Fundstück

Legendäre Himmelsscheibe von Nebra jünger als gedacht?

Berlin.  Die in Sachsen-Anhalt gefundene Scheibe gilt als älteste Darstellung des Kosmos. Nun ist neuer Streit über ihr wahres Alter entbrannt.

Mithilfe der Himmelsscheibe konnten die Menschen Aussaat und Ernte bestimmen.

Mithilfe der Himmelsscheibe konnten die Menschen Aussaat und Ernte bestimmen.

Foto: imago stock / imago/sepp spiegl

Es gibt Streit um das wohl berühmteste archäologische Fundstück dieses Landes: die Himmelsscheibe von Nebra. Die älteste konkrete Darstellung des Kosmos könnte doch nicht so alt sein wie angenommen. Das sagen zwei Archäologen und lösen damit eine Auseinandersetzung unter Wissenschaftlern aus.

Die Scheibe wurde vor mehr als 20 Jahren auf dem Mittelberg nahe der Kleinstadt Nebra in Sachsen-Anhalt von zwei Raubgräbern im Erdreich gefunden. Das pizzatellergroße Bronzeartefakt mit Goldeinlagen gehört heute zum Unesco-Weltdokumentenerbe. Darauf sind viele in der Region des Fundortes stolz.

Die beiden Archäologen, die den Streit entfacht haben, sind sich sicher: Die Himmelsscheibe ist mehr als 1000 Jahre jünger als angenommen. Sie dürfe nicht der Bronzezeit, sondern müsse der späteren Eisenzeit zugerechnet werden, so Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München, und Rüdiger Krause, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, in einer wissenschaftlichen Zeitschrift.

„Eine ganze Geschichtsschreibung muss zurückgebaut werden“, sagt Gebhard. Er und Krause datieren die Scheibe nicht auf 1950 bis 1600 v. Chr., sondern auf eine Zeit zwischen 500 und 300 v. Chr. Es handele sich um eine keltische Himmelsdarstellung. Auch interessant:

Himmelsscheibe von Nebra: Einer der wichtigsten Funde in Deutschland

Die beiden Archäologen widersprechen damit einer weitgehend anerkannten Meinung, die in großen Teilen auf die Forschung von Harald Meller zurückgeht, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle.

Meller und seine Kollegen haben nicht nur Scheibe und Beifunde – zwei klar bronzezeitliche Schwerter sowie Beile und Armreifen – in­terpretiert, sondern auch ein Bild der Menschen der bronzezeitlichen Aunjetitzer-Kultur beschrieben, die die Scheibe auf dem Gebiet des heutigen südlichen Sachsen-Anhalts genutzt haben sollen. Auf dieser Grundlage gehört das Objekt zu den wichtigsten Funden in Deutschland.

Nach bisherigem Stand der Wissenschaft war die Himmelsscheibe ein Kultobjekt, aber zunächst eine Art Kalender, mit dem die Menschen vor gut 3600 Jahren Sommer- und Wintersonnenwende voraussagten und so Aussaat und Ernte bestimmen konnten – lange vor Griechen, Römern oder den Maya in Mittelamerika. Nach dieser Erzählung stehen sie in einer Reihe mit den ersten Hochkulturen: Ägypter, Sumerer, Babylonier und Assyrer.

Himmelsscheibe „mit Hoher Wahrscheinlichkeit“ nie auf dem Mittelberg genutzt worden

Das bestreiten nun Gebhard und Krause. Sie haben Studien zur Himmelsscheibe erneut ausgewertet. Die Scheibe sei zwar echt, jedoch „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nie an der als Fundort angegebenen Stelle auf dem Mittelberg genutzt worden. Die Stücke hätten nicht tief genug im Boden gelegen. Man könne nicht klar sagen, dass diese Erdschicht aus der Bronzezeit stamme.

Darüber hinaus gebe es keine überzeugenden Hinweise dafür, dass Schwerter, Beile und Armschmuck ein zusammenhängendes Ensemble bildeten. Außerdem finde man Motive wie die auf der Scheibe viel eher in der Eisen- als in der Bronzezeit. „Auf der bestehenden Grundlage ist es nicht möglich zu sagen, woher die Einzelteile stammen“, sagt Gebhard. „Das Studium aller Details lässt den Schluss zu, dass die Scheibe nicht zu den restlichen Funden gehört.“ Die Objekte seien erst später zusammengestellt worden. Die Himmelsscheibe müsse als Einzelfund aus der Eisenzeit betrachtet werden.

Das Landesmuseum in Halle weist das zurück. „Die Datierung der Himmelsscheibe ist durch zahlreiche Untersuchungen gesichert“, sagt Alfred Reichenberger, stellvertretender Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt und Sprecher des Museums in Halle. Die Argumente von Gebhard und Krause seien willkürlich zusammengesucht, die Schlussfolgerungen falsch.

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Unterstützung bekommt er vom Berliner Landesarchäologen und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Matthias Wemhoff. Er halte die Argumente von Gebhard und Krause „für nicht ausreichend, um die bisherige Datierung zu entkräften“. Zentral sei der Vorwurf, die Scheibe habe bei ihrem Fund viel zu weit oben im Erdreich gelegen. Gebhard und Krause würden jedoch ignorieren, dass in der Umgebung der Fundstelle die Bewaldung abgeholzt worden sei und Wind und Regen deshalb viele Bodenschichten abgetragen hätten. „Da fehlen doch mindestens 50 Zentimeter oder noch mehr.“

Ebenfalls entscheidend sei, so Wemhoff, dass Gebhard und Krause eine aktuelle Studie für das Museum in Halle nicht berücksichtigt hätten. Auch das Museum in Halle hatte in einer Stellungnahme darauf verwiesen. Die Studie beschäftigt sich kriminaltechnisch mit der Zusammensetzung der Erdanhaftungen an den Funden sowie des Bodens am Fundort. „Darin betont der Autor noch mal ausdrücklich, dass Himmelsscheibe und Schwert vom Mittelberg kommen“, so Wemhoff.

Gebhard entgegnet, dass der Inhalt des Aufsatzes identisch mit einem Gutachten von 2004 sei, das derselbe Autor verfasst hatte, undausgiebig berücksichtigt werde. Er habe sich schon in einem Artikel 2016 mit dem Gutachten beschäftigt. „Es wird in unserem Artikel als Archivmaterial zitiert, da es bislang nicht zitiert werden konnte“, so Gebhard. Aus dem Gutachten seien in Halle jedoch die falschen Schlüsse gezogen worden.

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Wer hat nun recht? Reichenberger sagt: „Wissenschaftlich sehen wir das ganz gelassen.“ Er kündigt an, in den nächsten Wochen in einer internationalen Fachzeitschrift zu reagieren. „Wir werden alle Vorwürfe entkräften können“, sagt er. Gebhard schlägt dagegen vor, eine unabhängige Kommission einzurichten. Der Streit geht erst mal weiter.