Saisonarbeit

Coronavirus: Fällt jetzt die Spargel- und Erdbeerernte aus?

Berlin.  Horst Seehofer verbietet Erntehelfern, nach Deutschland zu reisen. Der Bauernverband ist alarmiert. Was bedeutet das für die Ernte?

Coronavirus: So soll die Wirtschaft aus der Krise kommen

Die Corona-Krise ist eine gigantische Prüfung für die Wirtschaft. Der Staat greift deshalb tief in die Taschen, um Unternehmen, Selbständige und Bürger zu unterstützen.

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Für die Bauern ist es eine Hiobsbotschaft. Seit Mittwochnachmittag ist Schluss. Seit 17 Uhr dürfen keine Saisonarbeiter und Erntehelfer aus Drittstaaten mehr nach Deutschland einreisen. Dies hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) überraschend zur Eindämmung der Corona-Epidemie verfügt.

Dazu gehören unter anderem Bulgaren, Rumänen und Briten sowie Bürger aus EU-Staaten, die den Schengen-Besitzstand nicht voll anwenden. Die Regelung gilt bis auf Weiteres. Ausgenommen sind Pflegekräfte aus diesen Staaten.

Corona-Krise: Einreiseverbot trifft Landwirte hart

„Das Einreiseverbot für unsere Saisonarbeitskräfte trifft unsere Betriebe in der jetzigen Phase sehr hart“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied. „Insbesondere unsere Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, die auch Teil der kritischen Infrastruktur sind, brauchen dringend Arbeitskräfte.“

Auf den Feldern wächst gerade der Spargel, der kurz vor der Ernte steht. Andere Gemüsesorten und Sommergetreide müssen ausgesät werden. Dies alles konnten Landwirte bisher nur mit ausländischer Hilfe erledigen.

In der deutschen Landwirtschaft sind jährlich rund 300.000 Saisonarbeitskräfte beschäftigt – die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa. Allein für die Spargelernte wurden bislang rund 170.000 Helfer benötigt.

Klöckner: Entscheidung soll „regelmäßig überprüft werden“

„Dieser Einreisestopp muss so kurz wie möglich gehalten werden“, fordert Rukwied. Die Betriebe seien bereit, alle Maßnahmen zum Infektionsschutz umzusetzen. Doch das wird wohl nicht reichen, um die Situation schnell zu ändern.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) versprach zwar, dass man die neue Regelung „regelmäßig überprüfen werde“, doch zumindest für die kommenden zwei Monate werden sich die Landwirte voraussichtlich auf fehlende Saisonarbeiter einstellen müssen.

Allein im Mai werden 85.000 Erntehelfer benötigt

Bereits jetzt fehlen zahlreiche Erntehelfer, berichtete Klöckner am Mittwoch in Berlin. Normalerweise arbeiten im März bereits rund 35.000 Saisonarbeitskräfte auf den Feldern und in den Ställen.

Im Mai, wenn neben dem Spargel auch noch die Erdbeeren sowie unter anderem Kopfsalat und Rhabarber geerntet werden, steigt die Zahl der benötigten Saisonarbeitskräfte auf 85.000. „Das ist ein harter Schlag für die landwirtschaftlichen Familien“, kommentierte Klöckner die Entscheidung Seehofers.

Landwirte flogen Erntehelfer ein

Einige Landwirte hätten in der vergangenen Woche, als Ungarn bereits seine Grenzen geschlossen hatte und der Weg insbesondere für rumänische Saisonarbeiter bereits versperrt war, ihre Arbeitskräfte per Flugzeug einfliegen lassen.

Andere Saisonarbeiter, insbesondere aus Polen, hätten dagegen die Reise erst gar nicht angetreten – aus Angst, sich in Deutschland zu infizieren oder bei der Rückkehr in Quarantäne zu müssen, sagte Klöckner.

Online-Jobportal soll Abhilfe schaffen

Für die Ministerin geht es jetzt darum, Lösungen zu präsentieren. Denn Seehofers Vorstoß reduziert auch ihre Optionen. Ihre Pläne aus der Vorwoche, Saisonarbeitskräfte in großer Zahl unter anderem mithilfe der derzeit nahezu stillgelegten Lufthansa einfliegen zu lassen, sind nach Seehofers Entscheidung vom Tisch.

Immerhin: Auf einer Online-Jobbörse, die das Ministerium unter daslandhilft.de ins Netz gestellt hat, hätten sich laut Klöckner bereits 16.000 Bewerber registriert, die in der Landwirtschaft aushelfen wollen. „Ein tolles Zeichen, wie die Gesellschaft zusammenhält“, findet Klöckner.

Klöckner: Asylbewerber und Studenten könnten bei Ernte helfen

Doch auch sie weiß, dass dieses Zeichen und auch die 16.000 Bewerber nicht ausreichen werden, um die Aufrechterhaltung des normalen Erntebetriebs zu gewährleisten. Da auch technische Neuerungen wie Ernte-Roboter noch nicht verbreitet sind, präsentiert die CDU-Politikerin durchaus unkonventionelle Lösungsvorschläge.

„Ich habe Horst Seehofer gebeten, zu prüfen, ob Asylbewerber, die bisher keine Arbeitserlaubnis haben, aber in Deutschland sind, die Möglichkeit erhalten können, zu helfen“, sagte Klöckner. Auch für Studenten könne sie sich Anreize vorstellen. So solle ein Zuverdienst bei der Ernte nicht auf das Bafög angerechnet werden, schlug die Ministerin vor.

Dürfen Saisonarbeiter länger bleiben?

Auch möchte Klöckner die Saisonarbeitskräfte, die bereits in Deutschland sind, länger im Land lassen. Bisher können Erntehelfer und Saisonarbeiter hierzulande 70 Tage lang aushelfen, ohne sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein zu müssen.

Diese Zeitspanne will Klöckner auf 115 Tage erhöhen. „Das reduziert zudem die Mobilität und damit auch die Infektionsgefahr“, sagte die CDU-Politikerin. Zudem forderte sie, dass auch landwirtschaftliche Unternehmen stärker von dem Rettungsschirm der Regierung profitieren sollten.

Versorgung sei gesichert

Trotz der fehlenden Saisonarbeitskräfte betonte Klöckner: „Es gibt keinen Grund, Sorge zu haben, es gebe nicht mehr genügend zu essen.“ Die Selbstversorgungsrate bei den Grundnahrungsmitteln liege bei über 100 Prozent. Es gebe also keinen Grund, Lebensmittel zu hamstern.

Auch Bauernpräsident Rukwied bestätigte, dass die Versorgung nicht gefährdet sei, schränkte zugleich aber ein: „Dennoch kann es, abhängig von der Dauer des Einreisestopps, durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen.“

Skepsis beim Handelsverband

Skeptisch gegenüber der Anordnung aus dem Innenministerium zeigt sich der Handelsverband Deutschland (HDE). „Die Veränderung der Weisungslage an die Bundespolizei durch das BMI in Hinblick auf Saisonarbeitnehmer ist natürlich für die Aufrechterhaltung Lebensmittellieferkette eine sehr große Herausforderung“, sagte ein HDE-Sprecher unserer Redaktion.

Die Gesundheit habe oberste Priorität. „Dessen ungeachtet gilt es jetzt Lösungen zu finden, wie die Ernten zahlreicher Produkte ohne Saisonarbeitnehmer aus anderen Mitgliedstaaten eingebracht werden können“, sagte der Sprecher. Auch stelle sich aus europarechtlicher Sicht die Frage, ob die Anordnung nicht diskriminierend sei.

Ernährungsindustrie mahnt: Lebensmittelhersteller sind auf Ernte angewiesen

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BDE) hat die Einschränkungen mit „Überraschung“ aufgenommen, wie Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der BDE, unserer Redaktion sagte. „Die Lebensmittelhersteller, insbesondere in der Obst- und Gemüseverarbeitung, sind auf die regionale Ernte angewiesen, um weiterhin produzieren zu können“, mahnte sie und fügte an: „Aufgrund der zunehmend schwierigen Bedingungen im Außenhandel durch die Coronakrise, erscheinen auch Alternativen zur heimischen Beschaffung knapp.“ Daher brauche es dringend Lösungen, forderte die BDE-Geschäftsführerin.

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