Klimadebatte

Flugbranche will umweltfreundlich fliegen – aber geht das?

Leipzig/Berlin.  Verkehrsminister Scheuer will Milliarden in den Klimaschutz investieren. Deutschland soll Zentrum einer CO2-ärmeren Luftfahrt werden.

Landeanflug auf Tegel: Easyjet ist an den Berliner Flughäfen die wichtigste Airline.

Landeanflug auf Tegel: Easyjet ist an den Berliner Flughäfen die wichtigste Airline.

Foto: dpa Picture-Alliance / Soeren Stache

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In der Klimadebatte wächst die Kritik am Flugverkehr. Jetzt setzen die Branche und die Politik zu einem Befreiungsschlag an. Deutschland soll zum Zentrum einer umweltfreundlichen Luftfahrt werden. „Dazu gehört auch, dass wir Deutschland zu einem führenden Standort für klimaverträglichere Flugzeugtechnologien machen wollen“, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Flughafen Leipzig/Halle. Auf der ersten Nationalen Luftfahrtkonferenz geht es um Weichenstellungen für die Zukunft der Schlüsselbranche, die in Deutschland direkt und indirekt 850.000 Arbeitsplätze bietet.

Die Kanzlerin lobt die Selbstverpflichtung der Branche, ab 2020 das Emissionsniveau der Flugzeuge zu halten und 2050 dann auf 50 Prozent des Wertes von 2005 zu senken. Nötig sei dafür etwa die Produktion von synthetischen, klimafreundlicheren Kraftstoffen oder der Umstieg auf elektrisches Fliegen. Im Bereich bis 80 Passagiere sei dies schon in greifbarer Nähe, sagt Merkel.

Milliarden für Erforschung und Produktion von Öko-Kraftstoffen

Die Erforschung und Produktion von Öko-Kraftstoffen und alternativen Antriebstechnologien will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jetzt mit einer Milliarden-Förderung voranbringen. Überraschend ist er auf Forderungen des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) eingegangen: Die gesamten Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer will der Minister in klimafreundliche Technologien stecken.

Die Steuer wird seit 2011 erhoben und macht je nach Strecke zwischen 7,38 und 41,49 Euro vom Flugpreis aus. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Einnahmen der Luftverkehrssteuer für Forschung, Innovation und Klimaziele genutzt werden“, sagt der CSU-Politiker. „Unser Ministerium will fördern statt verbieten, saubere und synthetische Kraftstoffe billiger machen.“ Weitere Felder seien eine verbesserte Triebwerkstechnologie oder die Aerodynamik.

Eine Erhöhung der Luftverkehrssteuer lehnt die Branche ab

Bislang versickern die Einnahmen aus der Ticketabgabe von 1,2 Milliarden Euro jährlich in den Bundeshaushalt. Von seinem Plan muss Scheuer jedoch auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) überzeugen. Dabei ist ihm zumindest die Unterstützung von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sicher. Aber, so Altmaier: „Der Finanzminister sitzt auf der Kasse.“ Eine weitere Erhöhung der in der Branche unbeliebten Steuer, die Scheuer ebenfalls ins Spiel brachte, lehnen die Airlines jedoch ab.

Die Fluggesellschaften setzen große Hoffnung in die öffentlich geförderte Erforschung und Produktion von Öko-Treibstoff. „Wenn wir es wirklich schaffen, dass die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe durch bestehende Einnahmen der Luftverkehrssteuer unterstützt werden, dann können wir einen wichtigen Beitrag zum klimaneutralen Fliegen leisten“, sagt der Geschäftsführer des Ferienfliegers TUIfly, Oliver Lackmann.

Experten: Von heute auf morgen wird die Luftfahrt nicht grün

So könnte künftig etwa synthetisches Kerosin mithilfe von Solar- und Windenergie sowie aus der Luft gewonnenem Kohlendioxid im sogenannten Power-to-Liquid-Verfahren massenhaft und klimaneutral hergestellt werden. Bislang gibt es das noch nicht im großindustriellen Maßstab. Öko-Flugzeugtreibstoff kostet 3,50 Euro für einen Liter und ist nur in geringen Mengen verfügbar – das fossile Gegenstück gibt es dagegen für 45 Cent. „Das war bei jeder Technologie so, dass es am Anfang teuer ist“, sagt Kanzlerin Merkel.

Experten warnen jedoch vor zu viel Euphorie. Von heute auf morgen lasse sich dem Luftverkehr kein grüner Anstrich verpassen. „Für eine industrielle Produktion von vielen Tonnen klimaneutralen Kerosins wird es sicher noch zehn Jahre dauern“, mahnt Manfred Aigner, Direktor des Instituts für Verbrennungstechnik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Deutschland bekommt einen neuen Flugzeughersteller

Branchenriese Lufthansa will dennoch kurzfristig mehr Klimaschutz erreichen – auf einer neuen Kompensationsplattform können Reisende unter anderem mit dem Kauf von Öko-Kerosin die CO2-Emissionen ihres Flugs um bis zu 80 Prozent reduzieren.

Unterdessen soll in den kommenden Jahren der traditionsreiche deutsche Flugzeugbauer Dornier wieder aufleben. Das US-Luft- und Raumfahrtunternehmen SNC plant eine Neuauflage des bis vor zehn Jahren gebauten Regionalfliegers Dornier 328. Die wollte das Unternehmen zunächst in der Türkei bauen. „Es ist ein großer Erfolg, dass das Flugzeug komplett in Deutschland gebaut wird“, sagt Thomas Jarzombek (CDU), Luft- und Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung.

Geplant ist neben einer Entwicklungsabteilung am früheren Dornier-Standort im bayerischen Oberpfaffenhofen bei München die Fertigung am Flughafen Leipzig/Halle. 2023 soll die erste Propellermaschine mit bis zu 39 Sitzplätzen abheben, zunächst sollen 370 Arbeitsplätze entstehen.

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