Pandemie

Corona-Ausbruch: 1100 Wiesenhof-Beschäftigte in Quarantäne

Berlin.  Beim Putenschlachtbetrieb Geestland sind mindestens 46 Beschäftigte von Corona betroffen. Nun werden alle unter Quarantäne gestellt.

Corona-Massenausbruch: Zustände in der Fleischbranche im Fokus

Der Corona-Massenausbruch beim Fleischkonzern Tönnies heizt die Debatte um die Arbeitsbedingungen in der Branche weiter an. Insbesondere die Werkverträge mit ausländischen Arbeitnehmern stehen in der Kritik.

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Ihre Produkte liegen in den Kühlregalen vieler Supermärkte und Discounter: Hähnchenschenkel, Putenbrust oder Geflügelwurst der Marke Wiesenhof. Doch der Putenschlachtbetrieb Geestland (GPS) des größten deutschen Geflügelproduzenten PHW im niedersächsischen Wildeshausen ist seit Tagen in den Negativ-Schlagzeilen: 46 von 1183 getesteten Beschäftigten des Werkes sind mit dem Coronavirus infiziert.

Für ausnahmslos alle Mitarbeiter sowie deren direkte Kontaktpersonen ist nun eine Quarantäne von zwei Wochen angeordnet worden. Das teilte der Landkreis am Freitag mit. „Das ist eine Entscheidung, die uns nicht leicht gefallen ist“, sagte der Oldenburger Landrat Carsten Harings. Für die Entscheidung habe sich der Kreis die Zustimmung der Landesregierung geholt. „Die primäre Aufgabe ist es, die Bevölkerung vor weiteren Infektionen zu schützen.“

Wiesenhof-Schlachter Geestland schließt Betrieb für zwei Wochen

Vor dem Hintergrund der Quarantäneverfügung fährt das Unternehmen nun schrittweise die Arbeit herunter. Der Betrieb soll für zwei Wochen geschlossen werden. „Es werden keine Puten mehr zur Schlachtung angenommen“, hieß es am Freitag in einer Mitteilung des zur Wiesenhof-Gruppe gehörenden Unternehmens.

Die Quarantäneverfügung wurde laut GPS am Freitag vom Kreis Oldenburg angeordnet. Da die Unternehmensgruppe über keinen weiteren Schlacht- und Zerlegebetrieb für Puten in Deutschland verfüge, könnte es in den landwirtschaftlichen Aufzuchtbetrieben nun zu Tierschutzproblemen kommen.

„Es müssen gemeinsam und schnellstmöglich Lösungsmöglichkeiten für die Landwirte gefunden werden. Im schlimmsten Fall müssten die Landwirte gesunde Tiere in ihrem Betrieb töten. Dies gilt es jetzt unbedingt zu vermeiden“, warnte GPS-Geschäftsführer Norbert Deeken. Beim niedersächsischen Agrarministerium will das Unternehmen jetzt um Soforthilfe in Form von Sondergenehmigungen für die Schlachtung der Puten in anderen Schlachtereien in Niedersachsen bitten.

Geestland in Wildeshausen: Neuer Brennpunkt für Corona-Infektionen

Nach dem größten deutschen Fleischhersteller Tönnies und einem Schlachthof im oldenburgischen Essen, bei dem vier Mitarbeiter mit dem Virus infiziert sind, ist damit ein weiterer Betrieb zum Brennpunkt für Corona-Infektionen geworden. Nicht zuletzt um härtere Einschränkungen für die Bevölkerung zu vermeiden, ist der Landkreis Oldenburg an einer schnellen Aufklärung interessiert. Lesen Sie auch: Nach dem jüngsten Corona-Ausbruch: Gütersloh ist überall

Positiv getestet wurden 5 Festangestellte und 40 Werkvertragsarbeiter, hatte GPS am Donnerstag mitgeteilt. Zum 46. Fall machte GPS am Freitag noch keine Angaben. Nur einer dieser 45 Mitarbeiter wohne in einer Gemeinschaftsunterkunft, alle anderen in Privatunterkünften.

„Die Zahl der Infizierten hat sich Gott sei Dank nicht entsprechend den Ergebnissen der ersten Testreihe potenziert, bei der von 50 Arbeitnehmern 23 positiv getestet wurden“, sagte Landrat Harings. Durch die Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen könnten aber noch Fälle dazukommen.

Hygienebedingungen verschärft und zusätzliche Pausenräume

Geschäftsführer Deeken versicherte, „dass wir alles dafür tun, um die Gesundheit aller Beschäftigten bestmöglich zu schützen“. Nach Angaben der zuständigen Behörde soll GPS ein Hygienekonzept entwickelt und umgesetzt haben. So seien die Hygienebedingungen verschärft und zusätzliche Pausenräume eingeführt worden.

Dennoch stellte der niedersächsische Landkreis Diepholz bereits am Mittwoch ein ehemaliges Kasernengelände vorsorglich unter Quarantäne, auf dem den Angaben zufolge Werkvertragsarbeiter der Wiesenhof-Firma wohnen. In den Gebäuden in dem Ort Wagenfeld seien 200 Menschen untergebracht, sagte eine Behördensprecherin. Die Testergebnisse für die Arbeiter stünden noch aus.

In Cloppenburg erkrankten nach Angaben des Landkreises ein Mann, der bei Geestland arbeitet, seine Frau und zwei Kinder im Schüleralter. Sie besuchen ein Gymnasium in Cloppenburg. „Für ihre Mitschüler bestand nach jetzigem Stand nach Ansicht des Landkreises keine Ansteckungsgefahr“, hieß es in einer Mitteilung.

Noch steht nicht fest, warum das Coronavirus gerade in der Fleischproduktion einen guten Nährboden für seine Verbreitung findet. Sind es die kühlen Temperaturen, die räumlich engen Produktionsverhältnisse oder nicht ausreichende Hygiene? Fakt ist: Das Problem ist international und während der Pandemie auch in anderen Ländern wie den USA, Großbritannien, Irland oder Spanien vorgekommen.

Lesen Sie auch: Kann sich das Coronavirus auch über Fleisch übertragen?

Gewerkschaft sieht branchenweites Problem

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss Gaststätten (NGG) sieht ein branchenweites Problem in den Produktionsbedingungen. Die Beschäftigten arbeiten eng an den Bändern, im Akkord und können oft nicht Abstand halten. Diese Zustände müssten geändert werden. Lesen Sie auch: Corona bei Tönnies: Alle Mitarbeiter in Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne

„Der Arbeitsschutz muss Priorität haben“, fordert der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. So müssten zunächst die Hygienekonzepte und Abstandsregeln beim Schlachten, Zerlegen und Verpacken eingehalten werden. „Das heißt, Geschwindigkeiten der Schlachtbänder halbieren, Schlachtmengen reduzieren, Mindestabstände der Arbeitsplätze vergrößern“, sagte Zeitler unserer Redaktion.

Vor allem müssten die Behörden das Einhalten der Regeln engmaschig kontrollieren.

Zumeist Osteuro­päer mit kleiner Entlohnung

Ein weiteres Problem sind die Werkverträge, mit denen zumeist Osteuro­päer mit kleiner Entlohnung beschäftigt werden. „Werkverträge müssen in der Fleischindustrie verboten werden. Wir erwarten, dass der Gesetzentwurf, den Arbeitsminister Hubertus Heil voraussichtlich Anfang Juli im Bundeskabinett vorlegen wird, dann ohne Abstriche im Gesetzgebungsverfahren umgesetzt wird“, sagte der Gewerkschaftschef.

Die PHW-Gruppe hatte kurz nach Bekanntwerden der Infektionen angekündigt, ihre über Werkverträge beschäftigten Mitarbeiter in ein festes Anstellungsverhältnis zu übernehmen. Wann, wurde nicht gesagt. Derzeit beschäftigt der Konzern nach eigenen Angaben etwa 20 Prozent der Mitarbeiter über Werkverträge.

NGG-Vorstand bezweifelt Ernsthaftigkeit der Erklärung

Doch der NGG-Vorstand bezweifelt die Ernsthaftigkeit der Erklärung. Die Ankündigung der großen Konzerne, auf Werkverträge zu verzichten, sei „der untaugliche Versuch, ein Verbot zu verhindern“. Lesen Sie auch: Tönnies-Ausbruch zeigt: Die Corona-Krise schwelt weiter

Das Bundeskabinett will per Gesetz die Arbeitsbedingungen bei Frischfleisch- und Frischgeflügel-Lieferanten spätestens ab Januar 2021 in der Schlachtung, Zerlegung und Verpackung verschärfen und dort Werkverträge verbieten. Der Bundestag muss dem aber noch zustimmen.

Greenpeace fordert grundsätzlichen Umbau der Branche

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert wiederum einen grundsätzlichen Umbau der Branche. „Die Praktiken der Fleischindustrie sind nicht erst seit Corona eine Gefahr für Menschen, Tiere und Umwelt“, sagt Greenpeace-Sprecherin Stephanie Töwe-Rimkeit. „Das System basiert auf skrupelloser Ausbeutung, um möglichst billig Fleisch zu produzieren.“ Die Ausbeutung von Beschäftigten in den Schlachthöfen müsse ein Ende haben.

Und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) solle in den Ställen endlich geltendes Tierschutzrecht durchzusetzen. Es müsse verbindliche Haltungskennzeichnungen geben. Nur so bekämen Verbraucher die nötige Transparenz, die kein Fleisch aus tierquälerischer Haltung kaufen wollen.

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