Pandemie

Corona mit 81: Margarete R.s harter Kampf zurück ins Leben

Düsseldorf.  Corona im Alter: Für die 81-jährige Margarete R. war das Realität. In der Reha kämpft sie weiter. Ein Kraftakt für alle Beteiligten.

Das regelt das Infektionsschutzgesetz im Pandemie-Fall

Mit der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes wollen Union und SPD die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung auf eine solidere gesetzliche Grundlage stellen. Das Gesetz wird um einen Katalog von Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie ergänzt.

Beschreibung anzeigen
  • Sieben Monate ist es her, dass sich die 81-jährige Margarete R. mit dem Coronavirus infizierte
  • Es folgte ein langer Krankenhausaufenthalt samt künstlicher Beatmung
  • Nun befindet sich die Frau aus NRW in der Corona-Reha
  • Dort muss sie vieles ganz neu lernen: Atmen, sprechen, essen – ein Kraftakt

Die schmale Frau mit dem grauen Pferdeschwanz verschwindet beinahe zwischen den vielen Geräten, die um sie herumstehen. Es blinkt und piept – auf Monitoren werden Daten zu Herz- und Lungenfunktion angezeigt. Margarete R. sitzt im Rollstuhl. In ihrem Hals, der durch ein großes Pflaster geschützt wird, steckt eine Kanüle mit mehreren Schläuchen.

Margarete R. ist 81 Jahre alt. Vor sieben Monaten kam sie ins Hospital St. Marien in Mülheim an der Ruhr, weil sie sich schläfrig fühlte. Nach einem Test stand fest, dass sie an Covid-19 erkrankt war. Schnell ging es ihr schlechter. Schließlich lag sie im Koma auf der Intensivstation und musste beatmet werden. Seitdem begleiten Margarete R. medizinische Geräte.

Coronavirus – Die wichtigsten News im Überblick

Corona: Margarete R. kämpft sich zurück ins Leben

Die extrem kritische Phase ihrer Erkrankung ist vorbei. Seit viereinhalb Monaten ist ein Zimmer in der Therapieklinik St. Mauritius in Meerbusch bei Düsseldorf das Zuhause der Mülheimerin. Sie ist in der Corona-Rehabilitation . „Alle kümmern sich um mich, wir sind fast eine kleine Familie geworden“, sagt sie. Die echte Familie – Kinder und Enkel – strahlt von Fotos, die an einer Pinnwand über ihrem Bett hängen. Die wenigen Besucher, die kommen dürfen, müssen Kunststoffanzug, Handschuhe und einen medizinischen Mundschutz tragen.

Für Atmungstherapeutin Christiane Haack und Alexander Schönfeld, den leitenden Oberarzt der Intensivmedizin, ist Margarete R. der Stolz ihrer Abteilung. Sie haben es nicht nur geschafft, dass sie zeitweise selbst Luft holen , sondern sogar reden kann. Das ist bei einem Menschen, der zum Beispiel wegen Corona beatmet wird, ein Kunststück: „Weil die Luft nicht wie sonst zu den Stimmbändern im Kehlkopf gelangt, können Menschen an Beatmungsgeräten normalerweise nicht reden“, sagt Chefarzt Stefan Knecht. Deshalb nutzen er und sein Team einen Trick.

In der Kanüle im Hals wird ein kleiner Ballon aufgepumpt. Der stoppt den Speichel, den der Patient nicht schlucken kann. Auf diese Weise läuft das Sekret nicht in die Lunge, wo es Entzündungen verursachen kann. Wie die ausgeatmete Luft gelangt der Speichel über die Kanüle nach außen. Über einen Spezialkanal aber kann der Patientin zeitweise auch Sauerstoff zugeführt werden, um die Stimmbänder kurzfristig von unten zu belüften.

Erster Anruf nach Corona: Mitarbeitern kommen die Tränen

So konnte Margarete R. nach Monaten wieder ihre Kinder anrufen. „Das ist der Moment, in dem selbst erfahrenen Therapeutinnen wie mir die Tränen kommen “, sagt Atmungstrainerin Christiane Haack. „Reden können ist ein wichtiges Erlebnis auf dem Weg zur Genesung und beim Verarbeiten der Krankheit“, so Intensivmediziner Schönfeld.

Corona – Mehr Infos zum Thema

Covid-19-Patienten , die extrem lange brauchen, um selbst wieder Luft holen zu können, bedeuten für uns Intensivmediziner eine neue Herausforderung“, sagt Gernot Marx. Er ist Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin des Aachener Universitätsklinikums und Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Lesen Sie dazu auch: Auf den Intensivstationen beginnt ein Lauf gegen die Zeit

Wie lang der Weg sein kann, bis Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf eigenständig atmen, zeigt eine aktuelle Studie, die Daten von 10.021 AOK-Versicherten umfasst, die von Ende Februar bis April in 920 Krankenhäusern stationär behandelt wurden. Während der durchschnittliche Corona-Krankenhausaufenthalt 14 Tage betrug, war der beatmeter Patienten mit 25 Tagen deutlich länger.

Nach Corona: Patienten lernen mit Strohhalm zu trinken und breiartige Speisen zu essen

Covid-19-Patienten, deren Lunge ansatzweise funktioniert, werden während kritischer Tage über eine Gesichtsmaske mit Sauerstoff versorgt. Dieser gelangt mit hohem Druck in die Strukturen des Lungengewebes, die durch die Infektion verklumpt sind. Patienten mit akutem Lungenversagen hingegen bekommen Luft durch die sogenannte extrakorporale Membranoxygenation, die wie eine künstliche Lunge funktioniert.

Corona-Krise: So ist die Lage auf Deutschlands Intensivstationen

Dabei wird das Blut des Patienten außerhalb des Körpers über eine Membran mit Sauerstoff versorgt , bevor es in den Körper zurückgelangt. „Die Entwöhnung von dieser Maschine ist ein Balanceakt – und ein Training wie nach einem Beinbruch“, sagt Gernot Marx. Auch das Zwerchfell sei ja ein Muskel, der wieder lernen müsse, zu arbeiten.

Patientinnen wie Margarete R. werden dafür zunächst wenige Minuten, dann über immer längere Zeit von der künstlichen Lunge abgekoppelt. Dabei müssen Experten immer darauf achten, dass sich die Patienten nicht überfordern. „Ein aufwendiger Prozess – vor allem bei Menschen, deren Abwehr durch Lungenentzündung oder Keiminfektion geschwächt ist“, sagt Marx. Parallel dazu lernen die Patienten, mit dem Strohhalm zu trinken und breiartige Speisen wieder zu essen, ohne sich zu verschlucken.

Während künstlicher Beatmung: Sie haben Alpträume und Todesangst

Die psychologische Betreuung dürfe dabei nicht unterschätzt werden, sagt DIVI-Präsident Gernot Marx: „Wir haben es mit Menschen zu tun, die mitten aus dem Leben gerissen werden. Sie kommen in die Notaufnahme, weil sie zu wenig Sauerstoff bekommen und sich schläfrig fühlen. Irgendwann wachen sie dann aus der Narkose auf und können nicht richtig atmen. Sie haben Schmerzen, leiden unter Todesangst , haben Alpträume. Bisher werden solche Menschen nur in Ausnahmefällen psychologisch unterstützt.“ Lesen Sie dazu auch: Wann Covid-19 auch für junge Menschen gefährlich werden kann

Die Corona-Reha ist nach der Intensivstation der nächste wichtige Schritt für die Patienten. Dort geht ein Team von Spezialisten mit den Patienten den Weg weiter bis in den Alltag. „In der Intensivstation liegt man in der Regel still und wird ruhiggestellt. Bei uns legen es die Therapeuten darauf an, Menschen in Bewegung zu bringen“, erklärt Stefan Knecht, Chefarzt der Therapieklinik St. Mauritius, in der Margarete R. behandelt wird.

Die 81-Jährige weiß dieses Engagement zu schätzen – auch wenn es sie an den Rand der Erschöpfung bringt, eine Stunde ohne Beatmungsmaschine auskommen zu müssen. Doch sie hat fest vor, weiter zu kämpfen. Auch dafür, dass sie Arme und Beine wieder gut bewegen kann. Denn deren Muskeln haben durch das lange Liegen schlappgemacht. Damit sich das ändert, lässt sich Margarete R. immer wieder von ihrem Physiotherapeuten motivieren. Auch wenn sie nach ihrer Entlassung nach Ansicht der Experten weiter um ihre Leistungsfähigkeit ringen müssen wird – „das will ich schaffen“, sagt sie.