und einige Aktionsstände mit Dribbelparcours rundherum. Im Rahmenprogramm ist unter anderem ein Promi-Sechsmeter-Schießen vorgesehen, etwa mit Rüdiger Schnuphase, Norman Loose und Ronny Hebestreit. Freilich mit verbundenen Augen.

Alle sind froh, dass der besondere Tag stattfinden kann

„Anderthalb Jahre arbeiten wir daran, die Blindenfußball-Bundesliga hierher zu holen“, erzählt Annemarie Brendel. Als Sachgebietsleiterin „Gesellschaftliche Verantwortung“ im Thüringer Fußball-Verband ist sie für den Tag mit zuständig und froh, dass es dazu gekommen ist. Umso mehr, weil der Tag infolge der Corona-Pandemie auszufallen drohte. Eigentlich hätte Erfurt der Finalspieltag sein sollen. In der verkürzten Serie findet nun der Auftakt hier statt. Eine Premiere für Thüringen – und ein Schaufenster für den Blindenfußball.

Seit 2008 existiert die Bundesliga und ist eine europaweit einzigartige Spielrunde für blinde und sehbehinderte Menschen. Seit 2011 ist sie regelmäßig auf öffentlichen Plätzen zu Gast – und Akzeptanz für einen sehr fordernden Sport zu gewinnen, der sich wenn auch nicht im Sprinttempo vor den Augen abspielt.

Das Tor zu treffen, ohne den Kasten zu sehen und dann auch den sehenden Torwart zu überwinden, ist für die Bundesliga-Spieler keine Glücksache, hat aber viel mit der Fähigkeit zu tun, mit anderen Sinnen zu sehen, vor allem mit den Ohren. Auf dem 20 mal 40 Meter großen Feld werden die fünf Feldspieler über die Anweisungen von Trainer und einen Guide „gelenkt“. Der Ball ist etwas schwerer, damit er nicht so hoch springt. Metallblättchen sind eingenäht, damit er rasselt. Eng zwischen den Füßen wird er so oft geführt, um Kontrolle zu behalten. Gegenspieler müssen sich ständig bemerkbar machen.

„Das Schwierigste ist mit, die akustischen Signale zu hören und in dem Wirrwarr der Stimmen zuzuordnen“, sagt Birk Gebauer, „und ungefähr zu wissen, wo man sich im Raum befindet“.

Reden. Hören. Sehen.

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