Forschungsprojekt

Uni-Studie: So giftig treten Deutschlands Chefs im Job auf

Berlin.  Chefs kränken oder ignorieren Mitarbeiter? In deutschen Firmen ist das laut einer neuen Uni-Studie eher die Regel als die Ausnahme.

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„Hier wird man angeschrien. Fehler machen immer nur wir, nie die Chefs“, klagt der Mitarbeiter eines deutschen Industriekonzerns. Und ein Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens bezeichnet seine Chefs als „Vorgesetzte, die meinen, Lügen, Druck und Abmahnungen gehören zu einer guten Führung“. Sätze wie diese hat Christina Hoon zuletzt oft gelesen.

Die 48-Jährige ist Stiftungslehrstuhlinhaberin für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Familienunternehmen an der Universität Bielefeld. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ging sie der Frage nach, was Arbeitnehmer über ihre Chefs denken.

Uni-Studie: Mehrheit der Arbeitnehmer ist unzufrieden mit ihren Chefs

„Gemessen wurde schlechte oder destruktive Führung: also etwa, ob Führungskräfte ihre Mitarbeiter öffentlich bloßstellen, ob sie sie kränken oder ignorieren“, sagt Hoon. Der Fachterminus für dieses als feindselig wahrgenommene Führungsverhalten nennt sich „Abusive Supervision“. Und das Ergebnis hat es in sich: In 85 Prozent der deutschen Unternehmen berichten Mitarbeiter von einer solchen „Abusive Supervision“, von einem schlechten Führungsverhalten.

Beim Erstellen der Analyse war Hoon nicht allein. Die größte europäische Arbeitgeberbewertungsplattform und Xing-Tochter Kununu stellte seinen kompletten Datenbestand der Jahre 2016 und 2017 für die Untersuchung zur Verfügung. Über 40.000 Datenpunkte zu 430 Unternehmen kamen zusammen, letztlich erfüllten 37.308 quantitative Bewertungen und 3725 Textkommentare die Qualitätskriterien der Studie – eine für eine universitäre Arbeitsmarktstudie außergewöhnlich hohe Zahl.

Da eine Auswertung eines solchen Datenbestandes für eine Universität kaum zu bewältigen ist, schlossen sich die Universität Bielefeld, die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin sowie die Universität Trier zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt zusammen. Die Ergebnisse liegen unserer Redaktion exklusiv vor. Und sie gewähren einen Einblick, was falsch läuft in deutschen Firmen.

Jeder Fünfte hat ein Problem mit dem direkten Vorgesetzten

Zwar bewertet nur jeder fünfte Beschäftigte das Führungsverhalten seines direkten Vorgesetzten als negativ. Auf der gesamten Unternehmensebene lässt sich der Studie zufolge aber in mehr als 85 Prozent negatives Führungsverhalten finden.

Und nur eine destruktive Führungskraft hat bereits Folgen für das ganze Unternehmen, sagt Hoon: „Es ist nicht egal, ob es eine schlechte Führungskraft in einem Unternehmen gibt. Schlechte Führung führt dazu, dass das Führungsklima insgesamt toxisch wird. Es überträgt sich auf andere Führungsebenen und kostet den Unternehmen Geld.“

Unternehmensperformance verringert sich

Untersucht wurde dabei die Entwicklung der Gesamtkapitalrentabilität, also wie rentabel das gesamte Kapital einer Firma arbeitet. Es zeigt sich, dass „sich bei einer toxischen Führung das Zufriedenheitsklima und darüber dann auch die Firmenperformance reduziert“, sagt Hoon.

Ihr Bielefelder Universitätskollege und Mitautor, Juniorprofessor Kai Bormann, fasst zusammen: „Unternehmen können es sich nicht erlauben, schlechte Führungskräfte auszuhalten oder zu ignorieren. Und das gilt insbesondere auch im finanziellen Sinn.“ Negatives Führungsverhalten übertrage sich zudem von der Management-Ebene auf die unteren Hierarchieebenen.

In Familienunternehmen ist der Schaden geringer

Die Größe eines Unternehmens spiele dabei keine Rolle, in großen Firmen finden sich ebenso destruktive Führungskräfte wie in kleinen. Aber: In Familienunternehmen richten die giftigen Chefs weniger Schaden an. „Wir können nur vermuten, warum das so ist, denn auch in Familienunternehmen herrscht per se kein anderes Führungsklima, auch hier gibt es toxische Führung“, sagt Hoon.

Ihre Erklärung: Familienunternehmen seien oft weniger hierarchisch strukturiert, und oft würden familiäre Wertvorstellungen in den Arbeitsalltag mit eingebracht. „Das kann womöglich helfen, um Schäden zu mindern“, sagt die 48-jährige Universitätsprofessorin.

Die „armen Hunde“ sitzen in jedem fünften Unternehmen

Für die Studie haben die Wissenschaftler vier Typen von Führung ausgemacht. Immerhin in rund jedem dritten Unternehmen herrscht demnach eine gesunde Führungskultur und auch ein gesundes Zufriedenheitsklima. In 16 Prozent der Unternehmen herrsche zwar ein toxisches Führungsklima, dennoch sei die Zufriedenheit hoch, ebenso die Unternehmensleistung.

Doch jedes zweite Unternehmen weise eine niedrige Unternehmensperformance auf. In 29 Prozent der untersuchten Unternehmen herrsche ein geringes Level an toxischer Führung, dennoch sei die Zufriedenheit gering. Und dann gibt es noch die Kategorie, die die Wissenschaftler die „poor dogs“, die „armen Hunde“ nennen: In rund jedem fünften Unternehmen sei das Führungsklima schlecht, die Unzufriedenheit hoch.

Arbeit an der Führungskultur

Nur: Wie geht man mit einer Führungskraft, die ein schlechtes Klima im Unternehmen verbreitet, um? „Eine offene und transparente Feedbackkultur, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist, gibt Unternehmen die Möglichkeit, auf Missstände im Führungsverhalten aufmerksam gemacht zu werden und diese aktiv anzugehen“, sagt Yenia Zaba, Kommunikationsdirektorin von kununu.

Wissenschaftlerin Christina Hoon stellt zu giftigen Chefs klar: „Sie einfach zu ignorieren und auszuhalten, kann keine Lösung darstellen, denn sie schadet dem gesamten Unternehmen.“ Sie appelliert, dass Unternehmen aktiv an ihrer Führungskultur arbeiten müssen. Denn letztlich sei das eine Investition, die sich für ein Unternehmen auch finanziell lohnt.

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