Coronavirus

Deshalb steigt die Zahl junger Corona-Infizierter plötzlich

Berlin.  Immer mehr junge Menschen infizieren sich in Deutschland neu mit dem Coronavirus. Woran liegt das? Welche Folgen hat die Entwicklung?

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  • Das RKI warnt: Die Corona-Neuinfektionen in der Altersgruppe der 10- bis 30-Jährigen steigen deutlich an
  • Laut Epidemiologe-Professor Ralf Reintjes sind unter anderem Urlaubsreisen und die Öffnung der Schulen für den Anstieg verantwortlich
  • Auch andere Experten sind über die zunehmenden Neuinfektionen in der Altersgruppe nicht verwundert
  • Welche Faktoren beeinflussen laut Meinung der Experten den Anstieg?

Seit mehr als zwei Wochen steigt in Deutschland der Anteil junger Menschen mit einer Corona-Infektion. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es einen deutlichen Anstieg bei den 10- bis 30-Jährigen im Verhältnis zu den höheren Altersgruppen. Wie lässt sich das erklären? Und was heißt das für die weitere Ausbreitung von Sars-CoV-2? Mediziner sind besorgt. Sie fordern eine neue Teststrategie.

Das RKI weist im Zuge der Dynamik unter den jüngeren Kindern vor allem auf Familienurlaube hin, bei den 20- bis 25-Jährigen auf Vergnügungsreisen. Und tatsächlich wächst der Anteil positiver Coronatests mit einem wahrscheinlichen Ansteckungsort im Ausland.

Deren Anteil beziffert das RKI mit 39 Prozent, was mit der hohen Zahl von Coronatests an Flughäfen und Landesgrenzen zusammenhängen dürfte. Darüber hinaus ist die Zahl der Tests in Deutschland insgesamt angestiegen. Wurden Ende April laut RKI in einer Woche rund 364.000 Tests durchgeführt, waren es Mitte August mehr als 875.000. In diesen Ländern stecken sich die meisten mit dem Coronavirus an.

Mehr Corona-Infektionen: Rückkehrer aus Risikogebieten gab es im Mai nicht

Für Prof. Reinhard Berner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dresden, ist es nicht verwunderlich, dass in den aktuellen Ergebnissen mehr Infektionen bei jungen Erwachsenen und Kindern registriert werden.

„Sie werden jetzt systematisch getestet, wenn sie gerade aus dem Familienurlaub aus Risikogebieten zurückkommen. Diese Gruppe gab es so im Mai nicht, sie ist nicht getestet worden und tauchte daher auch nicht in den Daten auf“, sagt Berner.

Die Schulöffnung in einzelnen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg oder auch Hessen spielen seiner Auffassung nach keine große Rolle. „Sie sollte nicht überschätzt werden.“

„Wir werden Infektionen in Schulen und Kindergärten und Kindertagesstätten haben“

Berner ist davon überzeugt, „dass Kinder keine extrem große Rolle in der Verbreitung des Virus spielen“. Bei mutmaßlich stark steigenden Fallzahlen im Herbst aber „werden wir auch Infektionen in Schulen und Kindergärten und Kindertagesstätten haben. Da muss sehr genau überlegt werden, wie wir damit umgehen“.

Auch Epidemiologe-Professor Ralf Reintjes von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg geht davon aus, dass die Infektionszahlen in den kommenden Wochen weiter ansteigen werden. Das durchschnittliche Alter der Infizierten werde weiter sinken.

Junge Menschen bemerken eine Corona-Infektion oft nicht

Faktoren hierfür seien vermutlich Urlaubsreisen und die Öffnung der Schulen. „Je weiter sich das Virus bei jungen Menschen verbreitet, desto stärker und diverser kann es sich auch in der Gesellschaft ausbreiten“, warnt Reintjes.

„Junge Menschen haben in der Regel einerseits mehr soziale Kontakte, an die sie das Virus weitergeben können, als ältere. Andererseits bemerken sie eine Infektion angesichts ausbleibender Symptome häufig nicht und isolieren sich daher auch nicht“, so Reintjes weiter. An diesen Orten stecken sich viele Menschen mit dem Coronavirus an.

Corona und Schule – Mehr zum Thema

Auch in anderen Ländern wie Frankreich steigt die Zahl jüngerer Infizierter. Der Gesundheitsminister des Landes, Olivier Véran, warnte am Sonntag in einem Zeitungsinterview vor einer vermehrten Übertragung des Virus von Jüngeren auf Ältere. Wenn sich die Ausbreitung des Virus unter den Jüngeren beschleunige, bestehe die Gefahr, dass ältere Menschen infiziert würden, die häufiger an der schwereren Form von Covid-19 erkrankten, sagte Véran.

Für Prof. Bernd Salzberger, Leiter des Bereichs Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg, ist die Verschiebung des Altersdurchschnitts bei den Corona-Infizierten bedenklich. „Falls die Übertragung in dieser Altersgruppe stattfindet, muss man unpopuläre Maßnahmen ergreifen, die zur Einhaltung von mehr ‚sozialer Distanz‘ führen“, sagt er. Die Fallzahlen würden nach dem Ende der Urlaubszeit nur fallen, wenn sich das Verhalten ändere. Lesen Sie hier: Quarterlife – Die Krise der Mittzwanziger

Wie unterscheidet man einen normalen Infekt von Corona?

Reinhard Berner und Ralf Reintjes sehen in den kommenden Wochen große Probleme auf Schulen und Universitäten zukommen. „Die enorme Herausforderung im Herbst wird sein: Wie unterscheidet man die große Zahl von Kindern mit Infekten, die sie sonst auch immer im Herbst haben, von denen, die wirklich eine Sars-CoV-2-Infektion haben?“, sagt Berner.

Es werde keinen Kindergarten oder keine Grundschule geben, die ein Kind mit Symptomen einer Atemwegsinfektion einfach so zulassen werde. „Man wird die Kinder entweder relativ großzügig zu Hause lassen müssen oder aber die Testkapazitäten erweitern und auch viele Kinder testen, nur um nachweisen zu können, dass es sich dabei nicht um eine Sars-CoV-2-Infektion handelt.“ Für Berner brauche es sinnvolle Konzepte, „um großräumige Schul- oder Kita-Schließungen zu verhindern“.

Sicherer Schulunterricht wichtiger als Fußballspiele vor Publikum

Auch Ralf Reintjes fordert ein intensiveres Nachdenken über die Organisation von Schulen und Kindergärten. Er sagt: „Da der Schulunterricht für Kinder sehr wichtig ist, sollte unser Hauptaugenmerk auf einer sicheren Gestaltung dessen liegen. Und an dieser Stelle könnte der Einsatz von regelmäßigen Tests gesellschaftlich sinnvoller sein als zum Ermöglichen von Fußballspielen vor Publikum.“